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| 18:15 Uhr

Funkkontakt mit der ISS
„Astro-Alex“ und der Schusselfehler

Das sind die neun Schüler des Matthes-Enderlein-Gymnasiums in Zwönitz (Erzgebirge), die sich auf das Gespräch mit Alexander Gerst auf der ISS vorbereitet haben. Vermutlich hat ein Schusselfehler die Kontaktaufnahme verhindert.
Das sind die neun Schüler des Matthes-Enderlein-Gymnasiums in Zwönitz (Erzgebirge), die sich auf das Gespräch mit Alexander Gerst auf der ISS vorbereitet haben. Vermutlich hat ein Schusselfehler die Kontaktaufnahme verhindert. FOTO: LR / Frank Claus
Zwönitz/Uebigau-Wahrenbrück. Es sollte das Ereignis des Jahres für die Funker des Deutschen Amateur Radio Clubs (DARC) und Schüler des Matthes-Enderlein-Gymnasiums in Zwönitz (Erzgebirge) werden. Ab 15.45 Uhr wollten sie am Montag für exakt elf Minuten Funkkontakt zu Dr. Alexander Gerst auf der Internationalen Raumstation (ISS) haben. Von Frank Claus

Der Plan sah vor, dem Astronauten auf seinem zweiten Raumflug, der am 6. Juni dieses Jahres begann und der bis Dezember dauern soll, insgesamt zehn Fragen zu stellen. Teilen, so die Anweisung, sollten sie sich ihre Funk-Zeit mit einer Schule aus Kaiserslautern.

Am Ende ist das Vorhaben gescheitert. Die Funker in Zwönitz hören den deutschen Astronauten zwar, können aber nicht mit ihm in Kontakt treten. Vermutlich wegen einer bürokratischen Panne. Aber der Reihe nach.

Weil die ISS aus Richtung Westen das deutsche Territorium überfliegt, sollen die Schüler aus Kaiserslautern zuerst ihre Fragen stellen. Die Antworten aus dem All, so das normale Prozedere, hört der Funk-Nachwuchs beider Schulen mit.

In der Aula ist kein Platz mehr frei. Gebannt verfolgen die Zuhörer die Laufbahn der ISS vor der geplanten Kontaktaufnahme.
In der Aula ist kein Platz mehr frei. Gebannt verfolgen die Zuhörer die Laufbahn der ISS vor der geplanten Kontaktaufnahme. FOTO: LR / Frank Claus

Initiator des Projektes ist Heiko Meier, freier Unternehmer, Mitglied im Ortsverband Aue-Schwarzenberg und stellvertretender Distrikt-Vorsitzender Sachsen im DARC. Gut zwei Jahre haben die Vorbereitungen für diesen bedeutsamen Tag gedauert. Damals war noch nicht klar, dass die Schüler das Glück haben sollen, zu einem deutschen Astronauten Funkkontakt aufnehmen zu können. Möglich gemacht hat es das Projekt ARISS. Das ist ein Amateurfunkdienst über Satelliten, der Schülern Funkkontakte mit Astronauten in der Raumstation ISS ermöglicht. ARISS führt dazu auch die Absprachen mit der NASA. Erst am 8. August kam die endgültige Bestätigung, dass der Kontakt zustande kommen wird. Doch was treibt Heiko Meier an? Der Mann will Schüler mitreißen. „Ich will beweisen, dass auch die Jugend von heute was taugt und sie nicht nur am Computer rumdaddelt, wenn man sich ihnen intensiv widmet“, sagt er. Im Erzgebirge ist ihm das bereits gelungen, wie die zahlenmäßig starke Schar der jungen Funker belegt. Und wie es scheint, lässt er diese Euphorie nun auch ins Elbe-Elster-Land rüberschwappen.

Wie das? Als im Juli dieses Jahres die Funk-Weltmeisterschaften im Raum Jessen (Sachsen-Anhalt) und im südlichen Brandenburg stattfanden, funkte fast die Hälfte aller Teams aus Elbe-Elster. 63 Mannschaften aus aller Herren Länder haben da versucht, in 24 Stunden die meisten und am entferntesten Kontakte rund um den Erdball zu knüpfen. Heiko Meier hat eins der ausländischen Teams, das aus der Nähe von Langennaundorf im Stadtgebiet Uebigau-Wahrenbrück funkte, betreut und dabei Stadtoberhaupt Andreas Claus kennengelernt. Der hatte geholfen, gleich sechs geeignete Standorte in seinem Stadtgebiet ausfindig zu machen. Schnell „funkten“ beide auf einer Wellenlänge, die Einladung nach Zwönitz war eine Folge. Doch nicht nur die.

Als der Kommunalpolitiker von der bevorstehenden Sanierung des 68 Meter hohen Schornsteins des Technischen Denkmals Brikettfabrik „Louise“ berichtete, war die nächste Idee geboren: „Baut auf den Schornstein eine Funkantenne, und ihr könnt zu einer deutschlandweit interessanten Funk-Base werden“, ermunterte Heiko Meier, dieses Vorhaben anzugehen. Die Folgen könnten vielschichtig sein und vor allem den Zustrom zur „Louise“ verstärken. Funker würden für längere Zeit bleiben, touristische Angebote nutzen, Übernachtungen buchen.

gerade die Info, dass der Kontakt gescheitert ist - Schüler des Matthes-Enderlein-Gymnasiums in Zwönitz (Erzgebirge) nehmen Kontakt zu Astronaut Alexander Gerst auf der ISS auf Funken Funkkontakt
gerade die Info, dass der Kontakt gescheitert ist - Schüler des Matthes-Enderlein-Gymnasiums in Zwönitz (Erzgebirge) nehmen Kontakt zu Astronaut Alexander Gerst auf der ISS auf Funken Funkkontakt FOTO: LR / Frank Claus

Und nicht nur das. „Ich würde gern den Elbe-Elster-Funkern helfen, junge Leute fürs Funken zu mobilisieren“, sagt Heiko Meier und wird ganz konkret: „Zum bevorstehenden Dampftag am 9. September könnten wir schon eine Fuchsjagd veranstalten.“ Dabei verstecken Amateurfunker – nur die dürfen das – Sender, die die jungen Funker dann orten müssen. Beim Brottewitzer Frank Neumann, Chef des Elbe-Elster-Ortsverbandes, rennt er dabei offene Türen ein.

Inzwischen ist es kurz nach halb vier. Die Spannung steigt. Die Aula im Gymnasium ist bis auf den letzten Stuhl besetzt. Auch die sächsische Staatsministerin Barbara Klepsch (CDU) gesteht: „Mann, ist das spannend!“ Auf der Leinwand kann die Flugbahn der ISS live verfolgt werden. „Jetzt überfliegt sie die karibischen Inseln“, erklärt Heiko Meier. „Noch fünf Minuten, die Station ist jetzt noch 15 Grad unterm Horizont.“ Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Man hört die Spannung förmlich knistern. Die neun Schüler, die ihre Fragen an Alexander Gerst richten wollen, haben vor dem Funkmikrofon Aufstellung genommen. Um das Leben an Bord soll es gehen, um Gersts Rolle als Kommandant, um Gefahren des Weltraumschrotts und auch um die Ernährung. Die Fragen sind mit den Schülern aus Kaiserslautern abgestimmt. Die wollen den Weltraumfahrer fragen, was ihn bewegt, wenn er aus dem All auf die Erde schaut.  Der Astronaut hat die Fragen vorab übermittelt bekommen. „Noch drei Minuten, jetzt ist sie zehn Grad unterm Horizont“, und wenig später: „Jetzt müsste Kaiserslautern anfangen, ihn zu rufen.“

Dann wird die Aula mit lautem Rauschen aus dem Funkkanal erfüllt. Da! Erste Wortfetzen. Kaiserslautern ruft. Wieder Rauschen. Sekunden später die Stimme von Alexander Gerst, der in englischer Sprache versucht, seine Funkpartner anzusprechen. Kaiserslautern ruft immer wieder. Doch Gerst weist sie ab. Später große Augen und offene Münder bei den Funkern. Gerst macht deutlich, dass er heute Kontakt zu einer Schule nach Braunschweig sucht. „Wieso nach Braunschweig?“, fragt Heiko Meier. „Die sind doch erst am Mittwoch dran.“

Schnell wird versucht, Kontakt zu ARISS aufzunehmen. Hat die Organisation einen verkehrten Ablauf an die NASA übermittelt? Die Zeit rennt unaufhörlich davon. Nur noch zwei Minuten, dann verschwindet die ISS wieder aus dem Empfangsbereich. Jetzt funken auch die Zwönitzer ins All. Doch vergeblich. Gerst ruft immer noch Braunschweig. Dann nur noch Rauschen. Enttäuschung im Saal. „Wir haben ihn gehört, aber wir konnten eben nicht mit ihm sprechen, schade.“ Jocelyn, Eric und Paul, drei Schüler aus der Funkergruppe, sind deprimiert. Besonders für Eric wäre es das größte Highlight seiner noch jungen Funkerkarriere geworden. Hatte er doch gerade erst die Prüfungen zur höchstmöglichen Funklizenz in Deutschland im ersten Anlauf bestanden. Das schaffen manche Erwachsene nicht.

Heiko Meier erholt sich schnell vom Schock. Die Bilder vom gescheiterten Versuch sind in Rheinland-Pfalz live im Fernsehen übertragen worden. Der MDR Sachsen hat das Event angekündigt und filmt und interviewt für seine Abendsendung. Heiko Meier nimmt Kontakt zur ARISS auf. In 90 Minuten wäre die ISS erneut über Deutschland. Gelingt ein zweiter Versuch? Es ist nur ein Hoffnungsfünkchen. Denn in so schneller Zeit müsste die amerikanische Weltraumbehörde NASA einer neuerlichen Kontaktaufnahme zustimmen.

Auch der zweite Versuch, der Saal ist wieder proppenvoll, scheitert. Diesmal hören die Zuhörer im Saal nur Rauschen auf der Funkfrequenz. Vermutlich hat Alexander Gerst sein Funkgerät abgestellt und muss sich im All anderen Aufgaben widmen. Für Heiko Meier steht fest: Ein bürokratischer Fehler hat die Kontaktaufnahme verhindert. „Ihm ist eine falsche Schule genannt worden, denn er hat uns ja gehört, aber mit Verweis, dass er mit Braunschweig reden will, abgewiesen.“ Und nun? „Wir werden einen neuerlichen Versuch wagen. Wann dieser Termin allerdings sein wird, steht in den Sternen.“

Tosender Beifall, als er sich im Namen seiner aktiven Funker und der Schüler verabschiedet. Der Aufwand war enorm, die gesamte Technik ist in doppelter Ausführung aufgebaut worden, spezielle Antennen wurden im Außenbereich installiert. Aber was hilft es, wenn ein Fauxpas alle Mühen zunichte macht?

Zum Glück: Die ISS dreht derweil unbeirrt ihre Bahnen.