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| 02:41 Uhr

"Hol über": Mühlbergs Fähre verlässt den Hafen

Mühlberg. Am Mittwoch ist Mühlbergs Gierseilfähre, die Letzte in Brandenburg, aus dem Heimathafen an der Elbe ausgelaufen. Ein Schubboot fährt sie bis in den Historischen Hafen Berlin. Für 1000 Euro hat Mühlberg ein Stück Geschichte abgegeben. Einst kostete sie 1,4 Millionen DM. Corinna Karl

. Am Mittwoch, 11.43 Uhr, blubberte der Motor des Schubbootes Edwald von der Reederei "Ed Line" los, knapp 300 PS "parkten" aus, zogen die 40-Tonnen-Fähre aus ihrer Lücke und schoben sie langsam Richtung neuer Elbebrücke. Auf einem Schlepper standen die neuen Besitzer, am Ufer Mitarbeiter des Schifffahrtamtes. Sie beobachteten das Schauspiel, schossen letzte Fotos. Nach wenigen Minuten war die letzte Gierseilfähre Brandenburgs, Mühlbergs einstiges Wahrzeichen, hinter einer Biegung an der Hafenausfahrt verschwunden. Seit Dezember 2008 hatte die Fähre im Stadthafen gelegen, auf einen Käufer gewartet.

Neuer Hafen, neue Aufgabe

"Bis zum Wochenende will ich zu Hause in Berlin sein", rief Schiffsführer Michael Mennig. Die Fähre erhielt eine temporäre Zulassung, ist auf dem Weg Richtung Magdeburg, über den Elbe-Havel-Kanal gen Berlin. Auch sie wird Hauptstädterin. Chef Manfred Pflitsch: "Dort befinden sich über 30 Binnenschiffe, die teils 120 Jahre alt sind oder noch gefahren werden dürfen." Die Fähre sei interessant für die Traditionsbewahrer, da sie die letzte ihrer Art in Brandenburg ist. "Wir wollen den Berlinern und Brandenburgern die Geschichte der Schifffahrt nicht nur auf Papier, sondern mit richtigen Objekten näherbringen", sagt Pflitsch. Vor Ort würde sie aufgearbeitet, das Schild "Fähre Mühlberg" bliebe auf dem Dach der Kabine. Der Funkmast wurde abgenommen, weil die Berliner Brücken zu niedrig seien.

Lange Tradition geht zu Ende

Schon vor 500 Jahren setzten die Mühlberger mittels Fähre zum anderen Elbufer über. 200 Jahre lang kam dabei eine Gierseilfähre zum Einsatz. Das jetzt verkaufte Exemplar wurde 1997 in Laubegast gebaut. 890 594 DM hatte man damals bezahlt. 20 Prozent Eigenmittel mussten aufgebracht werden, je 40 Prozent vom Land und vom Landkreis. "Bereits nach einigen Wochen war zu erkennen, dass die Auf- beziehungsweise Abfahrt für Schwerlasttransporte aufgrund des Neigungswinkels der Fährrampen nicht ausreichte", sagt Bauamtsleiter Jörg Burkhardt. Das Fährpersonal habe zeitweise, je nach Wasserstand, eine verschweißte Konstruktion untergelegt. Dennoch mussten die Fährrampen umgebaut werden. Kostenpunkt: 453 731 DM (davon 60 Prozent Fördermittel). Pro Person zahlten die Nutzer zuletzt 25 Cent für die Überfahrt, für das Auto 1,50 Euro und fürs Fahrrad einen Euro. Im Jahr 2007 setzten etwa 20 000 Pkw über, fast 22 000 Radfahrer. Zwei Monate bevor die Fähre außer Betrieb ging, wurde sie samt Anlegestellen unter Denkmalschutz gestellt. Am 22.Dezember 2008 hatte Fährmann Klaus Lehmann seinen letzten Arbeitstag auf seiner "Mühlberg", die Elbbrücke wurde freigegeben. Er und seine ehemaligen Schifffahrtskollegen sind im Betriebshof tätig.

Mühlberg hatte die Fähre bereits an einen polnischen Kapitän verkauft, der holte sie jedoch auch nach mehrfacher Anfrage nicht abgeholt. Beim Verein Historischer Hafen Berlin soll sie Werbeträger für die Elbestadt werden. Burkhardt: "Weil Formalitäten geklärt und auch der Abtransport finanziell gesichert sein mussten, wurde die Fähre erst jetzt geholt."

Wassertradition ist Zukunft

Schifffahrt bleibt Thema in Mühlberg. Deutschland betreibe eine falsche Verkehrspolitik, meint Experte Pflitsch. "Zwangsläufig wird die Schifffahrt an Bedeutung gewinnen." Staus auf Autobahnen, kaputte Straßen und immense Reparaturkosten seien Gründe. Hunderte Brücke habe man angehoben und erneuert, aber nur wenige Schiffe würden die Wasserstraßen nutzen. Im Hinblick auf den Energieverbrauch sei das Schiff im Vergleich mit Zug und Lkw umweltschonender. Der Transport auf Flüssen könnte wichtiger werden. Eine Chance für den Mühlberger Binnenhafen?