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Kein Heim, eine Heimat für Kinder und Jugendliche

Ute Lubk zeigt das Projekt der Wohnstätte für Kinder und Jugendliche.
Ute Lubk zeigt das Projekt der Wohnstätte für Kinder und Jugendliche. FOTO: Mona Claus/mcl1
Lausitz. Kinder sind für Familie Lubk aus Lausitz eine Berufung. Selbst haben sie vier eigene. Seit neun Jahren gibt es auf ihrem Hof den sehr gut nachgefragten Kindergarten des Mühlenhof e. V. Schon bald könnte eine Wohnstätte für Kinder und Jugendliche direkt in der Dorfmitte aus dem Boden wachsen. Veranschlagte Kosten: 2,4 Millionen Euro. Aber noch fehlt es an Unterstützern. Mona Claus / mcl1

Weder Ute noch Michael Lubk fehlt es an Worten, wenn sie von ihrem neuen Projekt erzählen. Sie sprühen vor Energie, obwohl sie bereits Niederlagen einstecken mussten. Eine Miniausgabe des Wohnkomplexes haben sie immer im Gepäck, um zu zeigen, wovon die Rede ist.

"Warum sind die Kinder in dem Heim?" Ute Lubk erinnert sich, bereits als Naseweis diese Frage an ihre Großeltern gerichtet zu haben, als sie in Mühlberg zu Besuch war und vom dortigen Kinderheim erfuhr. "Warum sind sie nicht im Schloss in Martinskirchen, das ist doch viel schöner und steht leer", hat sie später, schon als Jugendliche, gedacht. Gedanken, von denen Ute Lubk später auch ihren Kindern erzählt hat. Bei der Dritten, Margarethe, fielen sie auf fruchtbaren Boden. Bereits im Alter von 15 Jahren hat sie selbstbewusst anhand eines Schulprojekts erklärt: "Wenn ich groß bin, dann habe ich ein Kinderheim." Mittlerweile ist sie 20 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit - wird auch Erzieherin.

Das Wohl von Kindern und Jugendlichen im Besonderen liegt den Lubks am Herzen. Der Bedarf für Unterbringung, weil Eltern vielleicht nicht mehr in der Lage sind, sich um den Nachwuchs zu kümmern und das Kindeswohl gefährden, wachse stetig, auch im Landkreis Elbe-Elster. Das belegen die Zahlen. Die Grenzen in vorhandenen Häusern sind erreicht - Geschwister werden mitunter getrennt. Das habe sie berührt, ihren Nerv getroffen, beschreiben Ute und Michael Lubk den Grund für ihr Projekt.

Mit einer dringend benötigten Wohnstätte für Kinder wollen sie auch das Dorf verjüngen und mit neuen Bewohnern bereichern. Mündliche Absprachen für erste Personalien sind erfolgt - junge gut ausgebildete Kurstädter wollen zurück in ihre Heimat. Die Dorfbewohner sind nach einer Einwohnerversammlung begeistert, haben Hilfe angeboten.

Am Dorfanger, gegenüber der Feuerwehr, sind gut 5500 Quadratmeter frei. Als Grundstück für ein Eigenheim zu groß und für einen Vollerwerbsbetrieb zu klein. Dort soll einmal "Lubowana Domizna", übersetzt aus dem sorbischen die "geliebte Heimat", entstehen. Der Familienname Lubk und der Ortsname sind auch sorbischen Ursprungs und man wird darüber reden, freut sich Michael Lubk beim Erklären.

Geplant ist ein zweistöckiges Wohnhaus mit ausgebautem Dachgeschoss - 33 mal 11 Meter. Pro Etage befinden sich eine Küche, Flur, Erzieherraum, sechs Ein- und Zweibettzimmer und ein gemeinsames Wohnzimmer - ähnlich einer Wohnung für Großfamilien. Bodentiefe Fenster sollen für reichlich Licht sorgen, ein Laubengang nach draußen locken.

Das Dachgeschoss ist den größeren Kindern vorbehalten, die keiner 24-Stunden-Betreuung mehr bedürfen und gesetzt wird dort auf Eigenständigkeit. Dort gibt es auch eine Bibliothek und ein Wohlfühlbad mit Sauna für alle Bewohner des Hauses. Gefordert ist Barrierefreiheit bis ins Dach, sonst gibt es keine Fördermittel und keine Baugenehmigung. Das hat zu nachträglichen Veränderungen am Projekt geführt, aber keinesfalls die Energie von Familie Lubk geschmälert. Zusätzlich zeigt das Projekt ein Haus für eine auf dem Hof lebende Erzieher-Familie. Die vier Kinderzimmer darin sind sowohl für den eigenen Nachwuchs, aber auch für Kleinkinder, die sonst in Pflegefamilien untergebracht würden. Ute Lubk hofft so, dass Geschwister bei Herausnahme aus der Herkunftsfamilie nicht getrennt werden müssen.

Den Kindern und Jugendlichen eine reelle Chance bieten, daran ist den Lausitzern gelegen. "Kindheit ist ein gefährlicher Ort und niemand verlässt ihn unbeschadet", dieser Spruch, den Ute Lubk gern zitiert, ist Motivation für das Projekt. Sie möchten Chancengleichheit schaffen, keine Macht ausüben, sie Kind sein und Erfahrungen sammeln lassen, das Gefühl von Familie vermitteln, Grenzen aufzeigen und hoffen, dass die Kinder später in der Heimat bleiben. Dazu bedarf es vieler Arbeitskräfte. Ute Lubk spricht von über 20 Mitarbeitern. Sie denkt dabei an Menschen, wie sie selbst einer ist, die ihren Job als Berufung sehen.

Geht Familie Lubk ins Detail, sehen sie auch einen großen Garten für die Selbstversorgung, spielende glückliche Kinder, buntes dörfliches Treiben. "Gemeinsam Leben lernen, individuell, ohne den ganzen Tag rumerziehen zu wollen - darauf wollen wir uns einlassen", sagen sie und die Augen von Ute Lubk leuchten, denn sie weiß auch: "Wir können nicht die ganze Welt retten."

"Mit etwas Abstand zum Start vor einem Jahr müssen wir zugeben, doch recht blauäugig an die Beantragung von Fördermitteln gegangen zu sein", sagt Michael Lubk heute und lächelt in sich hinein. Als Mühlenhof e.V. und privater Träger der Jugendhilfe, hofften die Lausitzer einzig mit der Projektidee und einer kurzen Einschätzung zur Verwendung schnell an Leader-Fördermittel zu kommen. Sie kalkulierten als gemeinnütziges Vorhaben der Grundversorgung mit 75 Prozent Förderung. Doch weit gefehlt - verschiedene gesetzliche Vorgaben bremsten die Euphorie, seitenlange Projektbeschreibungen mussten erarbeitet, Bauunterlagen antragsreif vorbereitet und eine Finanzierung gefunden werden.

Doch EU-Vorschriften sehen das Projekt als wirtschaftliche Betätigung und deswegen wurden die anfänglich avisierten Fördermittel gemäß der de-minimis-Regelung auf 200 000 Euro gedeckelt. Für die Bürgschaftsbank des Landes ist das Projekt aber gemeinnützig und also nicht gewerblich, die kann sich daher nicht an der Finanzierung beteiligen. Kopfschütteln bei Michael Lubk, der nun sehen muss, welche Möglichkeiten es gibt, um alles finanziell in trockene Tücher zu bekommen. Ende November wollen sie erneut Leader-Mittel beantragen, dann muss die Finanzierung rund sein. Die Bank will natürlich Eigenkapital sehen. Der Mühlenhof e.V. hofft nun auf Unterstützung durch Freunde des Projekts. 100 000 Euro, die lediglich als Bürgschaftskapital zur Verfügung stehen müssten und nicht für die Umsetzung des Projekts verbraucht werden sollen, würden die Finanzierung möglich machen. Dafür wurde ein Treuhandkonto eingerichtet. So könnte vielleicht schon bald für den Mühlenhof e.V. der Baustart in greifbare Nähe rücken. Kontakt: diekinder@muehlenhof-lausitz.de

Konto: Sparkasse EE ; IBAN DE57 1805 1000 0201 0228 69 ;

Kennwort: Lubowana Domizna