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| 18:11 Uhr

Wie lebt es sich im ländlichen Raum, Teil1
Gut entwickelt oder abgehängt?

Koßdorf, Ortsteil der Stadt Mühlberg, zählt zu den Dörfern im Landkreis, die einen schmerzlichen Schrumpfungsprozess durchmachen. Die Landwirtschaft war hier einst Motor. Inzwischen stehen viele Gebäude leer, so auch die großzügige Verkaufsstelle.
Koßdorf, Ortsteil der Stadt Mühlberg, zählt zu den Dörfern im Landkreis, die einen schmerzlichen Schrumpfungsprozess durchmachen. Die Landwirtschaft war hier einst Motor. Inzwischen stehen viele Gebäude leer, so auch die großzügige Verkaufsstelle. FOTO: Frank Claus / LR
Potsdam. Elbe-Elster ist das, was gemeinhin als ländlicher Raum bezeichnet wird. Wie lebt man hier? Frank Claus und Manfred Feller

Auf Antrag der AfD hat der Brandenburger Landtag in der vergangenen Woche kontrovers über die Entwicklungen im ländlichen Raum debattiert. Während die AfD warnt, Brandenburg wolle „kein Vorgarten von Berlin sein“ und der Regierungskoalition vorwirft, ländliche Räume zu vernachlässigen, entgegnet die SPD, dass die Debatte nur „Ängste schüren“ solle und man keine „Untergangsszenarien der AfD“ brauche. Die SPD untersetzt das mit 100 Millionen Euro für Landesstraßen, Investitionen in Schienennetze und Krankenhäuser sowie einem Bekenntnis zu ländlichen Räumen: „50 Prozent der Städtebaumittel fließen in die Dorferneuerung.“

 Die CDU kritisiert, dass die AfD nicht einen einzigen Lösungsvorschlag unterbreite, wirft der Koalition aus SPD und Linken dennoch vor, dass sie „eine Schrumpfungsideologie“ verfolge und einem „Zentralisierungswahn“ unterliege.

Doch wie sieht es nun konkret in der Fläche aus? Antwort: Höchst unterschiedlich.

Dabei fällt auf, dass die stadtnahen Dörfer zumeist ihre Einwohnerzahlen stabilisieren, mitunter sogar Zuzug vermelden. In Zeischa und Dobra werden neue Wohnungsbaustandorte ausgewiesen, Maasdorf und Möglenz sind beliebte Wohnorte. Neuburxdorf bekommt deutlich Aufwind.  In allen gibt es ein reges gesellschaftliches Leben. Wer zu weit weg ist von Städten scheint größere Probleme zu bekommen: Langenrieth und Burxdorf müssen sich wie Fichtenberg, Wildgrube, Beutersitz und Domsdorf immer wieder in Erinnerung rufen.

„Ohne neue Arbeitsplätze geht es weiter bergab auf dem Land“, stellt Günter Böhm, von 1965 bis 1980 Bürgermeister in Koßdorf, fest. Der Senior verfolgt die Entwicklung intensiv und interessiert seit Jahrzehnten. Auch wenn manche Dörfer durchaus gut dastehen: „Es ist traurig, aber diese Entwicklung hält keiner auf.“ Koßdorf, einst ein Großbauerndorf, hatte in den 1970er-Jahren noch mehr als 1100 Einwohner, einschließlich Lönnewitz. Heute sind es einige Hundert weniger. Zwangsläufig stehen dadurch viele Gehöfte leer und verfallen. Aber auch die kommunale Infrastruktur hat arg gelitten. Günter Böhm zählt auf, was es einst alles gab: eine Zehn-Klassen-Oberschule, fünf Gaststätten (alle geschlossen), das Kulturhaus verfällt, das erste moderne Landwarenhaus der HO im damaligen Kreis Bad Liebenwerda ist Geschichte, ebenso der Konsum. „Wir hatten sogar eine Zweigstelle der Sparkasse“, erinnert sich der Koßdorfer. Von den drei Bäckern Kühne, Nickel und Schmidt ist ein Brot- und Brötchenverkauf geblieben. Koßdorf macht einen schmerzlichen Schrumpfungsprozess durch. Und trotzdem keimt Hoffnung: Es werden auch neue Häuser gebaut. Das Dorfleben ist nicht eingeschlafen wie der Weihnachtsmarkt am vergangenen Wochenende belegt. Und es gibt immer noch eine Kinderbetreuung im Ort und eine Allgemeinmedizinerin.

Mehrfamilienhäuser sind auf dem Land besonders schwer zu vermieten. Ein Grund: Schlechte Anbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Mehrfamilienhäuser sind auf dem Land besonders schwer zu vermieten. Ein Grund: Schlechte Anbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. FOTO: Frank Claus / LR
Wenn das der Kaiser wüsste: Auch die Gaststätte „Zum deutschen Kaiser“ ist dicht. Koßdorf hatte mal fünf Kneipen, jetzt sind alle zu.
Wenn das der Kaiser wüsste: Auch die Gaststätte „Zum deutschen Kaiser“ ist dicht. Koßdorf hatte mal fünf Kneipen, jetzt sind alle zu. FOTO: Frank Claus / LR
Und natürlich prägt Koßdorf auch eine Sorge, die viele Dörfer haben: In zu alte Bausubstanz will meist keiner mehr investieren.
Und natürlich prägt Koßdorf auch eine Sorge, die viele Dörfer haben: In zu alte Bausubstanz will meist keiner mehr investieren. FOTO: Frank Claus / LR