Von Frank Claus

Dass der Schriftsteller Theodor Fontane in Mühlberg gewesen ist, hatte Dr. Peter Stengel, Inhaber der Mühlberger Löwen-Apotheke, schon im Jahr 2003 herausgefunden. Die RUNDSCHAU berichtete damals:

Die Mühlberger Löwen-Apotheke ist „die älteste Apotheke östlich der Elbe“ , weiß Dr. Peter Stenger, der das Haus seit 1991 führt. Sie wurde im Jahr 1673 erbaut. Seit dieser Zeit hat sie viele Pharmazeuten kommen und gehen sehen. Einer von ihnen war Heinrich Ludwig Fontane. Er leitete die Apotheke in den Jahren 1837 und 1838 und war der Vater von Theodor Fontane.

Beim Fontane-Archiv in Potsdam erfuhr Peter Stenger, dass Fontane in den Jahren, in denen sein Vater in Mühlberg tätig war, durchaus selbst in der Elbestadt gewesen sein könnte. „Aber in keiner Biographie ist Mühlberg je aufgetaucht“ , berichtet der Apotheker.

Dann kam die Idee, im Taufregister der Mühlberger Frauenkirche nachzuschauen. Und Peter Stenger und die damalige Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech wurden tatsächlich fündig: Theodors Schwester Elisabeth Charlotte wurde am 23. April 1838 in Mühlberg geboren und dort getauft. Als einer der Taufpaten ist eingetragen: „Hr. Theodor Fontane, angehender Pharmaceut, Bruder des Täuflings“ .

Ralf Uschner, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kreismuseum in Bad Liebenwerda, verweist in diesem Zusammenhang auf eine im Jahr 2018 erschienene Fontane-Biografie von Regina Dieterle. Darin beschreibt sie, wie Fontanes Vater die Apotheke in Mühlberg erwarb und wie dessen Sohn Theodor mit der Fahrpost auf der Linie Berlin-Dresden nach Liebenwerda gelangte, um an der Taufe seiner Schwester teilzunehmen. So soll Fontane 10 Uhr in Berlin abgereist und nach einer Fahrt über Großbeeren, Trebbin, Luckenwalde, Hartmannsdorf, Herzberg am nächsten Tag kurz vor 11 Uhr in Liebenwerda an der Posthaltestation angekommen sein.

Hier setzte Wolfgang Eckelmann an. Er erklärt: „Wir haben alle Kreisblätter seit 1831 analysiert.  Das allein waren fünf Zentner Papier.  Dabei haben wir herausgelesen,  dass sich der junge Fontane vor allem  für drei  Dinge im damaligen Liebenwerda interessierte.“ Dies, so Wolfgang Eckelmann, seien der älteste Wehrturm im Lande, der Lubwart, der Liebenwerdaer  Kantor Reußner und das Liebenwerdaer Kreisblatt gewesen. Der  Sohn Reußners, so die Recherchen des Bad Liebenwerdaers, „war nämlich bis 1834 der Inhaber der Löwenapotheke in Mühlberg und bei einem Badeunfall  ums  Leben gekommen.“

In seinen Recherchen stieß Wolfgang Eckelmann zudem auf den Namen Kliemke. Er sei der Leiter der Poststation gewesen und habe Fontane von den Visiten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. berichtet und den damals noch jungen Fontane bei seinen Aufenthalten in Liebenwerda begleitet. So sei er mit diesem auch auf dem Lubwartturm gewesen, der, so Wolfgang Eckelmann, nicht über Treppenstufen, sondern nur über eine Leiter zu erklimmen gewesen sei.

Hier kommen der 2017 im Alter von 100 Jahren verstorbene Apotheker und Ehrenbürger Wolfgang Liebe und dessen Vater Albin Liebe, der die Löwen-Apotheke in Liebenwerda im Jahr 1902 erworben hatte, ins Spiel. Beide seien wie ein „Geschichtslexikon“ gewesen und hätten viele Episoden für die Nachwelt erhalten. Das beträfe auch Erzählungen, die der ehemalige Besitzer der Löwen-Apotheke in Bad Liebenwerda, ein gewisser Herr Schröder, und eben jener Leiter der Poststation zu berichten hatten.

Demnach soll den Überlieferungen zufolge Fontane nach seinem Aufstieg auf den Lubwartturm sinngemäß gesagt haben: „Ein zauberhafter Ausblick, ich bin überwältigt von der Weite und Schönheit des Märkischen Landes. Überall grüne Fluren, Wasser und Wald, dazu der strahlend blaue Himmel, ich meine, ich bin in Venedig. Der älteste Wehrturm im Märkischen Land, am Mühlstrom in Liebenwerda, ist weithin bekannt. Liebenwerda ist eine liebevolle Insel, ja eine Liebesinsel in der Mark Brandenburg mit den drei roten Herzen.“

Wolfgang Eckelmann jedenfalls ist euphorisch. Für ihn stehe damit fest, dass der Name Liebesinsel auf Theodor Fontane zurückgehe. Er schlägt deshalb vor, die Liebesinsel am Mühlstrom in Theodor-Fontane-Liebesinsel“ umzubenennen. Ob andere Geschichtsforscher da mitgehen würden?

Und noch eine Episode will Wolfgang Eckelmann aus den Erzählungen der Herren Schröder und Kliemke und mittels Überlieferungen von Vater und Sohn Liebe über Theodor Fontane herausbekommen haben. Dabei geht es um Lebertran. Theodor Fontane, der zu jener Zeit in einer Berliner Apotheke beschäftigt gewesen sei, habe sich vor allem für den Verkauf von Lebertran in Liebenwerda interessiert.

Die Berliner Ärzte, so Wolfgang Eckelmann, verschrieben damals für Kinder meist Lebertran als bevorzugtes Heilmittel. Theodor Fontane soll sich beim Apotheker Schröder darüber beklagt haben, dass er in Berlin monatelang nur Lebertran in Flaschen abfüllen musste und dabei wenig lernte von der Pharmazie. Er soll gesagt haben: „Ich will doch Apotheker werden und kein Flaschenabfüller.“

Noch mehr habe Fontane aber der Missbrauch von Lebertran geärgert. Wolfgang Eckelmann zur Erklärung: „Die armen Leute, die diesen Lebertran als Freimedizin erhielten, dachten gar nicht daran, die Medizin ihren Kindern zu verabreichen, sondern benutzten ihn als Lampenbrennmaterial. Es war ein regelrechter Massenkonsum.“  Theodor Fontane habe wissen wollen, ob diese Anwendung auch in Liebenwerda Unsitte sei. Theodor Fontane bietet also auch im heutigen Bad Liebenwerda genügend Gesprächsstoff. Deshalb soll es fortan regelmäßig Fontane-Führungen geben.