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| 22:49 Uhr

Bevor der Kreistag entscheidet
Zankapfel Förderschule „Lernen“

 Der Pausenhof der Grundschule am Elsterschulzentrum im Westen der Stadt Elsterwerda. In dieser Bildungseinrichtung mit Primarstufe und Sekundarstufe I wird die Inklusion von Schülern mit Förderbedarf seit sieben Jahren praktiziert.  
Der Pausenhof der Grundschule am Elsterschulzentrum im Westen der Stadt Elsterwerda. In dieser Bildungseinrichtung mit Primarstufe und Sekundarstufe I wird die Inklusion von Schülern mit Förderbedarf seit sieben Jahren praktiziert.   FOTO: LR / Manfred Feller
Elsterwerda. Nach heftiger Diskussion hatte der Kreistag Anfang April gegen das Aus der Förderschule „Lernen“ in Elsterwerda votiert. Der Beschluss wurde beanstandet. Am Montag heißt es: Ring frei zur letzten Runde! Von Manfred Feller

Es gibt keine Nachrücker. Folglich besteht die kreisliche Ganztagsschule mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt „Lernen“ in Elsterwerda ab dem Schuljahr 2019/20 nur noch aus einer 9. und einer 10. Klasse. Das ist laut dem Brandenburgischen Schulgesetz zu wenig. Bereits mit den jetzigen vier Klassen hatte das Staatliche Schulamt beide Augen zugedrückt.

Nach kontroverser Diskussion hatte sich der Kreistag im April mehrheitlich (21 Nein, 16 Ja, 6 Enthaltungen) gegen die Auflösung dieser kleinen Schule entschieden. Der Landrat musste diesen Beschluss für rechtswidrig erklären und rechtzeitig vor der Neuwahl den aktuellen Kreistag noch einmal zusammenrufen. Dies geschieht am Montag um 17 Uhr in einer außerplanmäßigen Sitzung in der Kreisverwaltung in Herzberg. Sollten die Abgeordneten erneut mehrheitlich nicht „mitspielen“, kann die „Kommunalaufsichtsbehörde im Einvernehmen mit dem für die Schule zuständigen Ministerium die Auflösung der Schule anordnen“, heißt es in der Begründung der Beschlussvorlage. Die Eltern schweben dann in Ungewissheit. Doch die Schüler haben das Recht, ihren gewählten Bildungsgang regulär zu beenden. Beschließt der Kreistag jedoch die Auflösung, werden nicht zwei Schulen zusammengelegt, sondern das nicht weit entfernte Elsterschulzentrum übernimmt die Organisation des Unterrichts. Lernort soll das angestammte moderne Schulgebäude bleiben.

Die Elsterwerdaer Bürgermeisterin Anja Heinrich (CDU) möchte die Förderklassen unbedingt als solche erhalten und neue, nachrückende Lernklassen aufbauen. Ihrer Ansicht nach bräuchten sowohl Begabte als auch Lernschwache jeweils einen geschützten Raum, in dem sie ihre persönlichen Lernerfolge erzielen. „Ein Land ist stark, wenn es die Stärken der Kinder fördert“, sagt sie. Die Gleichmacherei der rot-roten Brandenburger Bildungspolitik führe dagegen zu Mittelmaß.

In diese Kerbe der „ideologischen Denkweise“ im Land schlägt unter anderem auch der Kreistagsabgeordnete Christian Voigt (LUN/BVB/BfF/Hz-Fraktion). Auf der Internetseite von „Herzberg zählt, der parteiunabhängigen Stimme in Stadtverordnetenversammlung und Kreistag“, wird er sehr deutlich: „Ein Ja zur Schließung der Förderschule würde bedeuten, das Versagen der Landespolitik Brandenburg und des Schulamtes Cottbus in Sachen Inklusion nachträglich zu legitimieren.“

Unterdessen reibt sich Dietmar Koßagk, scheidender Leiter des Elsterschulzentrums Elsterwerda mit Primarstufe und Sekundarstufe I, wo die Inklusion seit sieben Jahren praktiziert wird, verwundert die Augen: „Ich verstehe die ganze Diskussion jetzt nicht. Es wurde Jahre geschwiegen. Weder Stadtverordnete noch Kreistagsabgeordnete haben sich bei uns informiert, wie Bildung funktioniert.“ Und in Elsterwerda vermisst er das abgestimmte Bildungskonzept.

So sei es kein Wunder, wenn sich Eltern im Zuge des allgemein propagierten Inklusionsgedankens, also der Integration von Schülern mit Förderbedarf in Grund- und Oberschulen, für den aus ihrer Sicht sicheren Weg entschieden hätten: Der Abkehr von der Förderschule „Lernen“ aufgrund deren ungewisser Zukunft zumindest in Elsterwerda. „Die Eltern waren bei der Wahl der Schule verunsichert. Man hätte ihnen vermitteln müssen, dass dieser Weg nach wie vor möglich ist“, benennt Dietmar Koßagk ein Versäumnis.

In dem Schulzentrum werden Schüler mit dem Förderbedarf „Lernen“ seit sieben Jahren in den üblichen Klassenverbänden unterrichtet. Allerdings, so Jeannette Engelmann von der erweiterten Schulleitung, werde der Unterricht entsprechend der Niveaustufe differenziert.

Das heißt: Es gebe in fast jeder Klasse zusätzlich zur Lehrerin/zum Lehrer eine „geräuschlos“ arbeitende Unterrichtshilfe und/oder sonderpädagogische Lehrkraft. Diese Hilfe erfolge im Klassenverband oder außerhalb in einer kleinen Gruppe mit Schülern, die einen ausgewiesenen Förderbedarf haben, sowie mit weiteren lernschwachen Schülern. Insgesamt sei die Unterrichtsatmosphäre nicht anders als vor dem Beginn der Inklusion.

Die Schule setze den politischen Willen bestmöglich um. Doch eines schreibt Dietmar Koßagk den Landespolitikern im Wahlkampf ins Hausaufgabenheft: „Inklusion geht nicht kostenneutral. Eine Unterrichtsbegleitung oder eine zweite Lehrkraft brauchen wir für alle Klassen!“ Die bisherigen Erfolge sprächen für das Elsterschulzentrum: Alle Abgänger hätten mindestens eine Berufsausbildung begonnen – auch jene Schüler mit Förderbedarf und Lernschwache.

 Der Pausenhof der Grundschule am Elsterschulzentrum im Westen der Stadt Elsterwerda. In dieser Bildungseinrichtung mit Primarstufe und Sekundarstufe I wird die Inklusion von Schülern mit Förderbedarf seit sieben Jahren praktiziert.  
Der Pausenhof der Grundschule am Elsterschulzentrum im Westen der Stadt Elsterwerda. In dieser Bildungseinrichtung mit Primarstufe und Sekundarstufe I wird die Inklusion von Schülern mit Förderbedarf seit sieben Jahren praktiziert.   FOTO: LR / Manfred Feller