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| 13:11 Uhr

Vom 24. Kreis-Heimatkundetag in Elbe-Elster
Jauche eingeflößt und auf den Bauch geprügelt

Sie alle und noch viel mehr Zuhörer interessierten sich für die Geschichtsvorträge bei dem inzwischen 24. Kreis-Heimatkundetag in Bad Liebenwerda.
Sie alle und noch viel mehr Zuhörer interessierten sich für die Geschichtsvorträge bei dem inzwischen 24. Kreis-Heimatkundetag in Bad Liebenwerda. FOTO: Veit Rösler
Bad Liebenwerda. Unsägliches Leid mussten im Dreißigjährigen Krieg auch die Menschen im Elbe-Elster-Gebiet ertragen. Von Veit Rösler

Was für ein  Wahnsinn, was die Zuhörer beim  24. Kreis-Heimatkundetag im Evangelischen Gemeindezentrum Bad Liebenwerda am Sonnabend zu hören bekamen. Dies versetzte viele Zuhörer in Sprachlosigkeit und tiefes Nachdenken. Der thematische Schwerpunkt der vom Kulturamt des Landkreises Elbe-Elster organisierten und über die Jahre durch die drei Altkreise wandernden Veranstaltungen lag diesmal beim Dreißigjährigen Krieg, der dieses Jahr genau 400 Jahre zurückliegt.

Sowohl überregional als auch regional wurde das Ausmaß dieser Katastrophe in mehreren Vorträgen unter die Lupe genommen. Es war eine Herausforderung für die Redner, ein so komplexes Ereignis in der kurzen Zeit in beschreibende Worte zu fassen.

Der Dreißigjährige Krieg gehört zu den bekanntesten Ereignissen der deutschen Geschichte, doch kaum jemand kennt die genauen Fakten und Hintergründe dieses Desasters unvorstellbaren Ausmaßes. Das liege auch daran, dass  viele damalige Historiker diese Tragödie nicht überlebt haben, so Marco Kollenberg von der Universität Potsdam. Der Referent berichtet von traumatischen militärischen Gewalthandlungen, Plünderungen, Einquartierungen, Zehrungen und Schwedentränken. Beim „Schwedentrunk“ zum Beispiel wurden dem Opfer mittels Trichter Jauche und andere Fäkalien eingeflößt, um ihm dann mit Knüppeln auf den aufgeblähten Bauch zu schlagen.

Die Kriegsleute gingen gegen die Zivilbevölkerung erbarmungslos vor. Selbst Kinder, Frauen und alte Menschen waren unbeschreiblichen Schikanen ausgesetzt. Die wenigen Geschichtsschreiber schafften es nicht, die unsagbar schlimmen Gewalttaten treffend zu beschreiben. „Historiker erwähnen eine unbeschreibliche Not. Dafür fehlten ihnen die erklärenden Worte“, so Marco Kollenberg.

Barbarische Handlungen wurden verglichen mit dem beispielhaften „grausamen Vorgehen der Türken“. Wer Folter und Repressalien überlebte, war sein Leben lang von psychischen Problemen gezeichnet. Die meisten Menschen in dem von 1618 bis 1648 andauernden Konflikt kamen nicht durch Kriegshandlungen, sondern durch Hungersnöte und Seuchen ums Leben. Unzählige Gebäude und Kulturschätze wurden unwiederbringlich zerstört. Ganze Landstriche waren entvölkert.

Gerd Günther von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises befasst sich mit den regionalen Ereignissen und Besonderheiten im Raum des heutigen Elbe-Elster-Kreises. So beschreibt er die Verteidigungssituation von Herzberg und Sonnewalde. In Sonnewalde sei im Bereich des Schlosses noch immer eine verschränkte Mauer schräg zum Zugang zu sehen, die nach Überwinden der ersten Befestigung durch den Feind als Fang für Kanonenkugeln diente.

Die Mauern von Befestigungsanlagen waren zur damaligen Zeit noch wesentlich höher als heute. „Was wir heute noch über den Dreißigjährigen Krieg wissen, sind immer nur winzige Ausschnitte eines riesigen komplexen Vorganges“, schließt sich Gerd Günther der Meinung von Marco Kollenberg an. Das Vorgehen der Militäreinheiten sei immer wieder gleich gewesen, so Gerd Günther. Zunächst wurde der Widerstand gebrochen. Dann seien nicht erfüllbare Forderungen gestellt worden, was dann die Plünderungen legitimierte. Es werden Schutzgelder für Verschonung, für unterlassene Brandschatzung und ausgebliebene Glockenzerstörung gefordert. Ebenso Lösegeld für Kriegsgefangene, Sold für Besatzungstruppen und es kommt zu Zwangsrekrutierungen.

In der ausgemergelten Bevölkerung breiten sich Seuchen wie die Pest aus. Die Natur reagiert ebenfalls, es entstehen Feldmaus- und Wolfsplagen. In der Elbe-Elster-Region, einem Randgebiet der Ereignisse, verlieren ungefähr 40 Prozent der Einwohner aus unterschiedlichen Gründen ihr Leben. Andere Gegenden sind weitaus schlimmer betroffen.

Heute gibt es nur noch wenige bauliche Zeugnisse aus der Vorkriegszeit. Etwa 85 Prozent der Gebäude seien durch den Krieg zerstört worden, so Gerd Günther.

Nach jedem Krieg stellen sich die Menschen diese Fragen: Welche Macht hat Gott und wie geht er mit den Menschen um? Ähnliche Fragen werden auch schon aus der Zeit der Antike im Alten Testament erörtert, wo aus Nichtigkeiten entstandene Kriege mit Tausenden Toten beschrieben werden. Gelernt haben die Menschen daraus nicht viel, heißt es.