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| 16:36 Uhr

Aus der Geschichte
Gesetzesuntreue Mühlberger wurden ausgepeitscht oder ritten auf dem Holzesel

Der Schlossturm mit Verlies in Mühlberg. Schon der Anblick des Gebäudes wirkt abschreckend. Wie mag es darin den Insassen ergangen sein?
Der Schlossturm mit Verlies in Mühlberg. Schon der Anblick des Gebäudes wirkt abschreckend. Wie mag es darin den Insassen ergangen sein? FOTO: Katrin Brunk
Mühlberg. Von peinlichen und grausamen Strafen. Katrin Brunk, ehemalige Stadtchronistin, hat zur Justiz- und Gefängnisgeschichte recherchiert.

Die Kleinstadt Mühlberg an der Elbe hatte in den zurückliegenden Jahrhunderten  nicht weniger als fünf Gefängnisse und sogar zwei Galgenstandorte. Diese befanden sich in der heutigen Koßdorfer und in der Burxdorfer Straße. Gerichtsplätze lagen einst vor der Kirche, unter der Dorflinde oder in der Erbschänke. Das hat Katrin Brunk, bis zum Jahresende 2017 Stadtchronistin in Mühlberg, im Zuge ihrer Projektarbeit „Verliese und Gefängnisse in Mühlberg“ herausgefunden. Ihre Quellen waren unter anderen die „Chronik von Mühlberg, die Schrift „Aus der Heimat“ und für das 20. Jahrhundert Zeitzeugen.

Beim Blick auf die früheren Strafen und in die einstigen Zellen dürften sich die kleinen und großen Kriminellen von heute die Hände reiben. Zu den im Mittelalter auch in Mühlberg üblichen Strafen gehörten zum Beispiel der Staupenschlag (öffentliches Auspeitschen mit Ruten), das Verweisen des Landes, der Pranger, das Aberkennen der Bürgerrechte, das Säcken, das Rädern, das Vierteilen, natürlich das Köpfen und das Erhängen. Die Folter zählte nicht als Strafe, sondern diente der Wahrheitsfindung.

Die Folterkammer befand sich einst vor dem Verlies im Schloss- turm. Einige der Insassen haben sich dort mit ihren Initialen und der Jahreszahl (nachweisbar 1650 bis 1720) verewigt. Ein Name ist deutlich zu lesen: Friedrich Gustavus Breßler, Barbier. 1719 war er dort inhaftiert.

Das älteste bekannte Gefängnis befand sich unter der Kapelle im kleinen Keller, später war es der Turmraum über der Kapelle. Dieser ist nur über die Leiter hinauf zum Dachboden erreichbar gewesen und war mit einer schweren Eichentür verschlossen.

Zum Inventar der Zellen im Jahr 1695 gehörten, so ist in alten Schriften nachzulesen, Halseisen, doppelte Handschellen mit Ketten, sechs gute und zwei alte Vorlegeschlösser, vier Bein- und zwei Handschellen.

Wer wofür und auf welche Weise bestraft worden ist, das ist zum Teil noch überliefert. So wurde im Jahr 1582 eine Frau wegen Diebstahls von Korn zum Baden im Schüttkorb verurteilt. Sie ist in dem luftigen Behältnis festgebunden und mehrmals im Beisein von Mühlberger Räten und Bürgern unter Wasser getaucht worden.

Schlimmer erging es dem Landmann Matthias Schmidt. Er wurde  im Jahr 1654 wegen eines Raubmordes auf das Rad geflochten und dürfte die anschließende Tortur nicht überlebt haben. Gar verbrannt wurde 1715 Andreas Richter. Er hatte sich der Falschmünzerei schuldig gemacht. Diese Tat war im selben Jahr auch Christian Viehbeck nachgewiesen worden. Er landete ebenso auf dem Scheiterhaufen. („Aus der Heimat“, 1932). Den Tod durch Erhängen fand 1723 Anna Ruhland aus Saxdorf. Ihr waren Ehebruch und Kindsmord zur Last gelegt und offensichtlich nachgewiesen worden. Unter einem der beiden Galgenstandorte in Mühlberg fand man 1827 bei Grabungen nicht weniger als 33 Skelette.

1530 bestätigt Herzog Georg die Mühlberger Gerichtsordnung. Diese regelte unter anderem Erbangelegenheiten. Festgelegt war auch, dass Frauen keine Verträge schließen durften. Sie brauchten einen Vormund und mussten sich diesen vom Rat bestätigen lassen. Witwen von Handwerkern durfte man das Handwerkszeug wegnehmen.

Heute ist es kein Problem, wenn man angeheiratete Verwandte heiraten möchte. Ganz anders im Jahr 1530. Ein Mühlberger wollte die Schwester seiner verstorbenen Frau ehelichen. Dies wurde untersagt. Doch die beiden konnten nicht voneinander lassen. Dies bekamen die Recht Sprechenden mit. Mann und Frau wurden „zur Staupe geschlagen“, also in aller Öffentlichkeit mit Ruten verhauen.

Strafen setzte es einst auch für Taten, die heute niemanden aufregen, wenn die Öffentlichkeit und Nachbarn nicht gestört werden. Verboten waren zum Beispiel, vormittags Gelage zu veranstalten oder „unordentlich“ zu tanzen.

Einige Sünder, so wünschte sich heute manch einer, dürften ruhig härter und öffentlichkeitswirksamer bestraft werden. Letzteres ist  in der Gegenwart natürlich nicht erlaubt. So ist einst Steuersäumigen die Haustür ausgehängt worden. Alle sahen dies. Nachgewiesen ist aus dem Jahr 1596, dass ein gewisser Urban Krampe seine Tür wieder eingehängt hat. Dafür wurde er zu fünf  Groschen Strafe verdonnert.  Ertappter Mundraub war besonders peinlich. Wer auf dem Feld Früchte stahl, musste auf einem hölzernen Esel unter dem Gespött der Leute durch die Stadt „reiten“.

Aufpassen mussten die Mühlberger Gastwirte. Wenn sie ortsfremdes Bier zapften, was aus welchen Gründen auch immer oft geschehen sein soll, wurde ihnen der Gerstensaft weggenommen. Eine Strafe gab es dazu.

Wer im Jahr 1674 einen Beamten verleumdet hat, musste leiden. Er wurde öffentlich mit Ruten geschlagen und des Landes verwiesen. So erging es einem Amtsdiener.

Auch damals durfte keiner bauen, wie er wollte. Die Vorschrift besagte, dass die Aussicht des Ortes nicht verbaut werden darf, damit sich im Kriegsfall keiner anschleichen kann.

Neben dem Verlies im Schloss hatte Mühlberg später in der Fronfeste (Köttlitzer Straße) ein Gefängnis. Nach 1867 ist es in den nördlichen Flügel des Schlosses verlegt worden, unter die Gerichtsschreiberei – die heutige zweite Etage. Bis in das Jahr 1945 gab es das Gefängnis in der Kirchstraße 18.

Originalhalterung der Holztür zur Fronfeste aus dem 17. Jahrhundert in der Köttlitzer Straße.
Originalhalterung der Holztür zur Fronfeste aus dem 17. Jahrhundert in der Köttlitzer Straße. FOTO: Katrin Brunk
Diese Inschrift im Turmverlies des Schlosses Mühlberg stammt aus dem Jahr 1719. Ein Inhaftierter hat sie in den Putz geritzt.
Diese Inschrift im Turmverlies des Schlosses Mühlberg stammt aus dem Jahr 1719. Ein Inhaftierter hat sie in den Putz geritzt. FOTO: Aghte Archäologe aus Wünsdorf