Paul Böckelmann, Jahrgang 52, Künstler. Lebenserfahren. Wach. Einfühlsam. Deftig. Und einer mit Rückgrat. Gerade jetzt, in einer in alle Richtungen scheinbar zerberstenden Welt.

Und einer, dem Mainstream zuwider ist. Das war im Luther-Jahr so und es ist im Fontane-Jahr wieder so. Beweis: Seine neue Ausstellung „Fontane - Er war nie hier“. Dazu gehören zwei Bände unter dem Titel „Dreck ist ein fruchtbarer Boden“. Einer widmet sich dem Kiesabbau in der Region, der andere beschäftigt sich mit den Bewohnern, die ihn aushalten (müssen). Die Ausstellungseröffnung mit Lesung und auf den i-Punkt zelebrierter Begleitmusik fasziniert. Viele jedenfalls. Aber nicht alle. Doch der Reihe nach.

Paul Böckelmann ist seit vielen Jahren aufmerksamer Beobachter der Entwicklungen in der Mühlberger Region. Wird selber aktiv, gründet mit Mitstreitern ein Aktionsbündnis „Häßliche Heimat“, als die Debatten zum Kiesabbau einem Sandsturm ähnlich werden. Im Kapitel „Die Ichs“ beschreibt er sich, seine Beobachtungen und seine Motivation zum Kunstprojekt: „Das ICH des Spaziergängers, der seinen Hund ausführt, zweimal täglich das Dorf umrundet, nimmt, der Langsamkeit des Gehens geschuldet, die großen Himmel, die Schwärzen der Nächte, die ausgeräumte Öde der Aue überdeutlich wahr. Das Entsetzen über diese Wahrnehmung, einer von Natur bereinigten, einer, dem industriell wirtschaftenden Effizienzdenken ausgelieferte Ebene, greift weiten Raum in den Überlegungen dieses ICHs.“

Kritik an der modernen Landwirtschaft

In „Zynikers Weltbetrachtung oder Optimistische Ausblicke eines Sprüche klopfenden Heimatkundlers“ lässt er kaum ein gutes Haar an der Landwirtschaft von Heute, spricht einerseits vom „sie ermüdenden Fleiß, der der Natur so viel abtrotzte“, um dann die Folgen ihres Tuns zu geißeln:

„Fleiß, der das Land einebnete, es satt machte, eine furchtbar fruchtbare Monotonie erschuf. Doch alle Frucht wird aufgefressen, jede reiche Ernte ausgeschissen. Götter, Gott oder die Evolution haben den Menschen Sinn und Verstand gegeben. Und wie es den Anschein hat, einzig zu dem Zweck, ohne Sinn und Verstand den Planeten umzukrempeln, zu schänden, ihn scheinbar ohne Sinn und Verstand zu Schanden zu reiten. In der Hitze eines neuen Frühlings, staubtrocken die Äcker, ackert der Ackersmann. Mannshohe Reifen verwirbeln sienabraune Böden zu wallend aufsteigenden, dem Maschinengespann folgenden Nebelwolken und vertreiben jeden Vogelschwarm, ob weiße Möwen oder schwarze Krähen. Und auch die Mäuse sind verjagt, sind der Maschinengewalt gewichen oder am Ackergift verreckt.“

Porträts verärgern Einheimische

Paul Böckelmann beschäftigt sich auch mit den Menschen der Region, porträtiert, ohne Namen zu nennen, Politiker, einen Musiker, das Männer-Paar aus Saxdorf, den Holzstapel-Pinkler von Nebenan, den Nachbarn, den die Langeweile quält und widmet, sehr zum Unmut der Ehefrau des Ortschronisten, ein Kapitel dem Chronisten:

„Bis sich Ehrgeiz im Chronisten breitmacht. Er mutiert zum forsch Forschenden, tritt aus seiner beobachtenden Position heraus ins trübe Licht der Verkündigung. Er, der Wissende füllt seine lederne Aktentasche Blatt um Blatt, eng beschrieben, Abschrift um Abschrift. Und begibt sich, nicht ohne noch moderne Mittel, wie einen Rechner und einen Beamer zu Hilfe zu nehmen, vor die Besucher der Heimatabende und glänzt, in Denkerpose geworfen, gedankenverloren mit vor der Brust verschränkten Armen hin und her schreitend, mit den erworbenen Kenntnissen. Er wähnt, seine Gedanken durchs Firmament des Wissens zu stoßen.“

Für Annelore Grobe, die Frau des Ortschronisten Peter Grobe, ist diese Bewertung unfassbar: „Sein Ehrenamt und das des Ortsvorstehers wurden beleidigt und den Altenauer Einwohnern übel nachgeredet. Hier ist ,die künstlerische Freiheit’ zur Selbstinszenierung missbraucht worden“, schreibt sie in einem Leserbrief. Böckelmann entgegnet: „Ich habe literarische Texte verfasst, die natürlicherweise in der Realität ihre Antriebe gefunden haben. Wenn sich jemand die Jacke anzieht, so ist das dem eigenen Ego geschuldet. Hat Satire nicht die Aufgabe, Exemplarisches aufzugreifen? Ich als Schreiber lasse mir von Niemand das Wort verbieten. Und das eigene Wort frei zu äußern, dazu ist künstlerische und Meinungsfreiheit da.“

Kunst oder Steuerverschwendung?

Für Annelore Grobe ist das Kunstprojekt damit Steuerverschwendung. Sie schreibt: „Und das alles ist ja ein mit Steuergeldern gefördertes Projekt gewesen. Das ist wiederum kein gutes Beispiel den Steuerzahlern glaubhaft zu machen: Eure Gelder werden nur sinnvoll und nutzbringend eingesetzt.“ Für Paul Böckelmann zeigt sich darin Kurzsichtigkeit. Er entgegnet ihr: „Sie gehen davon aus, dass damit Meinung und künstlerisches Wohlwollen erkauft werden könnte. Damit sind Sie sehr im Irrtum, Frau Grobe. Förderung dient dazu, die künstlerische Arbeit etwas zu erleichtern, auch wenn das Ergebnis manchmal wehtut. Kunst ist auch: Den Finger in die Wunde legen!“

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