ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:01 Uhr

Die Tage sind gezählt
Hohenleipisch bald ohne „Dorf-Konsum“

 Der ehrenamtliche Hohenleipischer Bürgermeister Lutz Schumann vor dem Einkaufsmarkt im Gespräch mit Kundinnen. Sylvia Kümmel, Gisela Eichler, Erika Starke und Astrid Wiedemann (v. l.) wissen nun, dass aus dem Gerücht Wahrheit wird: Im Oktober ist der Laden dicht.
Der ehrenamtliche Hohenleipischer Bürgermeister Lutz Schumann vor dem Einkaufsmarkt im Gespräch mit Kundinnen. Sylvia Kümmel, Gisela Eichler, Erika Starke und Astrid Wiedemann (v. l.) wissen nun, dass aus dem Gerücht Wahrheit wird: Im Oktober ist der Laden dicht. FOTO: LR / Manfred Feller
Hohenleipisch. Aus den Gerüchten ist Gewissheit geworden: Nach vielleicht 100 oder mehr Jahren wird in Hohenleipisch der Lebensmittelladen schließen. Gibt es doch noch eine Lösung? Von Manfred Feller

Das Gerücht kursiert seit einiger Zeit in Hohenleipisch. An den sich leerenden Regalen wird es aber offensichtlich: Der Markant-Einkaufsmarkt „Nah & Frisch“ schließt demnächst die Tür. „Das Gewerbe ist noch nicht abgemeldet“, sagte Hartwig Schneider aus Kraupa dieser Tage gegenüber der RUNDSCHAU. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn und seine Frau seit Jahren dazu, immer kürzer zu treten. „Es tut uns leid“, bedauert er diesen für ihn nunmehr unumgänglichen Schritt. Seine Geschäftsimmobilien gehören inzwischen den Söhnen.

Je nach Abverkauf der Waren werde der letzte Öffnungstag wohl irgendwann im Oktober sein. Dann endet in Hohenleipisch eine wahrscheinlich mehr als 100-jährige Geschichte, in der es mit Unterbrechungen stets einen „Dorf-Konsum“ gegeben hat.

Bürgermeister sagt Unterstützung zu

 Für den schließenden Einkaufsmarkt in Hohenleipisch wird ein neuer Betreiber gesucht.
Für den schließenden Einkaufsmarkt in Hohenleipisch wird ein neuer Betreiber gesucht. FOTO: LR / Manfred Feller

Beim Vor-Ort-Termin in Hohenleipisch ruft eine Kundin im Vorbeigehen dem Bürgermeister zu, dass es jetzt zu spät sei, sich um eine Folgelösung zu kümmern. Lutz Schumann hält dagegen, dass er es offiziell nicht zeitiger erfahren habe. Er könne nicht auf jedes vage Gerücht einsteigen. Nach dem persönlichen Gespräch mit dem Einzelhändler habe er diesem jedoch sofort Unterstützung zugesagt. „Ich habe noch im August einen Markt in Finsterwalde angeschrieben. Die Zentrale werde unser Anliegen prüfen und mir das Ergebnis im September mitteilen, hieß es“, so der Bürgermeister.

Genutzt wird der Markant-Markt in Hohenleipisch tagsüber vornehmlich von älteren Einwohnern und Durchreisenden. Die meisten der angesprochenen Senioren sagen, dass sie bald vor einem echten Problem stehen werden. „Ich kann mit dem Bus nach Elsterwerda fahren, aber ich kann die Einkäufe nicht tragen. Dafür bräuchte ich ein Taxi“, sieht Rentnerin Astrid Wiedemann große Fragezeichen auf sich zukommen.

Herausforderung für ältere Kunden

 Die Regale leeren sich bereits.
Die Regale leeren sich bereits. FOTO: LR / Manfred Feller

Gisela Ullrich geht es nicht anders. „Im Dorf fahre ich noch mit dem Rad, weiter aber nicht. Schwiegertochter oder Sohn müssen mich dann zum Einkaufen fahren“, so die 91-Jährige. Auf andere angewiesen sein wird auch Erika Starke. „Ein- bis zweimal die Woche bin ich zum Einkaufen hier. Ich habe kein Auto“, sieht die 76-Jährige keiner guten Zeit entgegen. Viele Ältere würden gern mit dem Fahrrad nach Elsterwerda fahren, aber die Rücktour bergauf und mit den Einkäufen – dies sei zu beschwerlich.

Auch Gisela Eichler (79) möchte nicht an die Zeit nach der Schließung denken: „Man vergisst immer was. Ich bin fast täglich hier. Der Laden wird mir sehr fehlen. Dann muss ich wegen Kleinigkeiten extra nach Elsterwerda fahren.“ „Generationen haben hier eingekauft“, ergänzt Sylvia Kümmel (70).

Investitionen wären notwendig

 „Nah“ wird demnächst gewesen sein. Für zahlreiche Hohenleipischer werden die Wege weiter, vor allem für die älteren Einwohner.
„Nah“ wird demnächst gewesen sein. Für zahlreiche Hohenleipischer werden die Wege weiter, vor allem für die älteren Einwohner. FOTO: LR / Manfred Feller

Hartwig Schneider hatte den Hohenleipischer Markt mit 350 Quadratmetern Verkaufsfläche 2003 von einer Bank gekauft. „Es ist ein schönes, kleines Geschäft“, sagt der 63-Jährige und schiebt zwei Aber hinterher: die eigene Gesundheit und angesichts notwendiger Investitionen sowie laufender Kosten der zu geringe Umsatz. „Alle, die sich jetzt beschweren: Wo waren sie denn?“, fragt er jene, die selten oder nie eingekauft haben.

Als Einzelhändler unter einer Dachmarke sei es ohnehin nicht leicht. Kleine Händler hätten noch zusätzlich mindestens einen Großhändler dazwischen, der auch verdienen wolle.

Auf der Suche nach einer Nachnutzungsmöglichkeit

 Für ein Dorf seiner Größe besitzt Hohenleipisch eine sehr gute Infrastruktur von Kita über Schule bis Arzt und Einkaufsmöglichkeiten. Das Lebensmittelgeschäft wird vielen fehlen.
Für ein Dorf seiner Größe besitzt Hohenleipisch eine sehr gute Infrastruktur von Kita über Schule bis Arzt und Einkaufsmöglichkeiten. Das Lebensmittelgeschäft wird vielen fehlen. FOTO: LR / Manfred Feller

Für den Markt in Hohenleipisch würden seine Söhne als Eigentümer bereits nach einer „adäquaten oder anderen Nutzung“ suchen. Als Dorfladen mit einem anderen Betreibermodell hätte er sicher eine Zukunft. „Damit macht man aber keinen Reichtum. So ein Geschäft ist eher etwas für das Gemeinwohl“, gibt Hartwig Schneider zu bedenken. Einst habe auch die Familie darin gearbeitet. Heute seien es noch zwei Stundenkräfte, die in den Ruhestand gehen.

Würde sich eine Interessengruppe finden, müsste sie einiges bedenken. Dank Fotovoltaik belaufen sich die Energiekosten nur auf etwa 400 Euro im Monat. Das Gas für die Heizung brauche 3000 Euro im Jahr. Erdwärme wäre besser. Es müsste weiter investiert werden.

In einem Dorfladen, wie er vielfach von Vereinen oder Gruppen in Deutschland betrieben wird, steckt viel Enthusiasmus. Bei einem Jahresumsatz von vielleicht 300 000 Euro bliebe ein sehr bescheidenes Betriebsergebnis von 3000 Euro, rechnet Hartwig Schneider vor.

Lebensmittelladen ist wichtig für die Infrastruktur der Gemeinde

Proplanta, das Informationszentrum für die Landwirtschaft, informiert im Internet, dass zum Beispiel das Brandenburger Agrarministerium den Aufbau von Dorfläden fördere. Angeführt werden Wahlsdorf (Teltow-Fläming) und Trebnitz (Märkisch-Oderland). Ehrenamtliche sind dort Erbauer und Betreiber.

Lutz Schumann, Bürgermeister in Hohenleipisch, sieht eher die Lösung in einem versierten Einzelhändler, der Interesse an einem weiteren Standort hat. „Wir wollen unbedingt unsere Infrastruktur erhalten. Viele ziehen gerade deswegen hierher, weil wir fast alles haben“, sagt er und nennt Schule, Kita, Ärzte, Apotheke, Bäcker, Fleischer, Gasthäuser, Sportlerheim, Handwerker, Gewerbetreibende, aktive Vereine und viele andere.

Den Schneiders gehört nicht nur der Einkaufsmarkt in Hohenleipisch. Leer stehen auch jener in Prösen und in der Hauptstraße in Elsterwerda, jeweils mit 400 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das Aus sei jeweils 2015 mit den gesundheitlichen Problemen gekommen.

 Kein schöner Anblick im Zentrum von Elsterwerda. Dieser Einkaufsmarkt in einem Wohn- und Geschäftshaus, ebenfalls „Nah & Frisch“, steht seit Jahren leer.
Kein schöner Anblick im Zentrum von Elsterwerda. Dieser Einkaufsmarkt in einem Wohn- und Geschäftshaus, ebenfalls „Nah & Frisch“, steht seit Jahren leer. FOTO: LR / Manfred Feller