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Grenzenlose Welten – und Abwege

René Schöne, Medienpädagoge und Eltern-Medien-Berater in Elbe-Elster, ist angestellt beim Kreisjugendring und wird über eine Leistungsvereinbarung vom Landkreis finanziert. Mit seinen Aufklärungs- und Informationsgesprächen, hier zum "Live-Streaming", ist er im ganzen Landkreis unterwegs.
René Schöne, Medienpädagoge und Eltern-Medien-Berater in Elbe-Elster, ist angestellt beim Kreisjugendring und wird über eine Leistungsvereinbarung vom Landkreis finanziert. Mit seinen Aufklärungs- und Informationsgesprächen, hier zum "Live-Streaming", ist er im ganzen Landkreis unterwegs. FOTO: Gabi Böttcher
Finsterwalde/Herzberg. Sorglose Kommunikation im Internet und über soziale Netzwerke kann böse Folgen haben. Mit Unbekannten aufgebautes vermeintliches Vertrauen, kann sogar tödlich enden wie der Fall der 14-jährigen Alyssa aus Eichwalde (Dahme-Spreewald) zeigt. Sie ist von einer Internet-Bekanntschaft mit 78 Messerstichen brutal ermordet worden. Die Aufklärung über die Gefahren der Kommunikation über moderne Medien verliert nichts an Bedeutung. Gabi Böttcher

In der Mission des Aufklärers, Beraters, nicht selten auch des Kummerkastens ist der Medienpädagoge René Schöne im Landkreis Elbe-Elster unterwegs. Der gelernte Facharbeiter für Polstertechnik, der 1993 in Hohenleipisch/Dreska den dortigen Jugendklub mitgegründet hatte, fand schließlich über Umwege auch beruflich zur Jugendarbeit. Als ausgebildeter Sozialpädagoge war er zunächst als Jugendkoordinator in Elsterwerda und im Amt Plessa sowie später als Fachberater für Jugendarbeit beim Kreisjugendring Elbe-Elster unterwegs. Selbst seit jeher begeistert von moderner Kommunikationstechnik erinnert sich der heute 49-Jährige an seinen ersten Computer, den er mit 14 ergründete. Heute gehe es schon in der 3. oder 4. Klasse los, dass Kinder Smartphones besitzen. "Eltern statten ihre Kinder mit den modernsten technischen Geräten, aber nicht mit den notwendigen Kompetenzen aus, damit auch verantwortungsbewusst umzugehen", weiß René Schöne. Das Argument, Eltern und Kinder müssten sich jederzeit erreichen können, sei verständlich. Jedoch eröffnen sich für die Jüngsten gleichzeitig schier grenzenlose Welten, in denen ebenso viele Abwege lauern.

Faustregel Nummer 1: Es gibt keine private Nachricht im Internet.

René Schöne verweist auf WhatsApp, das eigentlich laut Nutzungsbedingungen erst ab 16 Jahre zugelassen ist. Jedoch gebe es für derartige Zugangseinschränkungen immer Wege, sie zu umgehen. Alle Rechte an den über WhatsApp versandten Inhalten tritt der Nutzer an den Betreiber der mobilen Nachrichten-App ab. Fotos, Videos, Texte - alles werde gespeichert, der Zugriff auf alle Details gespeicherter Kontakte sei möglich.

Ein inzwischen auch in Elbe-Elster angekommener Trend ist das Sexting. Teilweise freiwillig, teils auch genötigt werden Nutzer verleitet, Nacktfotos von sich ins Internet zu stellen oder über die Kommunikationsplattformen zu versenden. "Solche Fotos können einen Menschen sein Leben lang verfolgen", weiß René Schöne aus authentischen Fällen. Anfangs "nur als Spaß" verstanden, verselbstständigen sich die Bilder durch Weitergabe und können so auf unbestimmte Zeit zum Bumerang für den Fotografierten werden. Apps, die eine limitierte Sichtbarkeit der Fotos versprechen, seien nicht sicher.

Nicht aus der Mode kommen offenbar Kettenbriefe. Auch sie sind geeignet, gehörigen Schaden anzurichten. So würden Empfänger bei Strafe des eigenen Todes genötigt, die Briefe an andere weiterzuleiten. "Sprecht mit euren Kindern, dass sie solche Briefe nicht weiterschicken", appelliert der Medienpädagoge an die Eltern. Überhaupt sei das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern die wesentliche Grundlage, um einen schadensfreien Umgang mit modernen Medien zu sichern. Gibt man den Begriff "Porno" in die weltgrößte Suchmaschine ein, erhält man rund 230 Millionen Treffer. Erste Bekanntschaft mit der Sexualität über derartige Angebote im Internet zu machen, könne schwerwiegende Folgen für das ganze Leben haben, warnt der Medienpädagoge. In Mode kommt mehr und mehr das sogenannte Live Streaming. Internet-Nutzer können sich live vor laufender Kamera ins Netz begeben und mit Zuschauern in Kontakt treten, die ihnen die privatesten Fragen stellen und Daten zur Person sammeln können. Dass dieses Feld für Kriminelle und Pädophile attraktiv ist, wundert nicht.

Faustregel Nummer 2: Immer sehr misstrauisch sein. Private Daten schützen. Einkalkulieren, dass Gesprächspartner beim Chatten oft Fake-Profile benutzen, das heißt, dass sie sowohl unter anderem Namen als auch mit falschen persönlichen Daten auftreten.

Was das sogenannte Cybermobbing, die Diffamierung, Belästigung, Bedrängung oder Nötigung via moderner Kommunikationswege angeht, so sei es momentan etwas ruhiger geworden. Doch René Schöne weiß aus Erfahrung, dass sich das schnell wieder ändern kann und viele Fälle erst gar nicht bekannt werden. Cybermobbing sei meist verbunden mit realem Mobbing. Eine solche Kombination habe durchaus schon dazu geführt, dass der Notarzt nach einer Prügelei unter Schülern gerufen werden musste. Drei Empfehlungen für Eltern:Interesse an allem zeigen, was die Kinder tun, auch für ihre Computerspiele.

Die Kinder darüber aufklären, dass nicht alles erlaubt ist, was technisch möglich ist.

Geeignete Filter-Software verwenden, um Kinder vor Inhalten zu schützen, die ihre Entwicklung gefährden können.

Bei allen Risiken sieht der Medienpädagoge aber auch die großen Potenziale der modernen Medien. Gerade im ländlichen Raum, wo nach der Schule der öffentliche Nahverkehr geradezu zusammenbricht, erlauben sie den jungen Leuten die Kommunikation untereinander. Da tausche man sich durchaus zu aktuellen Tagesthemen aus. Ein gewisser Wettbewerb führe dazu, zu recherchieren und Neuigkeiten weiterzugeben. "Die Lesekompetenz wird gefördert", weiß René Schöne. Was die Schreibkompetenzen betrifft, sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Eine eigene Sprache entwickelt sich in der Welt des Chattens. Hdgdl steht für Hab' dich ganz doll lieb. Auf Groß- und Kleinschreibung sowie Satzzeichen wird kaum Wert gelegt…

Wie groß die Nachfrage an der Auseinandersetzung mit Fluch und Segen der modernen Kommunikationswege ist, erkennt René Schöne an seinen Einladungen. Im vorigen Jahr bestritt er 53 Workshops und fünf Projektwochen mit Schülern, 23 Elternversammlungen, acht Weiterbildungen für Lehrer und Multiplikatoren und betreute neun Projekte bis hin zum Drehen von Videos und Erstellen eines Hörbuches. Individuelle Krisengespräche mit Eltern und Schülern zählt er erst gar nicht mit.

Zum Thema:
Fachstelle Medienpädagogik beim Kreisjugendring, Finsterwalde, Lange Straße 73. Telefon 03531 7168070, schoene@juri-ev.deInformationsangebote für Eltern: www.internet-abc.de www.youngdata.de www.klicksafe.de