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Geschichte lebendig gemacht

Prösen. Bei Kaffee und Kuchen trafen sich unlängst die älteren Bürger des Röderland-Ortsteils Prösen zu einer ihrer monatlich stattfindenden Zusammenkünfte im großen Saal des Gasthofes "Zentral". Fast 60 interessierte Einwohner – vorwiegend Damen – hatte sich eingefunden, um den Ausführungen des Ortsbürgermeisters Dr. Jürgen Spillecke zur weiteren Entwicklung der Gemeinde Prösen zu folgen. Von Dagmar Menzel

Die Zusammenkünfte der älteren Einwohner der Gemeinde haben sich zu einem festen Punkt im dörflichen Leben entwickelt. In den letzten Monaten widmeten sich die Themen der Seniorentreffen den politischen Veränderungen in den nunmehr 60 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgangspunkt für die Wahl dieses Themas war die Erstellung der "Festschrift 2005" im Ort. Die Organisation und Durchführung der vier Veranstaltungen oblag Rudi Engelmann, dem Prösener Bürgermeister von 1978 bis 1998. Beim Treffen der Senioren im April wurde die Aufzeichnung einer Erzählung des ehemaligen Bürgermeisters Fritz Flegel über die Verhältnisse nach dem Einzug der Roten Armee und in den dann folgenden Wochen und Monaten verlesen. Altbürgermeister Rudi Engelmann hatte die unsäglichen Zustände nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der ganzen Härte am eigenen Leib erfahren. In der Seniorenveranstaltung im Mai las er aus seinem unveröffentlichten Buch und sprach damit das erste Mal in der Öffentlichkeit über sein Schicksal in den Speziallagern des NKWD. Im Oktober 1945 wurde er als damals 17-jähriger von der Straße weg verhaftet und dann in eine Einzelzelle im Bad Liebenwerdaer Gefängnis eingeliefert. Im Dezember 1945 kam Rudi Engelmann in das Speziallager I in Mühlberg. Dort blieb er bis zu seinem Transport in das Speziallager II in Buchenwald im September 1948. Erst im Januar 1950 wurde er mit der Verpflichtung: "Mit keinem, auch nicht mit Angehörigen, über das Erlebte zu sprechen!" entlassen. Sehr bewegt folgten die Zuhörer den Ausführungen, die Rudi Engelmann mit dem Leitwort seines Buches beendete: "Doch dann begriff ich eines Tages, dass sie mir alles, was einen Menschen ausmacht – mit Ausnahme meines Geistes und meines Herzens – genommen hatten." Eine Radioaufzeichnung des Mitteldeutschen Rundfunks über die Entwicklung der Gemeinde Prösen im Ringen um den Titel "Schönes Dorf" weckte in der Juni-Veranstaltung Erinnerungen an die 80-er Jahre. So wurde Prösen damals als "Schönstes Dorf des Ostens" in einer Dokumentation des ZDF vorgestellt. Dieser Film lief als Revival jetzt noch einmal im Juli im Gasthof "Zentral". Mitarbeiter des Kreismuseums und Wilfried Höntzsch von der Gemeindeverwaltung Röderland hatten geholfen, diesen Beitrag den Gästen zugänglich zu machen. Das August-Treffen der Prösener Senioren gestaltete sich mit den Ausführungen von Dr. Jürgen Spillecke zu einem Ausblick auf die weitere Entwicklung des Ortes. Die Schaffung von günstigen Bedingungen für die Ansiedlung junger Familien wird begleitet durch das Angebot von Bauland und nahe gelegenen Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder. Zum Schulanfang in diesem Jahr konnten wieder zwei Klassen in der Grundschule begrüßt werden. Auch in der Privatschule starteten zwei siebente Klassen in das neue Schuljahr. Die Vereine des Ortes können auf die Unterstützung durch den Ortsbeirat setzen. Der Sportverein hat zurzeit 361 Mitglieder, wobei die Nachwuchswerbung nicht aus den Augen gelassen wird. Die Bauvorhaben vom Straßenbau, über die Neugestaltung der Höfe des Kindergartens und des Rathauses bis zur Sanierung des Daches auf dem Gebäude des Sportvereins und des Bauamtes in der Gemeinde sollen Schritt für Schritt realisiert werden. Die Erweiterung der Trauerhalle ist ein aktuelles Thema, allerdings sind die Mittel dafür bisher zu knapp bemessen. Zum ersten Mal wird Prösen in diesem Jahr am 6. Brandenburger Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" teilnehmen.