Das ist den Einwohnern in der Region Mühlberg in die Knochen gefahren. Am Donnerstagmorgen sickerte die Nachricht durch, dass die Südzucker AG im Rahmen ihres „Restrukturierungsplanes für das Segment Zucker“ die Schließung ihrer Werke in Brottewitz und Warburg plant.

Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos), zu deren Stadtgebiet Brottewitz gehört, erklärt: „Ich bin geschockt.“ Etwa 90 Mitarbeiter arbeiten am Brottewitzer Standort. Der Ortsvorsteher Dieter Jähnichen sagt. „Die Stimmung ist am Boden. Bei uns in Brottewitz hat doch jede zweite, dritte Familie irgendwie mit der Zuckerfabrik zu tun.“ Denn neben den direkt Beschäftigten dürfte auch viele Nachfolgegewerke, Handwerker und Zulieferer, das mögliche Aus hart treffen. „Ich denke, da kann man leicht mit dem Faktor drei rechnen“, meint Dieter Jähnichen.

Zuckerpreis auf Tiefflug

Begründet wird die beabsichtigte Schließung „mit einem historisch niedrigen Preisniveau innerhalb der EU“. Wie Unternehmenssprecher Dr. Dominik Risser erklärt, kalkuliere das Unternehmen, das nach eigenen Angaben „europaweit der größte Anbieter von Zuckerprodukten mit 29 Zuckerfabriken und zwei Raffinerien“ ist, im zurückliegenden Wirtschaftsjahr, das im Februar endet, mit einem Verlust zwischen 150 bis 250 Millionen Euro allein im Segment Zucker. Im dritten Quartal sei ein Minus von 83 Millionen Euro eingefahren worden.

Seit dem Ende der Zuckermarktordnung, die bis Ende 2017 den Werken stabile Preise garantierte, habe es auf dem internationalen Markt gehörige Turbulenzen gegeben. Um wirtschaftlich einigermaßen auskömmlich arbeiten zu können, müssten 300 Euro je Tonne Zucker eingespielt werden. Ein Betrag, der schon lange nicht mehr erreicht worden sei. Der Preisverfall auf dem Weltmarkt sei enorm. Zudem habe es in den großen Exportnationen, wie zum Beispiel in Indien und Thailand, nicht nur außerordentlich gute Ernten gegeben, sondern darüber hinaus auch noch Exportzuschüsse seitens der Regierungen. Auch in Europa gäbe es Verzerrungen. Während zum Beispiel Deutschland, Frankreich und Belgien ohne Zuschüsse ihrer Regierungen auskommen müssten, hätte auch Polen Hilfsgelder an seine Verarbeiter gezahlt.

Menschen ernähren sich zuckerärmer

Und noch ein Effekt sei nicht mehr wegzuwischen. Im Zuge der umfangreichen Diskussionen zu gesundheitsbewusster Ernährung, so Dr. Dominik Risser, würden zunehmend mehr Verarbeiter immer konsequenter den Zuckerverbrauch reduzieren beziehungsweise mit Ersatzstoffen kompensieren.

Mit dem Restrukturierungsplan verfolge der Vorstand der Südzucker AG das Ziel, die Auswirkungen der starken Preisschwankungen an den globalen Zuckermärkten und in der EU auf das Segment Zucker zu verringern und damit den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu sichern und zu stärken. Der Plan sehe nach ­Unternehmensangaben „Maßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vor“. In Betracht gezogen würden in Deutschland und anderen europäischen Ländern neben weiteren allgemeinen Kostensenkungsmaßnahmen in den Verwaltungen „Kapazitätsanpassungen, die auch zu Werksschließungen mit einer Reduktion des Zuckerproduktionsvolumens von bis zu rund 700 000 Tonnen pro Jahr führen können“.

Ziel sei es, so heißt es im Statement des Unternehmens, die Kapazitäten „stärker am Bedarf des europäischen Marktes“ auszurichten. Die Kosten könnten so „um bis zu rund 100 Millionen Euro pro Jahr“ gedrückt werden. Das Werk in Warburg, das ebenfalls von der Schließung bedroht ist, beschäftigt 60 Mitarbeiter.

Agrargenossenschaften müssen umdenken

Für Uve Gliemann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Mühlberg, ist das Südzucker-Problem „zum Teil hausgemacht“. Das Unternehmen baue auf 225 Hektar die süße Rübenfrucht an und bewirtschafte zudem noch Flächen im Raum Herzberg. „Nach Ende der Zuckermarktordnung sind wir von Südzucker aufgefordert worden, unsere Rübenanbauflächen um 25 Prozent zu erweitern. Versüßt wurde das mit einer Treueprämie. Die Erweiterung war angestrebt worden, um damit die jährlichen Kampagnen konstant auf mindestens 120 Tage auszudehnen. So sollte die Auslastung der Zuckerfabriken wirtschaftlicher gestaltet werden.“ Jetzt steht für Uve Gliemann fest: Sollte die Schließung wirklich durchgezogen werden, das letzte Wort hat der Aufsichtsrat, „werden wir unsere Anbauflächen deutlich reduzieren“. Denn die Mühlberger müssten nun nach Zeitz liefern. Die Logistikkosten würden erheblich steigen.

Der Mühlberger Agrarexperte macht noch auf ein ganz anderes Problem aufmerksam: „Was wird jetzt mit den Zuckerrübenschnitzeln, die wir als ,Abprodukt’ immer entgegen genommen haben und die hochwertiges Futter in der Tierproduktion waren? Die aus Zeitz abzuholen, rentiert sich auf keinen Fall mehr.“

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