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Gastronomie: Keine Leute, keine Leute

Mario Gellert weiß keinen Ausweg mehr: Er schließt zwei Tage in der Woche seine Gaststätte in Bad Liebenwerda.
Mario Gellert weiß keinen Ausweg mehr: Er schließt zwei Tage in der Woche seine Gaststätte in Bad Liebenwerda. FOTO: Frank Claus
Elbe-Elster. Seit Jahren ist die Situation in der Gastronomie angespannt. Es fehlen Kellnerinnen, Köche und Beiköche. Allein im Elbe-Elster-Kreis sind 28 offene Stellen gemeldet. Sicher ist, die Zahl gesuchter Mitarbeiter ist weitaus höher. Viele Gastronomen schalten die Arbeitsagentur schon gar nicht mehr ein. Gabi Böttcher, Heike Lehmann, Birgit Rudow, Sylvia Kunze und Frank Claus

Im Hotel- und Gaststättengewerbe beginnt die Saison. Doch schon jetzt fehlen in vielen Wirtshäusern und Hotels Mitarbeiter. Dabei, so die Erkenntnis aus dem Arbeitsmarktreport für den Monat März, ist die Situation im Elbe-Elster-Kreis noch gar nicht so dramatisch. Noch schlimmer sieht es in den touristischen Hochburgen im Spreewald und im Lausitzer Seenland aus. Und auch in der Landeshauptstadt Potsdam klagen die Gastronomen und Hoteliers über fehlendes Personal. Genommen wird inzwischen jede/r, die/der freundlich rüberkommt und rechnen kann, heißt es in der Branche. Da werden dann auch schon Mitarbeiter aus Büros oder Verkäuferinnen abgeworben.

Die Dramatik: So deutlich wie Mario Gellert, Inhaber der Gaststätte "Alte Schmiede" in Bad Liebenwerda, hat noch keiner seiner Kollegen auf die Misere aufmerksam gemacht. An der großen Eisentür gleich am Eingang prangt ein Plakat. Die Botschaft: "Leider müssen wir aus personaltechnischen Gründen (auf Deutsch - Personalmangel) ab sofort zwei Ruhetage einlegen." In der Gaststätte hat er Zettelchen ausgelegt. Darauf bietet er "Finderlohn", wenn ihm zuverlässiges Servicepersonal empfohlen werden kann.

Mario Gellert kommt selbst nicht aus der Branche, ist Lehrer, und sagt heute. "Ich bin inzwischen 20 Jahre im Geschäft. Ich weiß schon, wie die Gastronomie tickt. Seine Gaststätte ist ein Schmuckstück - ein Anziehungspunkt in der Kurstadt. Und dennoch verzweifelt er an der Personalfrage. "Den Job will einfach keiner mehr machen. Immer abends lange, dann Arbeiten am Wochenende, wenn sich andere vergnügen." Er hat jetzt die Reißleine gezogen. Weil er nicht mehr genügend Personal hat, macht er jetzt zwei Tage in der Woche dicht. "Ich will mein gutes, treues Personal nicht verheizen. Die brauchen einfach mal frei, haben doch auch Familie."

Liegt es am zu geringen Lohn, dass er keine Leute bekommt? Mario Gellert glaubt das nicht. "Ich zahle Mindestlohn. Die, die gegangen sind, zum Beispiel in Lebensmittelmärkte oder Bäckereien, haben gesagt, sie machen das, weil sie geregeltere Arbeitszeiten wollen."

Die Arbeitsagentur: 28 offene Stellen sind gegenwärtig im Elbe-Elster-Kreis gemeldet. Elf Mitarbeiter in Hotels fehlen, 17 werden in der Gastronomie gebraucht. Thomas Mierisch von der Arbeitsagentur kennt die Sorgen und ist sich sicher: "Auch in der Branche muss man sich mehr bewegen. Das betrifft Ausbildung, Arbeitsbedingungen und sicher auch die Bezahlung. Wer gute Leute haben will, muss vermutlich auch mehr als den Mindestlohn bezahlen."

Die Gastronomen: Birgit von Rein, Inhaberin der "Waldschänke" Bad Erna bei Doberlug-Kirchhain: "Ich suche schon seit einem Vierteljahr nach einer Aushilfskraft für den Servicebereich. Mit dem Mindestlohn hat das nichts zu tun, den zahle ich schon seit Langem. Auch übertriebene Anforderungen stelle ich nicht. Bisschen Fachkenntnis, positives Auftreten und der Rest ergibt sich beim Einarbeiten. Aus meiner Sicht sind es die Arbeitszeiten, die abschrecken - unregelmäßig und an den Wochenenden, das wollen die wenigsten. Das wird auch deutlich, wenn Bewerber vom Arbeitsamt geschickt werden. Die meisten wollen dann nur eine Unterschrift auf ihrem Schein. Ganz andere Erfahrungen habe ich aber für den Küchenbereich gemacht. Da hatte ich ganz schnell eine Aushilfskraft und hätte zehnmal so viele einstellen können."

Ralf Zwiebel, Inhaber von "Zwiebels Grillhütte" in Herzberg wollte zu Ostern seinen Biergarten aufmachen. Aber wegen des Wetters macht er sich wenig Hoffnung. Dennoch rechnet Ralf Zwiebel mit vielen Gästen zum Osterfest und hat deshalb seiner Mannschaft am gestrigen Dienstag noch einen Ruhetag gegönnt, damit sie Kraft tanken kann. "Wir hätten gern noch ein paar mehr Mitarbeiter, aber wir bekommen keine", sagt er.

Seit etwa einem Jahr hat er freie Azubistellen als Koch und Restaurantfachfrau beim Arbeitsamt gemeldet. Die Reaktion ist gleich null. Auch in der Küche würde er gern noch jemanden einstellen, um die drei Kräfte in der Küche zu entlasten. Aber es findet sich niemand. "Die Einstellung zum Beruf muss passen. Aber die Arbeitszeit und die Bedingungen in der Gastronomie sind für viele nicht sehr attraktiv. Am Mindestlohn liegt es nicht", meint Ralf Zwiebel.

Zwei Azubis, drei Köche und zwei festangestellte Mitarbeiter im Service hat die "Grillhütte" derzeit. Damit kann der Chef nicht mehr jeden Auftrag annehmen, vor allem im Catering. "Das schaffen wir einfach nicht, und ich will meine Leute nicht verheizen", sagt er.

Auch im Falkenberger Hotel "Zum Kronprinz" wird händeringend nach Personal für den Service gesucht. Die Wirtschaftssituation vor Ort und die geringen Aufstiegschancen seien für viele Fachkräfte ausschlaggebend, in Ballungsgebiete zu ziehen, hat die Geschäftsführung in vielen Gesprächen zu hören bekommen. Die Arbeitszeiten seien gar nicht so das Problem, denn wer sich für Gastronomie entscheide, wisse zumeist, worauf er sich einlasse. Auch Azubis sind Mangelware, berichtet Geschäftsleiter Kevin Kuhring. Die Zeugnisse der Mehrzahl der Bewerber ließen zu wünschen übrig.

Die Gewerkschaft: Ingolf Fechner, Gewerkschaftssekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Südbrandenburg redet Klartext: "Diese Situation ist dem Fakt geschuldet, wie im Osten in der Branche mit den Arbeitskräften umgegangen wurde. Die Pflege des Personals ist eindeutig zu kurz gekommen. Für fünf bis sieben Euro arbeitet keiner mehr. Und für 8,50 Euro überlegt sich auch jeder, ob er dafür montags bis freitags oder sieben Tage in der Woche arbeitet. Die Branche muss etwas unternehmen. Das ist ein Lernprozess für die Arbeitgeber. Und klar ist auch, wenn eine Gaststätte nicht gut läuft, dann liegt es nicht an 8,50 Euro Mindestlohn."

Der Gaststättenverband: Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer des Dehoga Brandenburg: "Die Fachkräfteproblematik ist unbestritten. Aber ein Fingerzeig auf bestimmte Branchen hilft uns nicht weiter. Gerade in ländlichen Gebieten können Touristen in der Saison nicht kompensieren, was notwendig wäre, um ein ganzes Jahr über Personal zu halten. Da sind unternehmerische Konzepte gefragt. Der eine löst es mit einem Ruhetag, der andere verkürzt die Öffnungszeiten. Man muss aber auch sagen, dass die Gäste in der Lausitz besonders preissensibel sind. Doch auch eine Dienstleistung in der Gastronomie hat nun auch mal ihren Preis."