ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:04 Uhr

Nachwuchs bei der Polizei
„Seine erste Leiche vergisst man nie“

Beim Diensthabenden, hier in Finsterwalde, laufen die aktuellen Ereignisse Tag und Nacht zusammen. Von dort aus werden die Einsätze koordiniert. Inspektionsleiter Thomas Ballerstaedt (r.) mit den Praktikantenbetreuerinnen Kathrin Lehmann (l.) und Diana König (2.v.l.) und vier künftigen Absolventen  der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg.
Beim Diensthabenden, hier in Finsterwalde, laufen die aktuellen Ereignisse Tag und Nacht zusammen. Von dort aus werden die Einsätze koordiniert. Inspektionsleiter Thomas Ballerstaedt (r.) mit den Praktikantenbetreuerinnen Kathrin Lehmann (l.) und Diana König (2.v.l.) und vier künftigen Absolventen  der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg. FOTO: Manfred Feller / LR
Finsterwalde. Praktikanten der Fachhochschule werden in der Polizeiinspektion Elbe-Elbe auf den realen Dienstalltag vorbereitet. Von Manfred Feller

Die Polizei auch in Elbe-Elster braucht gut ausgebildete junge Fachkräfte - am besten jedes Jahr mehrere. Mit Stand März 2018 zählte die Polizeiinspektion 162 Beamte und Angestellte (2011 waren es nur rund 135). „Die Sollzahl ist so berechnet, dass die Aufgaben zu lösen sind. Weniger sollten es nicht werden“, stellt Polizeidirektor Thomas Ballerstaedt fest.

Doch in der Dienstplanung kann es schon sehr eng werden. Drei Beamte sind derzeit in andere Bereiche der Polizeidirektion Süd abgeordnet. Bis 2022 gehen nicht weniger als 40 Mitarbeiter in den Ruhestand.

Vier Polizisten seien so erkrankt, dass deren Arbeitsfähigkeit nicht absehbar ist. 39 andere Kollegen hatten 2017 mehr als 42 Krankheitstage (die Polizei zählt hier von Montag bis einschließlich Sonntag). Dabei gehören die Beamten in dieser Inspektion rein statistisch noch zu den gesündesten in der Direktion. Allerdings mit einem Durchschnittsalter von immerhin 49,1 Jahren auch zu den zweitältesten nach Cottbus/Spree-Neiße mit 49,7 Jahren (Direktion Süd 47,2 Jahre).

Der Nachwuchs ist nicht nur willkommen, sondern möchte auch in den ländlichen Elbe-Elbe-Kreis. Das versichern zumindest Praktikanten, die überwiegend hier auch ihre familiären Wurzeln haben. Vier Bachelor-Studenten von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg würden nach ihrem dreijährigen Studium für den gehobenen Dienst sofort in Elbe-Elster anfangen wollen.

Dazu gehört auch Lara Schulze aus Herzberg. Die 21-Jährige wird im April 2019 fertig sein. „Es macht Spaß. Ich will nicht mehr zur Schule zurück“, sagt die junge Frau, die gerade ihr dreimonatiges Praktikum in der nicht immer freundlichen Wirklichkeit absolviert hat. Gleich zu Beginn hatte es im wahrsten Sinne irre geknallt. Bei einem Verkehrsunfall im Januar zwischen Betten und Lieskau war ein Mensch ums Leben gekommen. „Ich habe alles gesehen und musste richtig schlucken. Wir hatten aber so viel zu tun, dass ich gar nicht zum Nachdenken gekommen bin. Ich habe das alles gut verarbeitet. Aber seine erste Leiche vergisst man nie“, sagt sie. Laut dem Inspektionsleiter ist die Einsatznachsorge, das Gespräch mit dem Vorgesetzten, nach derartigen Ereignissen Pflicht.

Thomas Ballerstaedt würde sie und die anderen sofort für den Wach- und Wechseldienst, also auch für Außeneinsätze, nehmen. Aber: „Bedarf haben alle. Die Entscheidung fällt das Präsidium.“ Beamte des gehobenen Dienstes können auch zur Schutz-, Bereitschaftspolizei oder zur Kripo beordert werden.

Michael Kießling aus Mühlberg weiß ebenfalls, wohin er will: „Ich möchte nach Finsterwalde in den Wach- und Wechseldienst, aber zumindest in der Polizeidirektion bleiben. Mein Wunsch war es schon immer, zur Polizei zu gehen. Es ist ein vielseitiger, sicherer Beruf, besser als nur Büro oder Fließband“, sagt er zum Abschluss seines zweiten Praktikums. Im Oktober beendet der 22-Jährige sein Studium. Ein erfolgreicher Ermittler war er auch schon. Beim Brand des Hauses der Freundschaft in Finsterwalde befragte er jene Person, die das Feuer gemeldet hatte. Er stellte Ungereimtheiten fest. In der Folge konnte ein Verdächtiger ermittelt werden. „Ich war erst nach 14 Stunden zu Hause. Doch dieser Tag hat mir gezeigt, dass dieser Beruf das Richtige für mich ist“, zeigt sich Michael Kießling überzeugt.

Um die zeitweise neun Nachwuchskräfte für den mittleren und den gehobenen Dienst kümmert sich für den Bereich Wach- und Wechseldienst in der Inspektion Elbe-Elster die Praktikumsbetreuerin Kathrin Lehmann. „Anfangs fahren die Praktikanten als dritte Person im Wagen mit, aber schon bald als zweite Person mit voller Verantwortung“, so die Polizeioberkommissarin. „Von Woche zu Woche werden sie vollwertigere Kollegen. Sie bringen gute theoretische Grundlagen mit“, lobt Thomas Ballerstaedt.

Die Praktikanten für den gehobenen Dienst durchlaufen auch die  Kripoausbildung. „Hierbei gibt es eine 1:1-Betreuung“, benennt Praktikumsbetreuerin Diana König den erforderlichen Aufwand. Die Bandbreite reicht von der Kriminaltechnik über die Tatortarbeit bis hin zur realen Beschuldigtenvernehmung mit deutlich erhöhtem Puls.

Ein einschneidendes Erlebnis hatte auch Praktikantin Kristin Wieczorek aus Doberlug-Kirchhain. Bei einer Wohnungsöffnung stießen die Beamten auf eine mumifizierte Leiche. „Die Kollegen haben mir alles erklärt und sind professionell an die Arbeit gegangen“, lässt die 25-Jährige, die im Erstberuf Staatlich anerkannte Erzieherin ist, solche Erlebnisse nicht zu nah an sich heran. Auch ihr Bruder ist Polizist. „Unsere Eltern sind stolz auf uns“, sagt sie.

Das Praktikum in Elbe-Elster hat auch Felix Haberecht (21) aus Strehla bei Riesa so sehr gefallen, dass er hier arbeiten möchte. Allerdings war auch er schon zu einem tragischen Ereignis gerufen worden - als nach einem Autounfall in Schönborn ein herausgerissenes Hoftor eine Frau erschlagen hat. „Erst im Polizeialltag habe ich gemerkt, wie dicht Leben und Tod beieinander liegen“, stellt er nachdenklich fest.