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Erster Kreisbesuch
Integration – funktioniert sie in EE?

Bildungsminsterin Britta Ernst (r.) besucht am Mittwoch mit Landrat und Bürgermeister in Elsterwerda die Integrationskita am Pappelweg.
Bildungsminsterin Britta Ernst (r.) besucht am Mittwoch mit Landrat und Bürgermeister in Elsterwerda die Integrationskita am Pappelweg. FOTO: Frank Claus / LR
Elsterwerda. Bildungsministerin Britta Ernst sucht Antworten in einer Kita in Elsterwerda und einer Oberschule in Finsterwalde. Von Frank Claus und Daniel Friedrich

Kurz, knackig, präzise: Petra Gebauer, Leiterin der Integrativen Kindertagesstätte der gemeinnützigen Intawo GmbH Bremer Stadtmusikanten in Elsterwerda, hat Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst bei ihrem ersten Kreisbesuch in Elbe-Elster überzeugt: Das Integrationskonzept – in diesem Fall die Eingliederung von Kindern mit Behinderungen und Migrationskindern – geht auf. Die Erfahrung lehre: Je früher Kinder mit dem Leben in Deutschland konfrontiert werden und Normen kennenlernen, umso besser funktioniert die Integration im Alter.

Aber: Es waren und sind enorme Kraftanstrengungen nötig, die das Kitapersonal mitunter an die Grenze der Leistungsfähigkeit bringen. 140 Mädchen und Jungen besuchen die Kita („und trotzdem haben wir noch eine Warteliste“), 19 davon sind Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, 30 Steppkes stammen aus Familien von Flüchtlingen. Die Integrationskita war die erste in Elsterwerda, die sich in der Zeit des großen Flüchtlingsstroms der Kinder der Asylsuchenden annahm. Mit allen Konsequenzen – von der Sprachbarriere begonnen bis zu Ernährungsgewohnheiten und der Rolle der Frau in der Gesellschaft. „Wir haben von Anfang an Kinder nicht separiert, sondern integriert. Die Kinder leben uns vor, wie gut das funktionieren kann – mit Behinderten als auch mit ausländischen Kindern“, so die Kitaleiterin. Elsterwerdas Bürgermeister Dieter Herrchen ordnete die Leistungen der Kita aus städtischer Sicht ein: „Wir haben gegenwärtig 163 asylsuchende Flüchtlinge in der Stadt, nur 38 davon haben einen gesicherten Status, können also hier bleiben. In der Anfangsphase sind die Kinder der Flüchtlinge nur von dieser Kita aufgenommen worden. Jetzt beginnen wir schrittweise, Kinder in allen Einrichtungen zu integrieren.“ Für die Kitaleiterin ist das wichtig. „Unsere Grenze ist erreicht, schließlich wollen wir keine Abstriche an unserem pädagogischen Konzept machen.“

Dabei stellen Petra Gebauer und ihre Stellvertreterin Carola Herrmann klar: „Wir machen keine Unterschiede zwischen deutschen Kindern und ausländischen – auch nicht was die Elternteile angeht. Alle bezahlen nötige Entgelte gleich. Bei Elternabenden und Arbeitseinsätzen in der Kita sind die Eltern von Flüchtlingskindern übrigens besonders fleißig beim Helfen.“

Inzwischen, so schätzt Petra Gebauer ein, habe sich vieles normalisiert, gäbe es Materialien vom Land, die sehr gut helfen würden. Bürgermeister Dieter Herrchen versicherte, dass 2018 ein weiterer lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen wird. Die Kita erhält einen Aufzug, um Kinder mit Behinderungen künftig in allen Bereichen betreuen zu können. In einem Punkt hat Petra Gebauer mit ihren Kolleginnen allerdings Bauchschmerzen. Der Wegfall der Schulen für Lernbehinderte sei nicht durchdacht. Britta Ernst nahm diese Äußerung kommentarlos zur Kenntnis.

Brandenburgs Bildungsministerin, in vorherigen Jobs eher im Schulsektor eine gestandene Politikern, zeigte sich sehr angetan vom Engagement der Kita-Mitarbeiterinnen und vom Zustand der Einrichtung. „Ich möchte ihnen herzlich danken. Sie haben in nicht einfachen Zeiten mit großer Selbstverständlichkeit das Thema Integration angepackt. Das war eine große Leistung“, erklärte sie.

Am Nachmittag besuchte die Ministerin die Oscar-Kjellberg-Oberschule in Finsterwalde. Seit 1996 ist die Einrichtung eine Ganztagsschule, die ihre Schüler täglich bis 15 Uhr betreut. Ziel ist es, den ganzen Schultag zur individuellen Förderung zu nutzen: „In dieser Zeit können die Schüler den Unterrichtsstoff vertiefen, Fragen stellen, ihren Hobbys in unseren AGs nachgehen, Kontakte pflegen oder die Zeit zur Berufsvorbereitung nutzen“, berichtet Schulleiterin Cornelia Warsönke. Das Konzept habe sich bewährt und sei bei den Schülern beliebt, die dafür keine schriftlichen Hausaufgaben bekämen.

Weiterer Schwerpunkt der Schule: Die Integration von Flüchtlingskindern. Als im Herbst 2015 die ersten Familien mit ihren schulpflichtigen Kindern vor den Türen standen, sei es für die Schule zunächst ein „Hammer“ gewesen, beschreibt Direktorin Warsönke die Situation. Doch inzwischen laufe die Integrationsarbeit vorbildlich, auch dank der guten Kontakte zum Schulamt, zur Stadtverwaltung und zur Jugendhilfe. Konkret bedeute das, so erklärt die Schulleiterin der Bildungsministerin, dass Schüler mit geringen Deutschkenntnissen zunächst in eine Vorbereitungsgruppe kommen. „Dort lernen zurzeit 14 Schüler aus Syrien, Afghanistan, dem Iran oder Eritrea 32 Stunden in der Woche besonders die deutsche Sprache, gemischt mit Kunst-, Musik- und Sporterziehung.“ Schätzen die Lehrer, die eine spezielle Ausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ absolviert haben, die Sprachkenntnisse mit der Zeit als ausreichend ein, werden die Schüler auf die regulären Klassen verteilt. „Momentan haben wir 25 Kinder aus Migrantenfamilien, die in der Lage sind, dem normalen Unterricht zu folgen“, sagt Cornelia Warsönke. Um sich ein eigenes Bild von dem Deutsch-Förderunterricht zu machen, stattet die Ministerin den Schülern der Deutsch-Vorbereitungsklasse einen Besuch ab. Deren Zukunftswünsche reichen vom Abschluss der 9. Klasse bis zum Abitur. „In diesem Jahr stehen für die ersten Integrationsschüler die 10. Klasse-Prüfungen an. Wir erwarten mit Spannung, ob sich unsere Arbeit auch dort bewährt“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Marion Korzetz.

Deutlich schwerer mit der Integrationsarbeit tun sich die Gymnasien im Landkreis, so die Meinung der Besuchergruppe um die Ministerin. Bis auf das Herzberger Gymnasium sähen die weiterführenden Schulen vor allem die Hürden. „Doch wer viel Liebe und Kraft in die Schüler stecke, der kann auch viel zurückbekommen“, resümiert Oberschul-Leiterin Warsönke.

Britta Ernst (SPD) schaut sich die Vorbereitungsklasse in der Kjellberg-Oberschule an. 14 Schüler erlernen dort die deutschen Sprache.
Britta Ernst (SPD) schaut sich die Vorbereitungsklasse in der Kjellberg-Oberschule an. 14 Schüler erlernen dort die deutschen Sprache. FOTO: Daniel Friedrich / LR