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| 16:48 Uhr

Es geht auch anders
Die Kurstadt kann ihr leeres Bahnhofsgebäude rocken

Mit hohem Aufwand: Aus dem heruntergekommenen Güterschuppen auf dem von Privat sanierten Bahngebäude-Ensemble in Ortrand ist eine über die Stadtgrenzen hinaus angesagte Kulturstätte geworden. Das Publikum ist nah dran an den Künstlern. Hier die Stern Combo Meissen im Dezember 2017.
Mit hohem Aufwand: Aus dem heruntergekommenen Güterschuppen auf dem von Privat sanierten Bahngebäude-Ensemble in Ortrand ist eine über die Stadtgrenzen hinaus angesagte Kulturstätte geworden. Das Publikum ist nah dran an den Künstlern. Hier die Stern Combo Meissen im Dezember 2017. FOTO: D. Herzog
Bad Liebenwerda. Wie Bahnempfangsgebäude beispielhaft revitalisiert wurden: Bad Liebenwerda muss nur nach Ortrand und Großräschen schauen. Von Manfred Feller

Es ist nicht unmöglich, dem seit Jahrzehnten leer stehenden Bahnhofsgebäude in Bad Liebenwerda neues Leben einzuhauchen. Architekturstudenten der TU Dresden haben tolle Ideen geliefert. Jetzt muss die Stadt als Eigentümerin „nur“ noch Betreiber finden, die mit Elan und Geld etwas auf die Beine stellen. Das muss keine Utopie bleiben, wie zwei Beispiele aus dem Nachbarkreis OSL beweisen.

Anfangs wurde der in Ortrand ansässige, selbstständige Bauingenieur Frank Weser belächelt. „Jetzt kauft der sich tatsächlich einen Bahnhof“, schüttelten einige den Kopf. Die Bahn hatte das Empfangsgebäude an der 1870 eröffneten Bahnstrecke Cottbus - Großenhain 2010 geschlossen. Wie bei so vielen Immobilien hätte Verfall gedroht, wenn Frank Weser nicht schon im Jahr darauf zugeschlagen hätte. Der Umbau begann umgehend. Später erwarb er den baufälligen Güterschuppen und das Badehaus. Heute wird das gesamte Ensemble von einer Hand bewirtschaftet und ist eine Erfolgsschichte des Mittfünfzigers. Der Zugverkehr scheint niemanden zu stören.

Im Erdgeschoss des Empfangsgebäudes befinden sich seit Juni 2012 zwei Arztpraxen, darüber zwei Büros und zwei Wohnungen. Alles durchweg voll vermietet. In dem einst abgewrackten Keller kann das private Eisenbahnmuseum „Zum Abstellgleis“ besichtigt werden. Gleichzeitig ist es ein Ort für private Feiern im Reichsbahninterieur.

Den Ortrander Kultur-Bahnhof vervollständigt seit April 2015 der Kultur-Güter-Schuppen für Konzerte, Kabarett, Tanz und Privatveranstaltungen. Das Publikum komme aus der Umgebung, aber auch zu je einem Drittel aus Sachsen sowie aus dem Raum Lauchhammer und Elbe-Elster. Höhepunkte für Frank Weser waren bislang Konzerte mit DDR-Rockgrößen wie Stern Combo Meissen, Lift, Engerling, Karussell und Jürgen Kerth. Bald spielt die Neue Bühne Senftenberg darin sogar Theater.

Neuer Inhalt im „Alten Bahnhof“ von Großräschen. Nach der Wende stand das Gebäude viele Jahre leer. Seit acht Jahren befindet sich darin ein Gesundheitsstudio mit weiter wachsendem Zuspruch.
Neuer Inhalt im „Alten Bahnhof“ von Großräschen. Nach der Wende stand das Gebäude viele Jahre leer. Seit acht Jahren befindet sich darin ein Gesundheitsstudio mit weiter wachsendem Zuspruch. FOTO: Ch. Taubert

Neben leeren Bahnhofsgebäuden wie in Senftenberg und Ruhland gibt es im Nachbarkreis eine weitere Erfolgsgeschichte: den Bahnhof in Großräschen. Dort hatte der Jungunternehmer Stephan Huber im September 2010 das Gesundheitsstudio „Alter Bahnhof“ eröffnet.

Bürgermeister Thomas Zenker erinnert sich an eine Vorgeschichte mit Kampf und Krampf seit der Wende, ehe die Stadt das Gebäude Mitte des vorigen Jahrzehnts für 40 000 Euro von der Bahn abkaufen konnte, um aus dem Schandfleck etwas zu machen. Ursprünglich sollte es ein Bildungsbahnhof werden. Dann wurde in der Verwaltung das Konzept eines Gesundheitsbahnhofes entwickelt. Es fügte sich, dass ein junger Mann in Großräschen das erste Fitnessstudio eröffnen wollte. Vom Bahnhof sei er gar nicht begeistert gewesen. Und Geld hatte er auch nicht. Der Möbelunternehmer Gerold Schellstede sprang ein, kaufte drei Viertel des Hauses, baute um und vermietete es. Die gesamte Konstellation bezeichnet Thomas Zenker heute trotz der langwierigen Vorarbeit als „Glücksfall“.

Weil es kein reines Fitness-, sondern ein Gesundheitsstudio mit Kursraum, Cardioräumen, Rückentherapiezentrum, Fitness- und Präventionsbereich ist, kämen die Besucher bis aus Calau und Ortrand, verrät Mitarbeiterin Monika Kramer. Sie ist die künftige Leiterin des nach Schwarzheide nächsten „Ablegers“. Im Januar 2019 öffne in Finsterwalde ein Sano-Gesundheitsstudio.

Im „Alten Bahnhof“ Großräschen sei versucht worden, das Historische in Akzenten zu integrieren. So gebe es den Fahrkartenschalter, die Gepäckabgabe, einen alten Kachelofen und Wendeltreppen. „Noch heute kommen fast täglich Leute rein, die eine Fahrkarte kaufen wollen“, schmunzelt Monika Kramer. So lebendig kommt das sanierte Bahnhofsgebäude herüber, das längst keines mehr ist. Dies könnte auch in Bad Liebenwerda gelingen.