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| 18:25 Uhr

Aus dem Amtsgericht Bad Liebenwerda
Mädchen mit Bart ist ein Erpresser

Vorsicht im anonymen Liebes-Chat! Die hübsche Frau oder der attraktive Mann können auch Falschspieler mit gestohlenen Fotos sein.
Vorsicht im anonymen Liebes-Chat! Die hübsche Frau oder der attraktive Mann können auch Falschspieler mit gestohlenen Fotos sein. FOTO: nelen/Shutterstock.com
Bad Liebenwerda. Satte Haftstrafe ohne Bewährung für einen notorischen Chat-Betrüger aus Elbe-Elster. Von Manfred Feller

Wer persönliche Daten oder gar Fotos an scheinbar vertrauenswürdige Unbekannte in Internetchats, auf Partnersuchportalen und später im E-Mail-Verkehr und in sozialen Medien leichtgläubig weitergibt, der kann schmerzhaft auf die Nase fallen. Und das, obwohl permanent vor diesen Gefahren gewarnt wird.

Ein 24-Jähriger aus Leipzig ist einem dieser Betrüger ins Netz gegangen und hat dafür sehr teuer bezahlt. Nämlich einige tausend Euro. Doch die Ermittler sind dem Täter, er stammt ebenfalls aus Sachsen und wohnt im Osten des Landkreises Elbe-Elster, auf die Spur gekommen. Das Schöffengericht in Bad Liebenwerda unter Vorsitz von Richter Egon Schaeuble hat den 36 alten, wegen Betrugs und Erpressung mehrfach Vorbestraften gnadenlos zu drei Jahren und neun Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Eine Bewährungszeit gibt es für den Wiederholungstäter nicht.

Der korpulente Angeklagte hatte in seinem Internetspaziergang aus dem Jahr 2016 eine unheimliche Wandlung vollzogen. Um an sein Opfer zu kommen, gab er sich in einem Chat als Mädchen aus. Der junge Mann, den er sich in dem Forum ausgesucht hatte, war um die 20, also längst volljährig.

Der Inhalt der E-Mails wurde mit der Zeit immer vertrauter und intimer. Es wurde eine Art virtuelle Liebesbeziehung aufgebaut. Irgendwann bat das stabil gebaute „Mädchen“ mit dem lichten Haar und dem Kinnbärtchen den potenziellen Freund, ob dieser nicht schönere Fotos von sich senden kann, zum Beispiel von einem erigierten Penis. Um seine neue Errungenschaft nicht zu verlieren, tat der Leipziger, was von ihm erbeten wurde. Er schickte sein entblößtes Ding durchs Netz.

Als seine „Freundin“ schließlich genügend Beweisfotos gesammelt hatte, schnappte wie geplant die Falle zu. Die „15-Jährige“ verriet, dass ihr Vater Staatsanwalt sei und dieser ihn wegen Belästigung Minderjähriger anklagen werde. Es sei denn, der junge Mann zahlt Schweigegeld. Doch diesem war nicht bewusst, dass die Rechnung mit der ersten Überweisung noch lange nicht beglichen sein sollte. Über viele Monate flatterte eine stattliche Geldforderung nach der anderen ins Haus des Geschädigten.

Als das Erpressungsopfer das Mädchen sehen wollte, hieß es: „Nur mit meinem Bruder.“ Der Bruder wäre der Täter selbst gewesen. Doch zu dem Treffen kam es nicht.

Als der Leipziger finanziell ausgeblutet war, keinen Ausweg mehr sah, offenbarte er sich seiner Mutter. Diese erstattete Anzeige. Die Kriminalisten ermittelten schließlich den mutmaßlichen Kriminellen.

Bei der Überprüfung der Zahlungseingänge auf dessen Konto wurden genau jene Beträge festgestellt, die der junge Mann vor lauter Angst überwiesen hatte. Eine plausible andere Erklärung für die Summen konnte der Erpresser auch nach Überzeugung des Gerichts nicht liefern. In der Verhandlung bestritt der Angeklagte die Vorwürfe.

Die Faktenlage und die Zeugenaussagen des betroffenen jungen Mannes und seiner Mutter wurden vom Richter und den beiden Schöffen als glaubhaft bewertet. Die Staatsanwaltschaft plädierte für einen Gefängnisaufenthalt von drei Jahren und neun Monaten.

Diese Strafe, nicht ausgesetzt zur Bewährung, hielt schließlich auch das Schöffengericht für gerechtfertigt. Es wurden mehrere strafverschärfende Aspekte berücksichtigt. Der Angeklagte hat wegen mehrfachen Betrugs und Erpressung bereits ein paar Jahre eingesessen. Zudem habe der Wiederholungstäter in diesem Fall sein Opfer über eine längere Zeit erpresst und es damit einer großen psychischen Belastung ausgesetzt. Das erpresste Geld muss der Verurteilte an die Staatsanwaltschaft zahlen, die es ihrerseits an das Opfer weiterreicht.

Erwartungsgemäß hat der Anwalt des Erpressers Berufung gegen das Urteil eingelegt. Damit wird alles zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufgerollt.

Die Lehre daraus: In vermeintlichen Liebesangelegenheiten ist im Internet höchste Vorsicht geboten. Bei dem Wunsch nach Herausgabe persönlicher Daten und Fotos mit Erpressungspotenzial sowie bei Geldforderungen aufgrund einer angeblichen Notlage sollten alle Alarmglocken schrillen, raten Verbraucherschützer. Letzterer Masche bedienen sich sogenannte Love-Scammer mit einer falschen Identität, erfundenen Lebensgeschichten, aber den tollsten Liebesschwüren. Diese Betrüger kommen zumeist aus dem fernen Ausland. Opfer sind oft alleinstehende Frauen, die sich nach herzergreifenden Komplimenten und einer Partnerschaft sehnen.