ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:58 Uhr

Eine Branche in Not
Keine Leute, es ist zum Haareraufen!

Friseurmeisterin Grit Pitzschler aus Elsterwerda hat sich für das Symbolbild der RUNDSCHAU die Haare gerauft.
Friseurmeisterin Grit Pitzschler aus Elsterwerda hat sich für das Symbolbild der RUNDSCHAU die Haare gerauft. FOTO: Frank Claus / LR
Elbe-Elster. Immer mehr Friseurgeschäfte suchen händeringend Mitarbeiter und Auszubildende sind längst Goldstaub. Von Frank Claus, Daniel Friedrich und Birgit Rudow

Das ist vermutlich nicht die ganze Wahrheit: Im Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Cottbus sind gegenwärtig 39 Arbeitsstellen für Friseure unbesetzt, zehn davon in Elbe-Elster. Tatsächlich, so Grit Pitzschler, Chefin im gleichnamigen Geschäft in Elsterwerda, suchen weitaus mehr Betriebe Leute. „Ich habe Anfang November mit 20 Kollegen bei einer Zusammenkunft in der ehemaligen Cottbuser Innung zusammengesessen. Da hat jeder nur noch zwei Beschäftigte. Keiner findet mehr Leute, geschweige denn Azubis.“

Doch weil sich über die Agentur kaum noch Bewerber melden würden, wird mit Zetteln an Schaufenstern und in Mund-zu-Mund-Propaganda nach neuen Leuten gesucht. „Wir hätten genug Azubis, aber die wollen alle nur vormittags arbeiten gehen“, sagt Armin Müller, der im Elbe-Elster-Land 13 „Figaro“-Friseurfilialen betreibt. Oftmals seien die Bewerber zu unmotiviert und würden es als problematisch ansehen, auch mal bis 20 Uhr am Abend im Salon zu stehen. Dabei gibt es bei „Figaro“ ein Schichtsystem, sodass jeder einmal abwechselnd eine Spät- und eine Frühschicht hat. „Wir bieten einen festen Ausbildungsplan, eine weitergehende Qualifizierung auch nach der Ausbildung sowie eine 100-prozentige Übernahmechance“, zählt Geschäftsführer Müller die Vorteile auf. Woran es seiner Meinung nach hakt: „Junge Mütter haben am späten Nachmittag keine Möglichkeit, ihre Kinder betreuen zu lassen. Da müsste man politisch gegensteuern.“ Ein anderer Grund für den Fachkräftemangel in der Branche könnte die vergleichsweise geringe Ausbildungsvergütung für den Friseurberuf sein. So zahlt Figaro zwischen 260 und 400 Euro monatlich, je nach Ausbildungsjahr.

Erfahrungen, die so auch Grit Pitzschler gesammelt und dennoch keine Antworten für die wirklichen Ursachen parat hat. „Friseurinnen geht es doch nicht anders als Krankenschwestern, Mitarbeitern in Pflegediensten, in der Gastronomie oder den Kassiererinnen an der Kasse. Warum will keiner mehr den Beruf machen?“

Liegt es also trotz Einführung von Mindestlohn und oft auch darüber befindlichen Zuschüssen doch am Geld? In der aktuell vorliegenden Statistik der Arbeitsagentur Cottbus tauchen 132 Mitarbeiter auf, die trotz ihrer Arbeit Zuschüsse vom Arbeitsamt erhalten. In Elbe-Elster sind das 21. Zu beachten sei, so Anja Schilde, Pressesprecherin der Agentur, dass darunter auch Mitarbeiterinnen seien, die geringfügig beschäftigt und damit anspruchsberechtigt sind.

Eine Friseurmeisterin, die namentlich nicht genannt werden möchte, sieht den Fehler im „System“: „Es gibt Mitarbeiterinnen, die arbeiten nur wenige Stunden, obwohl die Arbeitgeber ihnen mehr bieten würden. Die wollen aber nicht. Da holen sie sich lieber den Zuschuss vom Amt, arbeiten noch ein bisschen schwarz und sind so flexibler für Familie und Hobbys da.“

Ondine Ballnus aus Königs Wusterhausen, Obermeisterin der Märkischen Friseurinnung – die letzte im Land Brandenburg – kennt die Entwicklung. Von einst zehn Filialen hat sie drei bereits geschlossen: Kein Personal. Inzwischen kenne sie viele Berufskolleginnen, die in der Woche locker 60 Stunden selbst im Laden stehen.

Eine Ursache ihrer Ansicht nach: die immer größer werdende Zahl von Ein-Mann-Betrieben. In der Friseurbranche längst eine weit verbreitete Masche. Wer weniger als 17 500 Euro Jahresumsatz macht, kann sich von der Umsatzsteuer befreien lassen. „Leute, die diesen Schritt wagen, fehlen unseren Geschäften“, sagt die Obermeisterin. Dabei würde nach drei bis vier Jahren das böse Erwachen kommen. Oft reiche das Geld nicht mal, um sich ordentliche Rentenbezüge zu sichern. Und noch etwas sei die Folge: Kleine Betriebe bilden nicht aus.

Dass Ausbildung in Kleinbetrieben schwer ist, belegen zwei Herzberger Beispiele: Michaela Klottka führt ihren kleinen Friseursalon in der Schloßstraße in Herzberg seit neun Jahren und hat mit Romy Wasmund eine Angestellte in Vollzeit. „In der ganzen Zeit habe ich zwei Anfragen für eine Ausbildung erhalten. Mehr nicht“, sagt sie. Der Job bedeute viel Arbeit. Die wolle kaum noch jemand machen. Sie sieht kaum eine Möglichkeit, selbst auszubilden. „Wir hätten gar nicht die Zeit, uns um eine Auszubildende so zu kümmern, wie es nötig wäre.“ Ähnlich sieht es Diana Dufke. Sie hat seit 18 Jahren einen kleinen Salon mit zwei Angestellten in Herzberg. Auch sie hat kaum Anfragen nach einer Ausbildung. „Das geht in dem kleinen Salon auch gar nicht. Die Zeit ist nicht da“, sagt sie.

Dass die Arbeit im Friseursalon Spaß macht, zeigen die Mitarbeiterinnen beim „Figaro“ in Finsterwalde. Doch hier wie überall im Elbe-Elster-Kreis können sich nur wenige Auszubildende für den Beruf des Friseurs erwärmen.
Dass die Arbeit im Friseursalon Spaß macht, zeigen die Mitarbeiterinnen beim „Figaro“ in Finsterwalde. Doch hier wie überall im Elbe-Elster-Kreis können sich nur wenige Auszubildende für den Beruf des Friseurs erwärmen. FOTO: Daniel Friedrich / LR