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| 01:10 Uhr

Jeder dritte starb

Prösen.. Das Projekt „Kriegskinder“ regt Schüler an, Geschichte durch Auseinandersetzung mit Zeitzeugen aufzuarbeiten. Schüler der achten Klassen der Privaten Entwicklungsschule in Prösen haben sich Rudi Engelmann, den ehemaligen Bürgermeister von Prösen, als Gesprächspartner ausgesucht. Gestern schilderte Rudi Engelmann seine Erinnerungen nicht allein an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, sondern vor allem an die Entwicklungen nach Kriegsende. Der 77-Jährige wurde damals für fünf Jahre inhaftiert. Von Christina Dirlich

„Hat jemand noch Fragen?“ - Stille im Raum. Nachdem Rudi Engelmann seinen Vortrag beendet hatte, erfüllte Schweigen den Sitzungssaal des Prösener Rathauses. Sichtlich beeindruckt waren die Achtklässler von dem, was der 77-Jährige ihnen geschildert hatte.
„Mein Jahrgang war der letzte, den Hitler holte, um ihn aufs Schlachtfeld zu führen“ , sagte Rudi Engelmann. Aus Zeitmangel konzentrierte er sich auf die Jahre nach Kriegsende, als die russische Armee in Prösen einzog und Schrecken verbreitete. Plünderungen, Vergewaltigungen und Erschießungen gehörten zum Terror der Russen. „In jedem Dorf mussten Leute benannt werden, die dann Geiseln des russischen Geheimdienstes wurden“ , berichtete der ehemalige Bürgermeister. Auf dem Weg zu einem Fußballspiel sei er von Russen abgeholt und zum Verhör gebracht worden. „Ich ahnte nicht, dass ich erst nach fünf Jahren wieder nach Hause kommen sollte.“ Keiner Schuld sei er sich bewusst gewesen, im Krieg habe er nie auf Menschen geschossen, so Rudi Engelmann. Von Bad Liebenwerda brachte man ihn ins Lager Mühlberg I. Auf Bretterplanken schliefen dort die Häftlinge. Sie bekamen so wenig Nahrung, dass sie an Infektions- und Hautkrankheiten litten. „Jeder dritte starb in Mühlberg“ , erinnert sich Rudi Engelmann.
Er sei etwa so alt gewesen wie die Schüler heute, als er dies alles erlebte, betonte Rudi Engelmann mehrfach. Die Jugendlichen forderte er auf, sich Gedanken zu machen, wie sie sich verhalten würden, um das, was ihm passierte, nicht erleben zu müssen. In kleineren Arbeitsgruppen werden die Achtklässler sich weiter mit dem Thema befassen. „Sie werden Herrn Engelmann nochmal treffen, um Interviews zu führen. Dann werden Texte entstehen oder auch Filme“ , erklärte Deutschlehrerin Claudia Mallwitz.
„Es ist unfassbar, was Herrn Engelmann passiert ist“ , sagte die 14-jährige Julia Schererz aus Elsterwerda später. Fragen habe sie keine gestellt, weil sie mit ihren Großeltern immer wieder über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen habe. „Sowas muss man selbst erleben, ich konnte mich nicht so richrig in die Situation hineinversetzen“ , meinte der 13 Jahre alte Björn Wesner aus Hohenleipisch. Nie wieder dürfe so ein Krieg passieren, da waren sich die beiden Schüler einig.