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| 16:43 Uhr

Die aktuell längste Baustelle
Erdgasgraben zieht sich durch Elbe-Elster

 Mit zu Rohrlegern umgebauten Raupen werden bei Eichholz die überdachten Schweißautomaten zur nächsten Verbindungsstelle zweier Rohre gehoben. Die Arbeitsbedingungen auf dem freien Feld sind geprägt von tageweise eisigem Wind, Regen und knöcheltiefem Schlamm.
Mit zu Rohrlegern umgebauten Raupen werden bei Eichholz die überdachten Schweißautomaten zur nächsten Verbindungsstelle zweier Rohre gehoben. Die Arbeitsbedingungen auf dem freien Feld sind geprägt von tageweise eisigem Wind, Regen und knöcheltiefem Schlamm. FOTO: LR / Manfred Feller
Elbe Elster. Parallel zur Opal-Trasse wird derzeit im Landkreis Elbe-Elster zwischen Gahro im Norden und Hirschfeld im Süden die neue Erdgasfernleitung Eugal verlegt. Von Manfred Feller

Mit etwa 480 Kilometern Länge dürfte die Europäische Gasanbindungsleitung (Eugal) die derzeit längste Baustelle in Deutschland sein. Sie beginnt an der Erdgasempfangsstation Lubmin (bei Greifswald) an der Ostsee, führt über mehr als 100 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern, über 272 Kilometer durch Brandenburg und endet in Sachsen nach 106 Kilometern an der deutsch-tschechischen Grenze in Deutschneudorf mit der Exportstation.

Gebaut wird parallel auf der gesamten Strecke. In den Landkreis Elbe-Elster tritt die Trasse bei Gahro ein, verläuft westlich von Finsterwalde, nimmt zwischen Grünewalde und dem Grünewalder Lauch einen Zipfel Oberspreewald-Lausitz-Kreis mit und verlässt bei Hirschfeld im Schradenland das Kreisgebiet in Richtung Großenhain. Spezialfirmen aus ganz Europa verlegen die Eugal. Sie verläuft parallel zu der erst vor wenigen Jahren in Betrieb genommenen Ferngasleitung Opal und wird ebenso in das europäische Erdgastransportnetz eingebunden.

In Elbe-Elster, dem Baulos 11, verlegen seit dem 3. September eine deutsche und eine italienische Firma als eine Arbeitsgemeinschaft die mächtige Rohrschlange. Entlang der rund 35 Kilometer langen Strecke sind in der Projektleitung und in Kolonnen mit unterschiedlichen Aufgaben nicht weniger als 500 Menschen beschäftigt, berichtet Bauleiter Ioannis Plakidis-Adamer. Alle übernachten in der jeweiligen Gegend. Gearbeitet wird abwechselnd vier bzw. sechs Tage.

Der 37-jährige Bauingenieur, der bereits an der Opal mitgebaut hat, ist so international wie das gesamte Projekt. Geboren in Griechenland als Sohn giechisch-österreichischer Eltern, wuchs er in Berlin auf, lebt in der Alpenrepublik und arbeitet in Deutschland.

      Die Eugal-Ferngasleitung im Landkreis Elbe-Elster. Von der Ostsee fast bis zur Kreisgrenze erhält sie zwei Stränge. Dann geht es mit einem bis zur tschechischen Grenze weiter.
Die Eugal-Ferngasleitung im Landkreis Elbe-Elster. Von der Ostsee fast bis zur Kreisgrenze erhält sie zwei Stränge. Dann geht es mit einem bis zur tschechischen Grenze weiter. FOTO: LR / Quelle: GASCADE Gastransport GmbH

Seine Männer klotzen ran – trotz zeitweise widriger Bedingungen mit stechend-kaltem Wind auf freiem Feld, Regen und einem feuchten Untergrund, der von den schweren Kettenfahrzeugen in Schlamm verwandelt wird. „Alle Kolonnen zusammengenommen schaffen etwa 500 Meter am Tag“, sagt der Trassenfachmann. Seit 13 Jahren ist er beim Pipelinebau auf Montage.

Vorneweg „marschieren“ die Trassenvorbereiter. Weil die Opal-Leitung daneben liegt, muss nur wenig Bewuchs entfernt werden. Der Mutterboden für die abschließende Rekultivierung, die als Ausgleich auch das Schaffen von Biotopen beinhalte, wird ortsnah gelagert. Entlang der Erdgastrasse mussten nach Auskunft von Reemt Bernert, Pressesprecher beim deutschen Fernleitungsnetzbetreiber Gascade Gastransport GmbH in Kassel (ehemals Wingas Transport GmbH) mit Tausenden Grundstückseigentümern Verträge schlossen werden. Ein gewaltiger Aufwand. Es sind Entschädigungen zu zahlen, zum Beispiel an Landwirte, und Dienstbarkeiten  einzutragen, damit die Flächen für die spätere Wartung wieder betreten werden dürfen. Lediglich für Verdichter-, Absperr- und andere Stationen musste Land erworben werden. Bei Eichholz entsteht so eine unterirdische Absperrstation auf einem 12 mal 14 Meter großen Fundament. „Oben wird man nur einen Container sehen“, versichert der Bauleiter.

Um nicht jeden Kubikmeter Beton und jeden Bauzaun aus der Ferne antransportieren zu müssen, bedient sich das Unternehmen Gascade auch regionaler Firmen und Dienstleister. „Das fängt bei den Betonbauern an, geht über die Straßenreinigung und Spediteure bis hin zu Bauhelfern aus der Gegend. Einige bleiben auch bei uns“, weiß Ioannis Plakidis-Adamer.

     Eugal – eingebunden in das europäische Erdgastransportnetz.
Eugal – eingebunden in das europäische Erdgastransportnetz. FOTO: LR / GASCADE Gastransport GmbH

Wenn die Trasse in Richtung Süden vorbereitet ist, werden die 18 Meter langen und 15 Tonnen schweren Rohre von den Lagerplätzen in Sorno, Münchhausen, Finsterwalde und Großkmehlen zur Baustelle gefahren. Je Lagerplatz ergeben die ausschließlich bei Europipe in Mühlheim an der Ruhr gefertigten Rohre mit einem Durchmesser von 1,40 Metern aneinandergereiht eine Länge von etwa zwölf Kilometern. Die gesamte Eugal verbraucht 47 000 Rohrsegmente.

Das Schweißen übernehmen in Elbe-Elster acht eingehauste Automaten, die mit Raupenkränen versetzt werden. Abschließend werden die Nähte mit entrostendem Haftkleber beschichtet, umwickelt und 200-prozentig geprüft, wie der Bauleiter versichert – mittels Ultraschall, Röntgen und in einzelnen Abschnitten unter 180 bar Wasserdruck. Der spätere Gasbetriebsdruck beträgt maximal 100 bar.

Die Eugal unterquert im Landessüden zwei Schienenwege bei Finsterwalde und Lauchhammer, vier Fließgewässer (Kleine Elster, Schwarze Elster, Hauptschradengraben, Pulsnitz) und neun Straßen.

Die Leitung wird nach Auskunft von Reemt Bernert nicht auf Verdacht gebaut, sondern sei Bestandteil der europaweiten Versorgungsstrategie mit Erdgas. Die Transportkapazität von 55 Milliarden Kubikmetern Gas im Jahr, vor allem über die Nord-Stream-Leitung aus Russland, sei schon jetzt gebucht. Das meiste gehe in Richtung Tschechien. Deutschland verbrauche jährlich 85 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Der Bedarf wachse in Europa permanent. Eugal sei in einer rekordverdächtigen Zeit von nur etwa zwei Jahren geplant und genehmigt worden.

 Westlich des Flugplatzes Finsterwalde hob noch vor wenigen Tagen ein Bagger einen tiefen Graben für die Ferngasleitung aus. Die zusammengeschweißten Segmente werden von mehreren Rohrlegefahrzeugen schrittweise abgesetzt.
Westlich des Flugplatzes Finsterwalde hob noch vor wenigen Tagen ein Bagger einen tiefen Graben für die Ferngasleitung aus. Die zusammengeschweißten Segmente werden von mehreren Rohrlegefahrzeugen schrittweise abgesetzt. FOTO: LR / Manfred Feller