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| 18:41 Uhr

Drohende Schließung
Hunderte demonstrieren gegen Schließung der Zuckerfabrik in Brottewitz

Brottewitz. Die Südzucker AG plant die Schließung von zwei Zuckerfabriken in Deutschland. Im größeren Warburg (NRW) haben 500 Menschen demonstriert, im Dorf Brottewitz in Elbe-Elster am Freitag 350. Von Frank Claus

Von Frank Claus

Etwa 350 Teilnehmer nehmen am Freitag an der Demonstration gegen die geplante Schließung der Zuckerfabrik Brottewitz unter dem Motto „Wir machen uns eine Rübe“ teil. Mit Plakaten und Trillerpfeifen bringen die Demoteilnehmer, die vor allem aus Brandenburg und Sachsen kommen, vor dem Werktor der Südzucker-Fabrik ihren Frust zum Ausdruck. Mit dröhnenden Hupen werden sie von 35 Traktoren und Rübenlastern begleitet. Vorm Werktor ist eine Rübenlademaschine vorgefahren.

Hintergrund der Schließungsabsichten nach der nächsten Zuckerrübenkampgane: Als Reaktion auf die deutlich gefallenen Preise für Zucker hat der Vorstand der Südzucker AG dem Aufsichtsrat am 30. Januar dieses Jahres einen Restrukturierungsplan vorgestellt. Demnach soll durch allgemeine Kostensenkungsmaßnahmen sowie eine Verringerung der Produktionskapazitäten um bis zu 700 000 Tonnen pro Jahr auf das deutlich verschlechterte Marktumfeld im Segment Zucker reagiert werden. Im Rahmen der Kapazitätsanpassungen soll neben der Zuckerfabrik in Warburg (NRW) mit dem Standort in Brottewitz auch das mehr als 140 Jahre alte, aber nach der Wende intensiv modernisierte Werk in Brottewitz geschlossen werden.

 Standorte des Zuckerrüben-Anbaus und der Zucker-Fabriken
Standorte des Zuckerrüben-Anbaus und der Zucker-Fabriken FOTO: Wirtschaftliche Vereinigung Zucker - Verein der Zuckerindustrie / Bearbeitung: Janetzko/lr

Das wollen sich die 90 Brottewitzer Beschäftigten und mit ihnen eine ganze Region nicht bieten lassen. Als Redner treten Betriebsratsvorsitzender Stefan Born, Thomas Bernhard, Referatsleiter Zuckerrüben bei der Gewerkschaft NGG und Mitglied im Aufsichtsrat der Südzucker AG, Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel, Christian Beyer,  Geschäftsführer des Verbandes Sächsisch-Thüringischer Zuckerrübenanbauer e.V. und Martin Oehmler, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Brottewitz, ans Mikrofon.

Stefan Born: „Unser Werk arbeitet jährlich mit etwa 40 Betrieben und Handwerkern aus der nahen Umgebung zusammen. Auch die etwa 350 Landwirtschaftsbetriebe haben uns signalisiert, dass sie an der Zuckerrübe festhalten wollen.“ Wie auch Dorsten Höhne, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, warnt er vorm Verlust einer Ackerfrucht, was die Fruchtfolge nachhaltig schädigen würde. „Ohne die Rübe gibt es immer mehr Monokulturen auf den Feldern“, sagt Stefan Born. Zudem seien die Hackschnitzel ein wichtiges Futtermittel. Würde Brottewitz schließen, würden vermutlich Landwirte der Region den Anbau einstellen, da der Transport in die nächstgelegene Zuckerfabrik nach Zeitz zu kostenintensiv sei. Unter Demonstranten wird unterdessen geunkt, dass die Südzucker AG die Bauern der hiesigen Region ködern könnte – zum Beispiel mit erhöhten Zuschüssen für die Transporte. „Das bleibt aber ökologischer Blödsinn“, schimpft Dorsten Höhne.

Frust herrscht auch bei Christian Beyer vom Zuckerrübenverband. „Der breit aufgestellte Konzern vermittelte stets das Bild, Tiefpreisphasen stabil durchstehen zu können. Für alle Beteiligten in der Region, vom Zuckerrübenanbauer bis zum Werksmitarbeiter, kommt dieser Strategiewechsel daher sehr überraschend.“ Der Gewerkschafter Thomas Bernhard erhebt schwere Vorwürfe. Die Entwicklungen seien absehbar gewesen, die jetzige Reaktion, zwei Werke in strukturschwachen Gebieten zu schließen, „völlig unangemessen.“ Auch er unterstützt den Vorschlag des Brottewitzer Betriebsrates, die geplante Zuckerreduzierung in Deutschland auf alle Werke gleichmäßig zu verteilen.

Zudem sehe er in der öffentlichen Debatte um gesunde Ernährung den Zucker zu einseitig verteufelt. „Es geht immer nur um den bösen Zucker. Wer spricht über die mangelnde Bewegung, die Energie verbrennen lässt?“

Demo gegen Schließung von Zuckerfabrik in Brottewitz FOTO: LR / Frank Claus

Landrat Christian Heinrich-Jaschinski will die „Taktik der Nadelstiche“ fortsetzen. „Die Demonstration, die Unterschriftensammlungen, die Videos, die erstellt wurden, werden nicht ungehört und ungesehen bleiben“, meint er und fügt an: „Ich bin enttäuscht, dass keiner von der Unternehmensspitze heute hierher gekommen ist und sich der Region stellt.“ Er habe gemeinsam mit Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel um einen Gesprächstermin in Mannheim gebeten.

Indessen mehrt sich der Protest im Südzucker-Konzern. Am 22. Februar soll es Mahnwachen an allen Standorten geben. Selbst Nordzucker-Mitarbeiter hätten Unterschriftenlisten geschickt und wie auch zahlreiche Unternehmen im Raum Warburg und Mühlberg Solidarität mit den Zuckerwerkern bekundet. Das letzte Wort an diesem Freitag hat Martin Oehmler von der Interessengemeinschaft Brottewitz: „Es sollte endlich mal wieder an die Menschen gedacht werden, anstelle jeden Cent auf die Goldwaage zu legen. Aber das fehlt seit Jahren in dieser Welt.“