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Hinter 2053 Ziffern steht: Unbekannt

Elsterwerdas Bauamtsleiter Uwe Schaefer und Bauhofleiter Andreas Glas auf dem Friedhof.
Elsterwerdas Bauamtsleiter Uwe Schaefer und Bauhofleiter Andreas Glas auf dem Friedhof. FOTO: Frank Claus
Elsterwerda. Die Faktenlage ist dünn: Laut Gräberübersicht vom 1. Juni 1972 liegen auf dem russischen Soldatenfriedhof in Elsterwerda in 42 Einzel- und 72 Massengräbern 2741 sowjetische Soldaten begraben. Auf der Liste mit den Namen der Toten steht hinter 2053 Ziffern das Wort: Unbekannt. Frank Claus

Bernd-Jürgen Fritsch, der eng verbunden ist mit der Aufarbeitung der Geschichte im ehemaligen Kriegsgefangenen- und späteren Internierungslager in Mühlberg, will allen Opfern ihre Namen wiedergeben und stößt dabei noch auf Zurückhaltung. Die Stadt setzt gegenwärtig den Schwerpunkt auf die Erhaltung der vorhandenen Substanz der Grabstätte und hat in zwei Jahresscheiben je 50 000 Euro vom Land für die Sanierung der Friedhofsmauer und von Wegen erhalten. Auch dem im Laufe der Jahre üppig gewachsenen, kriechenden Wacholder auf vielen Grabstätten muss Einhalt geboten werden. Auf den ersten Blick machen die obeliskenförmigen Grabsteine einen recht ordentlichen Eindruck. Kleine Frostschäden sind zu verzeichnen. Das trifft auch auf die zwei großen Denkmäler zu, die 1999 Kupferhauben erhalten haben. Aus der Entstehungsgeschichte des Friedhofes ist wenig bekannt. Im Magistratsprotokoll der Stadt Elsterwerda vom 19. Oktober 1945 ist lediglich eine Anmerkung der Firma Menzel nachzulesen, wonach die "Kosten für den Ehrenfriedhof der Roten Armee von der Stadt getragen werden" müssen. Das nährt die Vermutung, dass diese Firma auch mit der Errichtung betraut worden war. Die Umbettungen der Toten muss zwischen den Jahren 1945 und 1947 stattgefunden haben, das Datum der offiziellen Einweihung des Friedhofes ist im Stadtarchiv unbekannt.

Zu DDR-Zeiten stand der Friedhof einmal im Jahr besonders im Blickfeld, am 8. Mai - damals als Tag der Befreiung meist mit einem großen Aufmarsch gefeiert. In einer 1983 von der "Kommission zur Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung der Kreisleitung der SED" herausgegeben Broschüre ist von "nur" 456 Soldaten, "die bei der Befreiung unseres Kreisgebietes in den Apriltagen 1945 gefallen" sind, die Rede. Kein Wort von den Opfern des ehemaligen Mühlberger Lagers. In den Jahren 1999 und 2001 hat es weitere größere Einsätze zur Werterhaltung in Zusammenarbeit mit der Kriegsgräberfürsorge und der Bundeswehr gegeben.

"Ich will erst sterben, wenn der Name meines Vaters auf einem Grabstein in Elsterwerda zu lesen ist", das hatte Bernd-Jürgen Fritsch ein Mann gesagt, der aus Perm am Ural mit seiner Enkelin nach Mühlberg gekommen war und dort erfuhr, dass sein Vater namenlos auf den Elsterwerdaer Friedhof umgebettet worden ist. Im Zuge der jetzt in Aussicht gestellten Sanierung des Friedhofes müsse, so Fritsch, auch geklärt werden, wie mit den Grabsteinen verfahren werden soll. Viele Namen sind inzwischen nur noch schwer leserlich oder Daten unvollständig vermerkt. "Macht es da nicht wirklich Sinn, die Kraft zu verwenden, neue Tafeln anzufertigen und endlich allen Toten einen Namen zu geben?", fragt Fritsch und verweist auf gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Botschaften und der Kriegsopferfürsorge. Er jedenfalls könne dem Gedankengang des Elsterwerdaer Bürgermeisters Dieter Herrchen - der ansonsten sehr aufgeschlossen gegenüber dem Thema sei und wegen seiner guten Russischkenntnisse oft Nachfragen von Angehörigen persönlich beantwortet - das jetzt nicht zu tun, weil es noch offene Fragen zu einigen Personen gebe, nicht folgen. "Die wird es immer geben", sagt Fritsch, "aber der übergroßen Mehrheit würden wir eine Identität zurückgegeben."

Und noch etwas bedrückt ihn. Elsterwerdas Soldatenfriedhof zählt zu den größten im Landkreis, ist aber für Fremde schwer zu finden. "Kann nicht an der Straße ein entsprechendes Schild, vielleicht auch in russischer Sprache aufgestellt werden?, fragt Fritsch und erläutert, dass es immer wieder Nachfragen nicht etwa nur von Kindern der Toten gebe, sondern inzwischen auch von deren Enkeln.

Zum Thema:
Am Sonntag:Finsterwalde: städtischer Friedhof in der Sonnewalder Straße, 10 Uhr (zentrale Veranstaltung des Landkreises);Elsterwerda: Gedenkstein im Stadtpark, 11.Uhr;Falkenberg: Trauerhalle auf dem Friedhof, 14 Uhr;Schönewalde: Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, 9.45 Uhr;Herzberg: Denkmal Germania am Markt, 11 Uhr;Massen: am Kriegerdenkmal an der Kirche, 14 Uhr;Doberlug-Kirchhain: vor dem Schwert Am Hagwall, Denkmal für die Verstorbenen im Ersten Weltkrieg, 9.45 Uhr, anschließend am Schillerplatz für die Opfer des Bombenangriffs von 1945, 10.45 Uhr auf dem sowjetischen Friedhof und am Kriegerdenkmal in Doberlug;Rückersdorf: Kranzniederlegungen um 10 Uhr in Rückersdorf, 10.30 Uhr in Friedersdorf, 11 Uhr in Oppelhain;Sallgast: Kriegerdenkmal, 11 Uhr.Am Sonnabend:Neuburxdorf: am Kriegsgefangenenfriedhof, 10 Uhr;Mühlberg: am Hochkreuz im Lager Mühlberg, 10.45 Uhr.

8. Mai 1967 – wie in den darauf folgenden Jahren gab es am "Tag der Befreiung" immer einen großen Aufmarsch.
8. Mai 1967 – wie in den darauf folgenden Jahren gab es am "Tag der Befreiung" immer einen großen Aufmarsch. FOTO: Stadtarchiv