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Debatte zu Brandenburger Alleen
Jetzt bekommt Genilke Hassmails

Immer wieder prallen auf der B 169 zwischen Plessa und Lauchhammer – auch eine Allee – Fahrzeuge gegen Bäume.
Immer wieder prallen auf der B 169 zwischen Plessa und Lauchhammer – auch eine Allee – Fahrzeuge gegen Bäume. FOTO: Mirko Sattler
Elbe-Elster. Die Überlegungen zum Umgang mit Alleen sorgen weiter für viel Zündstoff. Von Frank Claus

 Seit er im März dieses Jahres bei einer Jahreshauptversammlung der Verkehrswacht Elbe-Elster in Finsterwalde diesen Satz sagte, ist eine emotionale Debatte entbrannt.

„Wir müssen uns fragen, ob wir in Zukunft noch überall Alleen brauchen und als Kulturgut schützen wollen, wenn wir wissen, dass wir uns dort tot fahren. Wollen wir die Todeszahlen signifikant senken, müssen wir an allen Alleen Leitplanken anbringen, was viel Geld kostet, oder einsehen, dass wir nicht jede Allee erhalten können.“ Das hat der CDU-Landtagsabgeordnete Rainer Genilke in seiner Eigenschaft als Chef der Landesverkehrswacht Brandenburg gesagt. Und seitdem bekommt er Hassmails, in denen er sogar als „Baum-Mörder“ bezeichnet wird.

Doch zurückziehen will er seine Äußerungen nicht. Seine Begründung sind die Zahlen der Verkehrsunfallstatistik: Von 78 Menschen, die im Jahr 2017 in Brandenburg außerhalb von Ortschaften bei Verkehrsunfällen ihr Leben lassen mussten, starben 51 an Alleebäumen.

„Doch deshalb will ich längst nicht, wie mir jetzt vielfach unterstellt wird, alle Alleebäume abholzen. Das habe ich nie gesagt.“ Aber das Land müsse sich mit wirksamen Strategien beschäftigen. Mehr Leitplanken wäre eine solche.

Unfallforscher hätten längst belegt, dass Autofahrer meist nicht frontal, sondern seitlich auf einen Baum prallen. Das Auto wickele sich dann regelrecht um den Baum. Eine Leitplanke führe zu einem anderen Unfallbild. Der Aufprall würde deutlich gedämpft, weil das Auto dann mit seiner gesamten Seite auftreffe. Nach einer Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) würde sich die Zahl der Toten etwa halbieren, wenn die Bäume an Fahrbahnrändern mit Leitplanken geschützt sind.

Dass das Land Brandenburg mit den Sicherungsmaßnahmen in seinen vielen Alleen Nachholbedarf habe, unterstreiche, dass von den etwa 3000 Kilometer Bundes- und Landesstraßen, die im Land als Alleen ausgewiesen sind, nur 1700 Kilometer mit Leitplanken ausgestattet sind. „Eigentlich sollten es schon viel mehr sein“, kritisiert Rainer Genilke, der das Land da in der Pflicht sieht, zügiger zu handeln. Er vermutet, dass Investitionen im hohen zweistelligen Millionenbereich nötig seien.

Dabei gehe ja das Land schon in die richtige Richtung, wenn neue Bäume mindestens im Abstand von 4,50 Metern gepflanzt werden sollen. Problem: Oft gehören die Flächen privaten Grundstücksbesitzern oder Bauern. Da seien erst Verkaufsverhandlungen zu führen.

Die Argumente, wonach Raserei, Fahren unter Alkohol, riskante Überholmanöver und anderes Fehlverhalten oft zur Kollisionen mit Bäumen führe, wolle er gar nicht in Abrede stellen, stellt aber im Gegenzug die Frage: „Bedeutet das etwa, dass alle, die auf einer Allee einen Fahrfehler begehen, den Tod verdienen? Und was ist mit denen, die beim Befahren einer Allee durch das Verschulden Anderer, zum Beispiel im Gegenverkehr, gegen einen Baum prallen?“ Und natürlich sei es wichtig, den Kontrolldruck hoch zu halten.

Die Wahrscheinlichkeit, in einer Allee an einen Baum zu prallen, wenn man einem Wildtier, einem riskanten Überholversuch des Gegenverkehrs oder einem Ast ausweichen müsse, sei eben deutlich höher als an einer Straße ohne Bäume, wo man in der Regel auf einem Acker lande.

Es müsse doch gestattet sein, sich dieses Themas anzunehmen, zumal es im Land noch 2050 Kilometer Alleen gibt und weitere 900 Kilometer mit einseitig bepflanzten Bäumen. Das seien im Übrigen schon 450 Kilometer weniger als noch 2005, so der Chef der Landesverkehrswacht. Ein Anfang wäre gemacht, so ist Rainer Genilke überzeugt, wenn man sich zuallererst um die etwa 1100 Kilometer Alleen kümmern würde, die aufgrund des arg ausgedünnten Baumbestandes nach Lesart des Verkehrsministeriums eigentlich gar keine Alleen mehr sind. Auch dort seien Schutzmaßnahmen, notfalls auch Fällungen an Unfallschwerpunkten, nötig. Rainer Genilke stehe zum Kulturgut. „Ich bin auch für Alleen, aber sichere Alleen.“