| 19:53 Uhr

Radio 1 und RUNDSCHAU-Talk
Harte Kritik am Hochwasserschutz

Gefürchtet: Hochwasser an der Schwarzen Elster.
Gefürchtet: Hochwasser an der Schwarzen Elster. FOTO: Klaus-Peter Manig / privat
Radio 1 und RUNDSCHAU diskutieren mit Elster-Anrainern und Behördenvertretern. Von Frank Claus

Dass er an diesem Abend der Prügelknabe sein würde, ist Kurt Augustin, Leiter der Abteilung Wasser und Boden im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, schon klar, als er am Dienstagabend den Ort des Hochwasser-Spezials von Radio 1 und der Lausitzer Rundschau betritt.  „Ich wollt mich heute verhauen“, sagt er.

In der einstündigen Livesendung aus dem Bad Liebenwerdaer Restaurant „Villa Nuova“ hagelt es zwar durchweg Kritik zum Stand des Hochwasserschutzes an Schwarzer Elster und Pulsnitz, die Debatte wird aber sehr sachlich geführt. Problematisch sind die Konsequenzen für die Anrainer, die sich aus der vom Land Brandenburg erfolgten Ausweisung von Flächen mit erhöhter Überschwemmungsgefahr ergeben.

Moderator Jan Vesper hakt bei Kurt Augustin, Leiter der Abteilung Wasser und Boden im Umweltministerium, nach.
Moderator Jan Vesper hakt bei Kurt Augustin, Leiter der Abteilung Wasser und Boden im Umweltministerium, nach. FOTO: Frank Claus / LR

Bereits im Jahr 2010 hatte die damalige Umweltministerin Anita Tack (Die Linke) vom „Pilotprojekt“ Schwarze Elster gesprochen und vorgezogene Baumaßnahmen zur Schaffung von Retentionsflächen bereits vor 2013 für möglich gehalten. Passiert ist in der Praxis indes herzlich wenig, auch nicht in den besonders gefährdeten Ortslagen von Herzberg, Bad Liebenwerda, Elsterwerda und Ruhland. Sämtliche Bauprojekte befinden sich noch immer in den Planungsverfahren. Kurt Augustin hatte schon zuvor erklärt, dass auch in den nächsten zwei Jahren noch kein Bagger anrücken wird.

Dabei, so kritisierten der Bergbausanierungsexperte Walter Karge und der Wasserwirtschaftler Reinhard Heepe aus Senftenberg (beide im Ruhestand) zum wiederholten Mal, dass die Hochwassergefahr erheblich eingedämmt werden könnte, wenn vor allem im Raum Senftenberg und Lauchhammer endlich eine ordentliche Gewässerunterhaltung betrieben werde und die Maßnahmen forciert würden, im Hochwasserfall Wasser aus der Schwarzen Elster in die Lausitzer Seenkette abzuleiten. Während Übereinstimmung bestand, dass bis zu 60 Millionen Kubikmeter Wasser auf diesem Wege „abgeschlagen“ werden könnten und so Ruhland und Lauchhammer sowie den Elbe-Elster-Kreis gar nicht erreichen würden, gibt es nach wie vor unterschiedliche Auffassungen zur technischen Realisierung und zu Nachfolgewirkungen. Dabei geht es unter anderem um mögliche Staulamellen für die einzelnen Seen und die zu erwartende Güte, die das Wasser aufweist, wenn es nach dem Hochwasser wieder in die Schwarze Elster und Nebenflüsse abgegebenen wird. Das Land führe dazu umfangreiche Untersuchungen, die demnächst abgeschlossen würden.

Antje Ruhland-Führer, Rechtsanwältin in Schwarzheide und selbst von der Ausweisung der Überschwemmungskarten betroffen, zeigte nochmals Konsequenzen für künftige Bauherren auf. Sie müssten mit erheblichen Mehrkosten bei der Bauausführung rechnen und mehr Reglementierungen hinnehmen. Häuser im Bestand und Grundstücke würden mit der Ausweisung der Überflutungsflächen entwertet. Teilweise würden Versicherungspolicen erhöht oder gar keine mehr abgeschlossen. „Ich wundere mich nur, dass sich deshalb aus der Bevölkerung nicht noch mehr Widerstand formiert“, erklärt sie.

Leidenschaftlich wird Bad Liebenwerdas Bürgermeister Thomas Richter (CDU), der nicht nur den anhaltenden Sanierungsstau an den Dämmen bemängelt, sondern die Kommunen im Umgang mit den Überschwemmungsflächen auch allein gelassen sieht: „Ich bekomme nicht eine einzige Baugenehmigung mehr durch.“ Um die geforderten Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen, müsste die Stadt jetzt einen Graben um ganz Bad Liebenwerda ziehen, erklärte er ironisch. Dr. Frank Hamann, Geschäftsführer der Elsterwerkstätten in Herzberg, demonstriert das nachhaltig mit zusätzlichen Auflagen, mit denen er bei der geplanten Erweiterung des Elsterparks kämpft. Nach der Bemerkung von Kurt Augustin, wonach es Ausnahmeregelungen gebe und die Wasserbehörden der Landkreise dafür zuständig seien, explodiert Uebigau-Wahrenbrücks Bürgermeister Andreas Claus (parteilos) verbal. „Genau die Wasserbehörde weiß nicht, wie sie mit diesen Fällen umgehen soll, hat sich mehrfach an ihr Ministerium gewandt und keine Antworten erhalten.“ Die Kommunen in Südbrandenburg seien auf jeden Investor angewiesen, der Landtag müsse den Hochwasserschutz an der Elster endlich dorthin bringen, wo er hingehört: „In der Priorität ganz nach oben“, so der Bürgermeister.