IG-Metall-Verantwortlicher Ralf Köhler versuchte, die Ohnmacht des Betriebsrates in dieser Beziehung zu erklären. „Wir haben auf unternehmerische Entscheidungen keinen Einfluss. Arbeitnehmervertretungen haben keine wirtschaftliche Mitbestimmung. Für uns gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten, die Schließung zu verhindern“ , sagte er. Völlig unverständlich war den Kollegen, wie eine vom Grohe-Gesamtbetriebsrat beauftragte Unternehmensberatung die Schließung des Herzberger Werkes empfehlen kann. „Dazu muss man den Auftrag der Berater kennen“ , so Betriebsratsvorsitzender Peter Schulze. „Die Düsseldorfer Unternehmensberatung Management Engineers sollte prüfen, wie die von Grohe ins Auge gefassten Kostenreduzierungen, die unseres Erachtens überhaupt nicht notwendig sind, mit einer geringeren Personalreduzierung zu erreichen sind, als sie in der McKinsey-Studie aufgezeigt wurden. Management Engineers hat dies getan, aber nicht genügend Argumente für das Fortbestehen des Herzberger Werkes gefunden.“
Im Klartext heißt das, so erklärte Schulze die Montag und Dienstag in Hemer vorgetragenen Zusammenhänge, dass Herzberg, um im Grohe-Konzept zu funktionieren, personell und maschinell faktisch aufgestockt werden müsste. Das würde aber zu Lasten anderer Werke gehen. „Es gibt zwar Meinungen, dass Grohe das falsche Werk schließt“ , sagt Schulze. „Doch das hilft uns jetzt auch nicht mehr. Wir haben schon zu viele Federn gelassen, wie Wertschöpfungspotenziale oder maschinelle Ausrüstungen. Auch die schlechte Verkehrsanbindung spielt eine Rolle. Vor einigen Jahren haben wir uns solche Dinge wie die Schließung der Gießerei aufzwingen lassen, um nicht da schon den Bach runter zu gehen. Jetzt zeigt sich, dass es nichts gebracht hat. Die Produktion in Herzberg ist zu händisch und nicht vollstufig. Deshalb ist sie von den Personalkosten her zu teuer, hat man uns gegenüber argumentiert.“

„Finden keinen Job mehr“
Verständnis für eine solche Argumentation konnte in der Belegschaft niemand aufbringen. Sie hat gestern schnell ein Grab-Kreuz für das Werk zusammengezimmert und 2005 als Sterbedatum eingetragen. Einige Mitarbeiter hatten den Mut, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Der 54-jährige Bernd-Günther Frey ist seit 26 Jahren bei Grohe, seine Frau seit 30 Jahren. Die drei Kinder befinden sich im Studium oder in der Ausbildung. „Das drückt uns allen fürchterlich auf der Seele“ , sagt er. „Man ist so hilflos, wenn einem die Grenzen aufgezeigt werden. Wir haben hier im Werk nach der Wende die soziale Marktwirtschaft kennengelernt, doch jetzt ist das nur noch purer Kapitalismus. In meinem Alter bekomme ich doch hier nichts mehr. Ich kann mich aber noch nicht zur Ruhe setzen. Hab sogar schon mal in China angefragt. Aber auch da brauchen sie mich nicht.“
Rita Düben ist 41 Jahre alt, seit 20 Jahren Betriebsmittelkonstrukteurin im Werk und ehrenamtliches Mitglied im Betriebsrat. „Meine Möglichkeiten, hier irgendwo in der Region einen neuen Job zu finden, sind gleich null. Frauen in technischen Berufen haben bei der Auswahl kaum eine Chance. Es gibt genug Männer, die auch Arbeit suchen“ , sagt sie. „Wir haben hier immer ordentliche Leistung gebracht. Ich habe viel in meinen Beruf investiert, Maschinenbau studiert, mich im Betriebsrat engagiert. Doch sogar bei der Betriebsratsarbeit haben sie uns zum Schluss Steine in den Weg gelegt. Jetzt stehe ich da. Meine drei Kinder sind alle am Gymnasium. Mein Mann und ich wollen sie unbedingt unterstützen. Die Frage ist jetzt aber, wie es weiter geht, und ob das überhaupt noch möglich sein wird.“
Was die Zukunft bringt, weiß auch Alexander Stephan noch nicht. Der 18-Jährige aus Falkenberg erlernt im zweiten Ausbildungsjahr den Beruf des Zerspaners im Werk. „Ich war damals so froh, bei Grohe eine Lehrstelle bekommen zu haben. Das ist solide und sicher hab ich gedacht. Jetzt weiß ich nicht mal, ob und wie ich die Ausbildung beenden kann.“
Lutz Theile, Qualitätskontrolleur und ehrenamtliches Betriebsratsmitglied, hat noch bis Dienstag gehofft, dass es eine Lösung für das Werk gibt. „Wir hätten mit vielen Einschnitten leben können, aber nicht mit der Schließung“ , sagt der 39-Jährige.

Soviel wie möglich herausholen
Über die Schließung des Werkes zum 31. Dezember diesen Jahres ist zwar noch kein offizieller Beschluss gefasst, doch nach den beiden Tagen Anfang der Woche in Hemer zweifelt daran niemand mehr. „Wir müssen jetzt sehen, dass wir soviel Geld, wie nur möglich, für die Arbeitnehmer herausholen“ , sagt Ralf Köhler. Die Verhandlungen des Gesamtbetriebsrates mit der Konzernleitung beginnen jetzt. „Es gibt aber noch keine konkreten Aussagen, an welche der beiden Empfehlungen der Vorstand sich nun hält, und wieviele Arbeitsplätze in den Werken genau zur Disposition stehen“ , so Köhler. „Wir müssen die Sozialplanhöhe auf ein vernünftiges Niveau bringen.“ Zu den Forderungen des Gesamtbetriebsrates soll eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft für Herzberg gehören. „Da könnten Mitarbeiter wenigstens für ein Jahr qualifiziert werden, und Grohe müsste das bezahlen. Das wollen wir durchsetzen“ , so der IG Metaller.
Ein großes Problem sehen Betriebsrat und Gewerkschaft bei älteren Kollegen, die schon sehr lange im Betrieb sind. Sie haben eine siebenmonatige Kündigungsfrist. Ab dem 1. Februar 2006 gibt es aber eine verkürzte Anspruchszeit auf Arbeitslosengeld von maximal 18 Monaten. Nach der jetzigen Regelung würden diese Kollegen noch bis zu 32 Monate Arbeitslosengeld bekommen. Um das noch durchzusetzen, müssten die entsprechenden Mitarbeiter bis zum 31. Mai gekündigt sein. „Das wird kaum passieren“ , so Ralf Köhler. „Denn Kündigungen dürfen erst ausgesprochen werden, wenn ein Sozialplan verabschiedet ist, und das ist bis Ende Mai utopisch.“ Peter Schulze erklärt dazu, dass der Rechtsanwalt des Gesamtbetriebsrates beauftragt ist zu prüfen, ob es für diese Arbeitnehmer möglich ist, einen Teilinteressensausgleich zu erreichen. Schließlich seien 75 Herzberger Kollegen davon betroffen. Doch in Anbetracht des Zeitdrucks ist auch dies fraglich. „In Nordrhein-Westfalen gibt es in Anbetracht der Neuregelung bei der Bundesagentur zum 1. Februar erleichternde Durchführungsbestimmungen für Arbeitnehmer. Ich werde in Kürze zur Arbeitsagentur nach Cottbus fahren, um unser Problem anzubringen und zu prüfen, was wir für unsere Leute machen können.“

Lösung in Cottbus suchen
Der Betriebsrat und die IG-Metall-Vertreter sind sich sicher, dass der Vorstand die finanziellen Mittel für die Abfindungen nicht freiwillig herausgeben wird. „Deshalb müssen wir jetzt geschlossen auftreten, und auch die Bürger in der Region informieren und auf unserer Seite haben. Die Kollegen haben sich trotz der schwierigen Situation dazu bekannt und stehen klar hinter dem Betriebsrat. Sie wollen mit allen Mitteln verhindern , dass es zu einer Spaltung der Belegschaft kommt. Die Mitarbeiter müssen jetzt entscheiden, mit welchen Mitteln sie bereit ist, um ihre Forderungen zu kämpfen.“
Am Montag wird es im Grohe-Werk eine Betriebsversammlung geben, zu der eventuell auch Werkleiter Udo Otrzonsek, der derzeit auch den Betrieb in Porta Westfalica leitet, anwesend sein wird. Anschließend wollen die Grohe Mitarbeiter die Bevölkerung auf dem Markt in Herzberg über ihre Situation informieren, und hoffen auf deren Solidarität und Unterstützung. Zu der Veranstaltungen will der Betriebsrat auch jeden einladen, der auf politischer Ebene Rang und Namen hat.

Schreckensszenario für Stadt
„Es geht hier ja nicht nur um die etwas mehr als 300 Arbeitsplätze bei uns im Werk, sondern es geht um die ganze Region“ , so Peter Schulze.
Für Herzbergs Bürgermeister Michael Oecknigk ist die Grohe-Schließung ein Schreckensszenario. Schon vor Wochen hatte er auf die möglichen Auswirkungen aufmerksam gemacht. Die Gewerbe- und Einkommenssteuereinnahmen machten mit rund 500 000 Euro ungefähr den Posten der freiwilligen Ausgaben im Haushalt aus, sagte er. Für die Stadtbibliothek, das Schwimmbad und den Tierpark habe man in Herzberg dann kein Geld mehr. Die Arbeitslosenquote würde auf rund 30 Prozent steigen. Das habe auch gravierende Auswirkungen auf die Kaufkraft. Nicht zuletzt sei Grohe auch bei Wasser, Gas und Strom ein bedeutender Abnehmer. „Aber als Kommune sind wir in solch einer Situation machtlos“ , so der Bürgermeister.