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| 18:22 Uhr

Internationales Puppentheaterfestival
Schattentheater: So haben wir es noch nie gesehen

 Mal nicht mit „Vorhang auf!“, sondern Puppenbühne ganz anders. Das Theater Handgemenge aus Ballwitz (Mecklenburg) nimmt das Publikum in ihrem menschgemachten Schattentheater hautnah mit auf Königs Weltreisen.
Mal nicht mit „Vorhang auf!“, sondern Puppenbühne ganz anders. Das Theater Handgemenge aus Ballwitz (Mecklenburg) nimmt das Publikum in ihrem menschgemachten Schattentheater hautnah mit auf Königs Weltreisen. FOTO: VRS
Bad Liebenwerda. Finale im Internationalen Puppentheaterfestival in Bad Liebenwerda. Und das im rappelvollen Saal des Bürgerhauses in Bad Liebenwerda. Auch der Rundgang auf „Kaspers Baustelle“ zog an.

Der letzte Samstag vor dem Ende des Internationalen Puppenspielfestivals krönt traditionell die einwöchige Veranstaltungsreihe. In diesem Jahr wurden allein an diesem Tag insgesamt acht Veranstaltungen an verschiedenen Orten im Landkreis angeboten. Höhepunkt am Abend war die Lange Nacht des Puppenspiels mit mehreren in sich vereinten Veranstaltungsbausteinen.

Die Nacht am und im Museum Bad Liebenwerda begann diesmal bereits am Nachmittag mit mehreren Führungen durch die Baustelle der zukünftigen Sonderausstellung „Kaspers Welten“. Mit dabei war einer der Hauptinitiatoren des neuen Projektes und langjähriger Technischer Leiter des Puppenspielfestivals, Dr. Olaf Bernstengel aus Dresden. Katrin Seitz vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie Dr. Susanne Köstering, die Geschäftsführerin des Brandenburgischen Museumsverbandes, machten sich in einer der Besuchergruppen ein Bild vom gegenwärtigen Baufortschritt. Schon auf dem Weg zur Theaterarena aus zwei Bühnen auf dem großen Saal des Bürgerhauses konnten die Gäste in das Ein-Personen-Mini-Theater von Lena Kießling vom Theater Anderland aus Bremen eintauchen. Bewacht von Theaterhund Vana! Musiker Frieder Schmidt von den Elbzigeunern aus Dresden sorgte für die musikalische Umrahmung eines ersten kleinen Dramas, das sich bereits vor dem Einlass abspielte. Die Veranstaltung war ausverkauft! Wer es nicht schaffte, gleich zu Beginn zurückgegebene Karten zu ergattern, musste abgewiesen werden. Sämtliche irgendwo auffindbare Stühle des Hauses wurden zusammengetragen.

Für schwere Fälle gaben die am Abend mitwirkenden Mitarbeiter des Landkreises ihre Optionen auf Sitzplätze ab, so dass Zuschauer zweckentfremdet auch noch auf den jeweils gegenüberliegenden Bühnen Platz nehmen mussten. Die beiden für den Abend angekündigten Theater hatten die zu erwartenden Ereignisse bereits in der Mundpropaganda vorahnen lassen! Im ersten Teil des Abends schafften es die beiden unzeitgemäßen Damen Annette Scheibler und Sigrun Kilger vom Ensemble des Materialtheater Stuttgart als Schwestern in einer Inszenierung aus Puppen und Menschen die 74 Abenteuer aus 1400 Seiten des Klassikers Don Quijote in den zeitlichen Rahmen von 100 Minuten zu pressen.

 Annette Scheibler und Sigrun Kilger vom Ensemble des Materialtheater Stuttgart bringen den Klassiker Don Quijote auf die Bühne im Bürgerhaus.
Annette Scheibler und Sigrun Kilger vom Ensemble des Materialtheater Stuttgart bringen den Klassiker Don Quijote auf die Bühne im Bürgerhaus. FOTO: VRS

Die Zuschauer konnten fern von Buch und Film quasi hautnah miterleben und mitfühlen was es heißt, Don Quijote zu sein. Hier wurde die Frage beantwortet: Wie überlebt man in einer gusseisernen Zeit, in der sich Menschen nicht mehr für einander interessieren, in der alle nur noch über den Dreck und den Unrat der Welt hinweggehen, als Visionär, der an das Abenteuer und an das Gute glaubt? Der etwas unglücklich agierende asketische Visionär Don Quijote von der Mancha wäre ohne das Gegengewicht, ohne seine treuen Gefährten Sancho Panza und dessen gewitzte Bauernschläue und praktische Veranlagung nicht weit gekommen! Die vollkommen gegensätzlichen Ansichten über die Welt, die Balance und das Spannungsfeld zwischen den beiden Figuren machen Miguel de Cervantes (1547-1616) Geschichte selbst als Puppenspiel so zeitlos lebendig.

Lebendig, und wie, wurde es dann auch im zweiten Teil des Abends. Marie Feldt und Peter Müller aus Berlin und Ballwitz in Mecklenburg nahmen das Publikum in ihrem menschgemachten Schattentheater hautnah mit auf Königs Weltreisen. In dem Stück mit 60 Mitwirkenden, einer Burg, der Erdkugel, einem Schiff, der Freiheitsstatue und den Wolkenkratzern von New York wird die Reise des Staatsoberhauptes durch, um und über die Welt erzählt. Frau Kümmer, die sich um den König kümmert, begleitet den Monarchen auf seinen Abenteuern. Wie bekommt man so viele Menschen und die Welt mit Fahrzeugen und Gebäuden in ein Theater? Flachfiguren! Die passen alle in einen flachen Koffer. Aus dem allerdings wurde der komplette Theatersaal umfänglich eingetaucht, mit Licht- und Toneffekten interdisziplinär aus einer hinter den Kulissen agierenden Maschinerie aus Schattenfiguren, knatternden Motoren, Kettentrieben, Computern, Lautsprechern und exakt eingestellten Scheinwerfern. Nicht zu vergessen die beiden musizierenden, sprechenden und im Stück nicht nur als Schatten agierenden Menschen. „Die kommen auf jeden Fall wieder“, kommentierte Kulturamtsleiter Andreas Pöschl nach der Vorstellung, sichtlich fasziniert wie jeder im Saal von dem gerade Erlebten.