Von Frank Claus

Sie haben sein Schloss erobert, im Gärtnerhaus gestöbert, den Wald durchstreift und das – potz Teufel – auch noch in vier hochmodernen Mannschafts-Stahlkutschen. August der Starke hätte in der Samstagnacht die Wangen dick gemacht.

Historischer Stadtspaziergang in Elsterwerda – der achte inzwischen! 240 Wanderscheine sind für die Samstagnacht vergeben. Mehr geht nicht, auch nicht für diejenigen, die mehr als 30 Taler geboten hätten. Die, die durch das Reich von August dem Starken führt, ist weder Gräfin Cosel (war die je in Elsterwerda?) noch irgendeine Mätresse. Nennen wir sie schlicht die Zeremonienmeisterin des Hofstaates. Auf den Namen Anja hört sie.

Wildpinkeln ist in Elsterwerda nicht erwünscht

Sie versteht sich aufs Säuseln zur Begrüßung und überlässt das Überbringen der harten Botschaften ihrem Stadtsoldaten Freiherr von (Holger) Posselt. In der Nähe von Häusern mit Stroh- und Holzdächern dürfe man sich kein Pfeifchen anzünden, es gelte ein strenges Prügelverbot und auch wenn Luther Furzen hoffähig gemacht habe: in Elsterwerda sei es wie Wildpinkeln nicht erwünscht. Und getrunken werde, wenn er es sagt: Und zwar die „Traube der Nacht“, die Kellermeister John unter Zuhilfenahme der braunen Brühe aus Elster und Pulsnitz gekeltert habe.

Derart froh gelaunt geht es ins Jagdschloss an der Elster, wo Ursula von Rätin (die wie eine Ratte aussieht, aber Rat gibt) das erste Mal heftige Wallungen zwischen den glatten Handflächen der illustren Schar erzeugt. Und Historienmeister Ralf Uschner heiter, knackig und amüsant in jene Zeit August des Starken einführt.

Klimawandel machen den Mooren zu schaffen

Doch weil draußen schon die Pferde der Stahlkutschen wiehern –  in diesem Fall die Motoren an vier Bussen surren – geht es in zwei Gruppen los in die Döllingener Kirche und in den nächtlichen Loben. Lampen säumen die Wege und Stege bis ins Moor, wo Revierförster Uwe Lewandowski schon wartet und zu berichten weiß, dass später einmal dieses Moor das größte in Brandenburg sein wird. Und er prophezeit: Klimawandel und Wassermangel werden den Mooren, die wichtige CO2-Speicher sind, zu schaffen machen.

Zurück in seinem Forsthaus erzählt er von den Sorgen des Waldes und macht die Bühne frei für die Jobvermittlung anno 1730. Da sucht der Abtrittsanbieter (Roland Lange), zuständig fürs große und kleine Geschäft, ebenso Nachfolger wie der Sandmann (Rico Beckstein), der den Stubbensand verteilt, um die Böden der Häuser zu reinigen und der Lumpensammler (Marcel Haubold), der sich lobpreist: „Lumpen regier’n die Welt“. Selbst den Job des Scharfrichters (Holger Posselt), nicht nur fürs Hängen und Rädern, sondern auch für die Dirnen zuständig, wolle keiner mehr machen.

Krönendes Festmahl im Jagdsaal

Inzwischen ist es Mitternacht. Zeit für den Kirchgang. St. Catharina ist proppevoll, als Ulli Zech und Antje Schaffranietz mit Gitarre und Violine in den nächsten Tag hinübergleiten und die Zeremonienmeisterin Anja Heinrich heiter-besinnliche Geschichtchen und Gedichte vorliest. Was folgt, ist ein krönendes Festmahl im Jagdsaal an langen, mit Kerzen auf Ständern beleuchteten Tafeln. Kassler an Sauerkraut lässt Fleischermeister Tino Hauptvogel reichen, Wein fließt. Bäume und Geweihe drapieren den Saal, Obstschalen geben den Tischen bunte Farbtupfer. Auf der Bühne zeigen sich noch einmal alle Akteure. Tosender Applaus. Das Lustlager von August dem Starken bei Zeithain kann nicht anders gewesen sein.