| 19:04 Uhr

Endlich aus der Anonymität geholt

Mit dem russischen Botschafter Wladimir Grinin (r.) und Brandenburgs Vize-Regierungschef Christian Görke (l.) gedenken Kommunalpolitiker den Toten.
Mit dem russischen Botschafter Wladimir Grinin (r.) und Brandenburgs Vize-Regierungschef Christian Görke (l.) gedenken Kommunalpolitiker den Toten. FOTO: fc
Elsterwerda. Es sind bewegende Momente: 72 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten 2194, bislang anonym auf dem Ehrenfriedhof in Elsterwerda bestattete Sowjetsoldaten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ihre Namen zurück. Frank Claus

Alexander Fokin hat die weite Strecke noch einmal auf sich genommen. 1200 Kilometer sind es aus seiner litauischen Heimatstadt Visaginas bis nach Elsterwerda. Vor zwei Jahren war er zum ersten Mal hier. Im Jahr 1943 hatte seine Großmutter das letzte Mal Kontakt zu ihrem Mann. Das hat die Oma Alexander Fokin erzählt, als er in der fünften Klasse war. Losgelassen haben ihn diese Erzählungen seiner Großmutter sein ganzes Leben nicht mehr. Sie habe nur gewusst, dass ihr Mann am 1. Mai 1945 nach einer schweren Verwundung mit 41 Jahren ums Leben gekommen ist. Bis zu ihrem Tod habe sie nie erfahren, wo auf dieser Welt die sterblichen Überreste ihres Liebsten - Stephan Wassilowitsch Fokin - verblieben sind.

Als Alexander Fokin größer war, hat er selbst Nachforschungen angestellt. Zuerst bei Militärkommissariaten, später im Verteidigungsministerium und in der Botschaft. Bis zum August 2014 blieb der Verbleib des Großvaters im Dunkeln. Erst, als schrittweise begonnen wurde, die Namen aller im Krieg Gebliebenen auch auf elektronischem Weg zu veröffentlichen, entdeckte Alexander Fokin den Namen seines Großvaters und präzisierte seine Nachforschungen. Bis er schließlich bestätigt bekam, dass die sterblichen Überreste im Jahr 1948 von Ortrand nach Elsterwerda auf den neu entstandenen Ehrenfriedhof umgebettet worden waren.

Zwei Kränze mit roten Gerbera und weißen Astern hat er mitgebracht - im Auftrag seiner Familie. Mit einer kleinen Kamera versucht er jede Sekunde, dieser für ihn so wichtigen Momente festzuhalten. Er zeichnet auf, was der russische Botschafter Wladimir Grinin sagt, fotografiert, wie Elsterwerdas Bürgermeister Dieter Herrchen, Brandenburgs stellvertretender Ministerpräsident Christian Görke (Die Linke) und Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) vor dem Ehrenfeld ins Mikrofon sprechen. Er filmt, wie Elsterwerdas evangelischer Pfarrer Kersten Spantig und die kirchlichen Würdenträger der russisch-orthodoxen Kirche mit Erzpriester Georgi Antonjuk an der Spitze die Anlage segnen.

Minutenlang harrt er später aus vor den kleinen Buchstaben des Namenszuges seines Großvaters. Auf den Bronzeplatten verewigt, ist er nun endlich aus der Anonymität geholt. Endlich ist er würdevoll begraben.

Insgesamt 2915 sowjetische Kriegsopfer haben auf dem Ehrenfriedhof in Elsterwerda ihre letzte Ruhe gefunden. Bis zum Donnerstag dieser Woche hatten nur 721 einen Namen. Die übrigen Sowjetsoldaten, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter waren anonym in 72 Massengräbern bestattet. Auf 16 großen Bronzeplatten, gesichert befestigt auf granitverkleideten Sockeln, sind nun ihre Namen nachlesbar. "Damit wird ein ganz wesentlicher Schritt in der Aufarbeitung unserer gemeinsamen, leidvollen und tragischen Geschichte vollzogen, den hier Ruhenden mit der Namensnennung die menschliche Würde zurückgegeben und den Hinterbliebenen endlich Gewissheit zuteil", sagt Elsterwerdas Bürgermeister Dieter Herrchen in seiner Rede zur Einweihung der Namenstafeln.

Es sei der engen Zusammenarbeit zwischen der Botschaft der Russischen Förderation in Deutschland, dem Innenministerium des Landes Brandenburg, dem Landkreis Elbe-Elster, der Brandenburgischen Freundschaftsgesellschaft und der Stadt Elsterwerda zu verdanken, dass ein dunkles Kapitel der Geschichte nun weitere Aufhellung erfährt. Intensive Recherchetätigkeit weiterer Beteiligter, unter anderem von Bernd-Jürgen Fritsch aus Neuburxdorf und von weiteren Mitgliedern der Initiativgruppe Lager Mühlberg, sei es zu verdanken, dass die Namen jetzt veröffentlicht werden können.

Elsterwerdas Bürgermeister Dieter Herrchen erinnert an die Greuel des Krieges und daran, dass die damaligen Völker der Sowjetunion mit mehr als 20 Millionen Toten die Hauptlast zu tragen hatten. Er weicht auch der Frage nicht aus, ob sich die Deutschen "Jahrzehnte nach dem Krieg noch der Schuldfrage stellen" müssen und erklärt: "Wir, die Nachkriegsgeborenen, werden mit dieser Frage wohl auch zukünftig konfrontiert und sollten uns deshalb immer bewusst sein, dass man der eigenen Geschichte nicht ausweichen kann. Die daraus erwachsene Verantwortung für das Heute und das Morgen muss unsere Antwort sein." Dass das "Wort Aufrüstung im politischen Sprachgebrauch wieder hoffähig geworden ist - leider auch in Deutschland", bedauere er sehr.

Worte, denen sich Brandenburgs stellvertretender Ministerpräsident Christian Görke anschließt: "Wir werden es erleben, dass nach diesem Sonntag wieder Menschen in den Bundestag einziehen, die den Verbrechen des Krieges huldigen beziehungsweise auf dem Weg sind, sie zu relativieren."

Die Einweihung der Bronzeplatten ist für den russischen Botschafter Wladimir M. Grinin ein "wichtiges Zeichen für Frieden und Versöhnung zwischen unseren Völkern" in einer Zeit eines "kalten politischen Klimas zwischen Russland und Deutschland", wie er erklärt. Die Welt würde "friedensstiftende Prozesse" mehr denn je benötigen, weil eine "künstlich geschaffene, präzedenzlose Instabilität den Frieden bedroht". Umso mehr seien "Volksdiplomatie, Kultur und Jugendaustausch" vonnöten.

Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) verwies auf die vielfältigen Aktivitäten des Landkreises in der Gedenkstättenpflege und forderte auf, "Kriegsgräber als Warnsignale" zu verstehen. Schüler des Elsterschloss-Gymnasiums geben der Gedenkfeier mit ihrer Rezitation "Meinst Du, die Russen wollen Krieg?" einen eindrucksvollen Rahmen.