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| 07:44 Uhr

Die Ungewissheit zehrt
Noch immer viele Rätsel nach dem Tod einer 32-jährigen Asylbewerberin

 Der 30 Jahre alte Lebenspartner von Rita Awour Ojunge mit den zwei gemeinsamen Kindern. Immer wieder würden sie nach ihrer Mutter fragen. Der Mann, so Mitarbeiter des Asylbewerberheimes Hohenleipisch, kümmere sich „rührend“ um den Zwei- und Vierjährigen.
Der 30 Jahre alte Lebenspartner von Rita Awour Ojunge mit den zwei gemeinsamen Kindern. Immer wieder würden sie nach ihrer Mutter fragen. Der Mann, so Mitarbeiter des Asylbewerberheimes Hohenleipisch, kümmere sich „rührend“ um den Zwei- und Vierjährigen. FOTO: LR / Frank Claus
Hohenleipisch. Zwischen Vorwürfen, Verdächtigungen, Vorverurteilungen. Nach dem Tod einer 32-jährigen Kenianerin aus dem Asylbewerberheim Hohenleipisch laufen noch immer die Ermittlungen. Von Frank Claus

Es ist ein Morgen wie jeder andere in dieser Woche im Asylbewerberheim in Hohenleipisch (Elbe-Elster). Und dennoch ist seit Ende Juni alles anders. Ungewissheit schwebt über der Asyl­einrichtung.

Ungewissheit, weil immer noch nicht klar ist, wie die 32-jährige Kenianerin Rita Awour Ojunge zu Tode gekommen ist. Seit dem 7. April dieses Jahres ist sie vermisst worden, gefunden wurde die Mutter zweier kleiner Jungen im Alter von 2 und 4 Jahren Wochen später, erst Ende Juni, im angrenzenden Wald. Die Polizei bestätigte zunächst, „skelettierte menschliche Überreste“ nach einer mehrtägigen Suche nach einer vermissten Asylbewerberin in den Wäldern um Hohenleipisch gefunden zu haben. Am 25. Juni vermeldet sie, dass die Leichenteile nach einer DNA-Analyse zweifelsfrei der vermissten Frau zuzuordnen sind.

Oberstaatsanwalt wehrt sich gegen Vorwürfe

Verschiedene Flüchtlingsinitiativen kritisieren seitdem die ihrer Ansicht nach zu spät begonnenen Ermittlungen. Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon von der Staatsanwaltschaft Cottbus wehrt sich gegen diesen Vorwurf. „Wir haben bereits am 11. April mit Befragungen im Umfeld begonnen und am 16. April zum ersten Mal im Wald mit Hunden gesucht“, sagt er in einem zurückliegenden RUNDSCHAU-Beitrag.

Die Ermittlungen, um den Verbleib und Aufenthalt der jungen Frau festzustellen, seien ab 25. April dann deutlich ausgeweitet worden. Nach der Frau ist ab dem 11. Juni mit Unterstützung einer Polizeihundertschaft über mehrere Tage ein etwa 32 Hektar großes und stark bewachsenes Waldgebiet abgesucht worden. Auch das unwegsame Gelände mit Bunkeranlagen um die Asylunterkunft in Hohenleipisch sei nicht ausgelassen worden.

Flüchtlingsinitiativen bleiben bei Kritik

Die Flüchtlingsinitiativen von International Women Space und Women in Exile bleiben bei ihrer Kritik und fragen unmittelbar nach dem Auffinden der Leichenteile auf ihren Internetplattformen: „Wie kann es sein, dass ihr Körper erst jetzt nach drei Monaten gefunden wurde – in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes?“

Zwischenzeitlich gerät auch das Asylbewerberheim Hohenleipisch erneut in die Kritik. Es taucht ein offener Brief auf, in dem Bewohner und der Flüchtlingsrat Brandenburg die Schließung des Heimes fordern. Da ist von Isolierung im Wald die Rede, von Verkehrsmitteln, die nur bis 17.30 Uhr fahren, einem acht Kilometer entfernten Supermarkt, sehr alten Gebäuden. „Das Leben in diesem Heim erinnert an ein Gefängnis (...)“, steht im Brief geschrieben und am Ende sind Fragen formuliert: „Wie können sich Menschen integrieren, wenn sie 24 Stunden am Tag im Wald sind?

Offener Brief: Asylbewerberheim Hohenleipisch Schließung gefordert

  Der Landkreis Elbe-Elster, der Teile der ehemaligen Russenkaserne bis 2025 von dem indischen Besitzer gemietet hat, erklärt bei einem Vorort-Termin erneut, dass alle Standards erfüllt seien.122 Asylbewerber aus 18 Nationen, von weiteren fünf Bewohnern ist die Herkunft ungeklärt, leben gegenwärtig im Heim. Im Auftrag des Landkreises betreibt die Human Care GmbH seit 2013 das Heim bis Ende dieses Jahres. Der Landkreis schreibt gerade für ein Jahr mit Option auf Verlängerung neu aus.

Die Sozialarbeiter im Asylbewerberheim, ihre Zahl wurde nach dem Vorfall noch aufgestockt, teilen die geschilderten Eindrücke aus dem Brief nicht, glauben gar, dass das Schriftstück nicht von jemandem aus dem Heim, sondern „fremdgesteuert“ verfasst wurde. Sie empfinden die momentane Situation nach dem Tod von Rita Ojunge auch nicht so wie am Ende im  Brief geschrieben: „Wir alle haben sehr viel Angst, hier zu leben, da es auch möglich ist, dass ihr Mörder unter uns im Heim lebt.“ Sie hätten ein sehr offenes, entgegenkommendes Verhältnis zu den Bewohnern, sagt eine Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Kinder vermissen ihre Mutter

Und auch Sahar Hesselbarth von der Geschäftsführung des Betreibers Human Care, als Perserin selbst eine Frau mit Migrationshintergrund, sagt:  „Der Tod hat uns alle erschüttert. Aber wir wissen nicht, wer der Mörder ist und vertrauen auf die Polizei.“ Den beiden Kindern und ihrem 30-jährigen Vater werde jede Hilfe zuteil. Die Kinder würden im Kindergarten liebevoll betreut. So auch am Donnerstag, wo der Vater mit seinen Kindern zur Kita gefahren wird. Die Steppkes lächeln. Einer berichtet, Dinos besonders gern zu haben. Der Jüngere klammert sich ans Bein seines Vaters, der sich „rührend“, so eine Mitarbeiterin um die Kleinen kümmere. Der Vater wolle so schnell wie möglich eine Wohnung in Berlin finden und dann dorthin ziehen. Wie es ihnen geht? Eine Sozialarbeiterin kämpft mit den Tränen. „Wie soll es ihnen gehen? So wie allen Kindern, die nach ihrer Mutter suchen.“ Kürzlich sei der Jüngste wieder mal hingefallen, habe geweint und nach seiner Mutter gerufen. Das gehe allen nahe.

Kenianerin hat Mann in Hohenleipisch kennengelernt

Die Frau, die 2012 ins Asylbewerberheim nach Hohenleipisch gekommen sei, ist mit dem Vater ihrer Kinder nicht verheiratet gewesen. Der habe sich vielfach in Berlin aufgehalten. Und es sei auch richtig, dass sie in Hohenleipisch einen Mann kennengelernt habe, mit dem sie dann zusammengewesen sei. Der war im Zuge der Suche in ein anderes Heim verlegt worden, um aufkommenden Spannungen und Vermutungen zu begegnen.

Sahar Hesselbarth: „Wir haben niemanden vorzuverurteilen. Wir wissen nicht, was passiert ist. Wir wissen nicht, wie die Frau zu Tode gekommen ist. Wir wissen nicht, wie sie in den Wald gekommen ist, ob sie allein war. Alles ist möglich“, sagt sie und bestätigt der Polizei eine umfassende Ermittlungsarbeit. Noch jetzt seien Kriminalisten immer wieder vor Ort, würden Befragungen durchgeführt.

Staatsanwaltschaft entkräftet Gerüchte

Oberstaatsanwalt Horst Nothbaum erklärt am Donnerstag, dass intensiv gearbeitet werde, will nähere Details nicht nennen. Er bestätigt auch nicht Erzählungen, wonach eine Person in Untersuchungshaft genommen worden sei.

Unterdessen sammelt die Cousine der tot aufgefunden Frau, Caroline Atieno, Geld, um die Anreise der Mutter und eines Onkels von Rita Awour Ojunge aus Kenia sowie die Beerdigungskosten finanzieren zu können. Die Frau soll in Berlin ihre letzte Ruhe finden. Der Plattform gofundme.com zufolge hätten 74 Spender bislang 2489 Euro zur Verfügung gestellt. 10 000 Euro ist das Spendenziel, denn neben den Flug- und Unterbringungskosten für die Familienangehörigen solle noch Geld für die Beerdigung und für den Lebensunterhalt der Kinder und des Vaters gesammelt werden.

 Auf dieser Plattform im Internet bittet die Cousine um Spenden für die unter bislang nicht geklärten Umständen zu Tode gekommene Kenianerin.
Auf dieser Plattform im Internet bittet die Cousine um Spenden für die unter bislang nicht geklärten Umständen zu Tode gekommene Kenianerin. FOTO: LR / privat

Leiche zur Bestattung noch nicht freigegeben

Caroline Atiene sagt, dass die Angehörigen aus Kenia die Reisegenehmigungen für den Zeitraum vom 15. August bis 15. September bei der Botschaft beantragt hätten. Man hätte ihnen signalisiert, dass bis dahin die Leichenteile zur Bestattung freigegeben würden.

Auch das bestätigt Oberstaatsanwalt Horst Nothbaum nicht. „Unsere Untersuchungen sind nicht abgeschlossen. Wir haben noch keine Freigabe in Aussicht gestellt.“