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| 18:08 Uhr

Schulleitung verabschiedet sich
Der Direktor geht, die Koßagk-Schule in Elsterwerda bleibt

 „Dieses Haus verlassen wir offiziell zum Ende des Schuljahres“, scheint der langjährige Schuldirektor Dietmar Koßagk zu Schulsachbearbeiterin Cornelia Heinicke zu sagen. Auch Stellvertreterin Bärbel Hammer geht in den Ruhestand. Damit endet in der Elsterwerdaer Bildungslandschaft eine personelle Ära.
„Dieses Haus verlassen wir offiziell zum Ende des Schuljahres“, scheint der langjährige Schuldirektor Dietmar Koßagk zu Schulsachbearbeiterin Cornelia Heinicke zu sagen. Auch Stellvertreterin Bärbel Hammer geht in den Ruhestand. Damit endet in der Elsterwerdaer Bildungslandschaft eine personelle Ära. FOTO: LR / Manfred Feller
Elsterwerda. Am Elsterschulzentrum Elsterwerda wechselt mit Leitung und Sekretariat gleich ein Dreigestirn in den Ruhestand. Von Unruhe jedoch keine Spur. Denn das Bildungsfeld ist gut bestellt. Von Manfred Feller

Seinen Ruf kann man sich schnell ruinieren oder eben erarbeiten. Dass Letzteres gelungen scheint, ist Generationen von Schülern in Elsterwerda nachhaltig in Erinnerung geblieben und eng mit einer Person verbunden. Deshalb gibt es in dieser Stadt im Volksmund seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine Koßagk-Schule. Sie hat alle Launen der Brandenburger Bildungspolitik, viele Minister-Ideen und Umbenennungen ganz offensichtlich schadlos überstanden.

Was gab es nicht alles? Zuerst und sehr lange die 1968 eröffnete POS „Johannes Dieckmann“. Aus ihr wurde die Gesamtschule als große Errungenschaft der Nachwendezeit. Nach 15 Jahren war der Begriff Oberschule wieder tragbar. Seit einem Jahr werden Grund- und Oberschule unter einem Dach als Schulzentrum geführt. Welche Bezeichnung gerade aktuell ist, das weiß nicht jeder. Doch bei Koßagk-Schule ist sofort allen klar, welches Haus gemeint ist.

Eine Frau folgt als Direktorin

Der Mann dahinter ist Dietmar Koßagk. Zum bevorstehenden Schuljahresende verabschiedet sich der 63-jährige in den Ruhestand. Mit ihm gehen seine langjährige Stellvertreterin Bärbel Hammer und Schulsachbearbeiterin Cornelia Heinicke. Christine Braun von der im Wohngebiet Elsterwerda-West benachbarten und im Auflösen begriffenen Förderschule „Lernen“ wird die berufene neue Leiterin werden.

Da ein Dreigestirn das Schulzentrum verlässt, ist Christine Braun nicht undankbar, wenn Dietmar Koßagk das bestellte Feld nicht fliehenden Fußes verlässt. „Ich werde der Schule bei Bedarf zur Verfügung stehen“, versichert er. Ansonsten werde er sich sehr zurückhalten: „Es ist nicht gut, wenn man sich für unersetzlich und unentbehrlich hält.“

 Das Elsterschulzentrum Elsterwerda mit Primarstufe und Sekundarstufe I.
Das Elsterschulzentrum Elsterwerda mit Primarstufe und Sekundarstufe I. FOTO: LR / Manfred Feller

Die bevorstehenden Ferien werde er zum Aufarbeiten letzter Dinge, zum Wegräumen und für die Übergabe an die neue Leitung nutzen. Schließlich dringt doch schon ein Fünkchen Vorfreude auf den Ruhestand durch: „Und wenn die anderen zur Schule gehen, dann bin ich beim Harley-Treffen in Österreich und anschließend eine Woche zum Baden an der Adria.“ Eine dieser großen V-Zylinder-Maschinen fahre er nicht mehr. Dafür stehen zu Hause ein paar eigenhändig restaurierte Zweirad-Oldtimer mit einem gewissen Zuwendungsbedarf.

Einen großen Traum möchte sich Dietmar Koßagk mit seiner Frau aber noch erfüllen: eine Atlantikreise über Island, Grönland und Kanada in die USA.

Nach dem Studium in Halle startete der junge Diplomlehrer für Biologie und Chemie sein Berufsleben an den damaligen Oberschulen in Hirschfeld und Großthiemig. 1990 wurde er stellvertretender Direktor in Hirschfeld und dann Leiter der Grundschule Großthiemig. Schon 1992 folgte der Ruf, Rektor der Gesamtschule Elsterwerda zu werden.

Viel mehr als eine Sekretärin

Gleichzeitig begann auch Cornelia Heinicke, ebenfalls Mitte 30, dort ihre Arbeit, damals noch als eine von zwei Schulsekretärinnen. Heute heißt es aufgrund der Vielfalt der Aufgaben bis hin zum Verwalten des Schulhaushaltes Schulsachbearbeiterin. „Das ist schon anstrengender als vorher im Betrieb“, erinnert sich die einstige Impulsa-Sekretärin. Von 7 bis 16 Uhr müsse man ständig präsent sein und auch aufgrund der wachsenden Bürokratie viele Dinge möglichst gleichzeitig erledigen. Denn 400 Schüler, deren Eltern, die nicht selten schon vor 7 Uhr anrufen, und 40 Lehrer können ganz schön anstrengend sein.

 Blick auf den einen Pausenhof des Elsterschulzentrums in Elsterwerda.
Blick auf den einen Pausenhof des Elsterschulzentrums in Elsterwerda. FOTO: LR / Manfred Feller

Schulleiter Dietmar Koßagk möchte die teils turbulenten Jahre des Wandels nach der Wende nicht missen. „Wir haben die Schule anfangs relativ autark, mit wenig Vorschriften und Verwaltungsaufwand geleitet und im Interesse der Schüler und Lehrer entschieden. Das ist uns auch ohne Restriktionen gut gelungen“, spielt er auf die spätere vorschriftenreiche Brandenburger Bildungspolitik an.

Auch der Umgang mit Schülern und Eltern sei damals anders gewesen. Die einen seien nicht so selbstbewusst wie heute gewesen und die anderen nicht so fordernd. Höflichkeit und Respekt seien schon mal größer geschrieben worden als in der Gegenwart, wirft Cornelia Heinicke ein. Manch ein Schüler von heute habe anscheinend nie beigebracht bekommen, dass man freundlich grüßt und sein Begehr in Sätzen formuliert. Wer dies nicht glaubt: Eine große Pause als Zuhörer im Sekretariat bringt die Ernüchterung.

Die Zeiten haben sich geändert

Dazu passt die Einschätzung des Direktors: „Sie ist sehr für Höflichkeit und hat so manch einem Schüler die Benimmformeln beigebracht. Vor Frau Heinicke hat man Respekt. Der wertschätzende Umgang ist für uns keine Einbahnstraße.“ Regeln und Normen sind für Dietmar Koßagk nichts Altbackenes, sondern allgemeingültig für das Zusammenleben. Allerdings stellt er als Vertreter einer Generation, die von Eltern mit Kriegserlebnissen erzogen worden war, fest, dass die Verfechter gewisser Tugenden, die dennoch reformoffen mit der Zeit gehen, zu „einer aussterbenden Art“ gehören.

Dramen, die keine sein müssen

Auch in einem anderen Punkt hätten sich die Zeiten gewaltig verändert. „Wenn wir Kinder vor allen Widrigkeiten schützen, wie soll man sie dann auf das Leben vorbereiten? Schmerz, Niederlagen und Verluste gehören dazu“, warnt Dietmar Koßagk davor, den Kindern alle Unannehmlichkeiten abzunehmen. Dass Dramatisieren heute Hochkonjunktur hat, davon kann auch Cornelia Heinicke ein Trauerlied singen: Da kommt ein Schüler ins Sekretariat und berichtet von einer schweren Verletzung. Mutti und Notarzt mögen bitte umgehend gerufen werden. In diesem Fall sei es ein blutender Finger gewesen, der schnell verbunden war. Mutti musste trotzdem sofort informiert werden.

Die jüngsten und die ältesten Schüler seien am leichtesten zu nehmen. Die Kleinen, so Dietmar Koßagk, seien extrem neugierig und wissbegierig. „Doch wenn die ersten Noten kommen, tritt die Ernüchterung ein. Dann beginnt für uns Lehrer der aufopferungsvolle Teil“, weiß er nur zu gut. Die Zehntklässler wiederum hätten Freund/Freundin und die Berufsausbildung im Blick. Wenn wie bisher alle in eine Ausbildung gehen, dann habe die Schule nicht viel falsch gemacht. „Nur mit Streicheleinheiten und Kuschelpädagogik kommen wir nicht zum Erfolg“, bleibt der scheidende Leiter seiner Linie treu. Genau damit verbinden heute nicht wenige den erarbeiteten Ruf „ihrer“ Koßagk-Schule.