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Hochwasserschutz
Elster-Anrainer fordern echten Flut-Schutz

Die teilweise maroden und zu niedrigen Elster-Deiche können bei starkem Hochwasser vor allem in Elbe-Elster nur mühsam gehalten werden. Die Anrainer fordern, dass das Land endlich in den aktiven Schutz investiert. 
Die teilweise maroden und zu niedrigen Elster-Deiche können bei starkem Hochwasser vor allem in Elbe-Elster nur mühsam gehalten werden. Die Anrainer fordern, dass das Land endlich in den aktiven Schutz investiert.  FOTO: Oliver Killig / dpa
Bad Liebenwerda. Von einem Schutz für Menschenleben und Sachwerte ist die Hochwasserplanung des Landes Brandenburg an Schwarzer Elster und Pulsnitz weit entfernt. Das ist eine Investitionsbremse, beklagen die Anrainer. Von Kathleen Weser und Frank Claus

Der mangelhafte Hochwasserschutz an der Schwarzen Elster und das bürokratisch verordnete Überschwemmungsgebiet entlang des größten Heimatflusses Südbrandenburgs treiben den Puls von Thomas Richter (CDU), Bürgermeister der Stadt Bad Liebenwerda, schlagartig in die Höhe.

Das Stadtoberhaupt ist zwar sehr glücklich darüber, dass die Kurstadt als Wohnsitz zunehmend nachgefragt wird und neue Baustandorte entwickelt werden müssen. Trotzdem verzweifeln die Stadtplaner im Rathaus. Denn:  „Die ausgewiesenen Überschwemmungskarten zwingen uns, Bauleitplanungen zu überarbeiten. Nicht, dass wir das nicht tun wollen. Aber auf den Kosten bleiben allein wir sitzen“, sagt der Bürgermeister. Das Land Brandenburg komme beim Hochwasserschutz seit Jahren über Reparaturen nicht hinaus und verfahre nach dem Motto: „Unsere Lösung, euer Problem.“

Stadtplaner Peter Lange erläutert:   Investoren und private Häuslebauer müssen in den jetzt ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten zum Beispiel für ein zehn mal zehn Meter großes Haus auch 100 Quadratmeter versiegelte Grundfläche an anderer Stelle als Ausgleichsfläche nachweisen oder eine 1000 Kubikmeter große Grube oder Gräben schaffen, die Hochwasser aufnehmen können. Das erfordere wiederum eine Baugenehmigung.

In Bad Liebenwerda planen gegenwärtig zwei Investoren Wohnstandorte mit einer größeren Zahl von Wohneinheiten. Die Stadt kämpft seit Monaten, um das zu ermöglichen. Thomas Richter sagt sichtlich verzweifelt: „Es ist doch nicht so, dass sich alle um Investitionen im ländlichen Raum reißen. Und die, die kommen, sagen jetzt vielleicht noch Tschüss, weil wir ihnen zu viele Auflagen aufbürden. Das geht doch so nicht.“

In Lauchhammer wird ein von der Stadt erschlossenes Baugebiet zum Ladenhüter. Das Areal liegt im kartierten Überschwemmungsgebiet der Schwarzen Elster. Hunderte Privateigentümer von Wohnhäusern in der Flussniederung beklagen Einschränkungen, Verbote und vor allem Wertverluste ihrer Grundstücke durch den Erlass aus Potsdam, dem Fluss zwischen Senftenberg und Herzberg mehr Raum zu lassen. In Schwarzheide ist Rechtsanwältin Antje Ruhland-Führer selbst betroffen. Sie hat sofort, als das Überschwemmungsgebiet festgelegt wurde, gewarnt: „Das ist ein enteignungsgleicher Eingriff. Die Grundstücke werden entwertet.“

Hans-Friedrich Polster, einer der Betroffenen aus Lauchhammer, kritisiert: Das Land habe bisher nicht eine einzige konkrete Maßnahme formuliert, wie die Bürger, die in diesem Gebiet zu Hause sind, vor einem Hochwasser geschützt werden sollen.

In Senftenberg werden Reinhard Heepe und Walter Karge, Wasserwirtschaftler und Bergbausanierungs-Experte im Unruhestand, nicht müde, das Zurückhalten von Hochwässern der Schwarzen Elster in die Lausitzer Seenkette zwischen Hoyerswerda und Senftenberg zu fordern. In Sachsen schießen die Wassermassen, so Mutter Natur aus dem Flussbett zu treten droht, durch den kanalisierten Strom. An der Brandenburger Landesgrenze wird der Elsterlauf dann eng, und die Überflutungsgefahr steigt extrem. Die Berg­baufolgeseen zu nutzen, ist längst „planfestgestellt, damit gesetzlich verbrieft und auch mit dem Freistaat Sachsen abgestimmt“, erklärt Walter Karge. Im Land Brandenburg sei nur mindestens zehn Jahre lang verschlafen worden, daran weiter zu arbeiten. „Jetzt, wo uns das Wasser überall bis zum Hals steigt, kann keiner überrascht tun“, kritisiert Karge. Lediglich wie Hochwässer in die vorhandenen Speicherseen geführt werden sollen, sei endlich zu klären.

Reinhard Heepe hat dafür die Flut-Rechnung längst aufgemacht. Am Elster-Pegel Neuwiese (Kreis Bautzen) hat der Fluss während des dramatischen Hochwassers im Jahr 2010 mehr als 55 Kubikmeter Wasser pro Sekunde geführt. In Herzberg ist „Land unter“ eingetreten mit 127 Kubikmeter pro Sekunde. Würde die Flut in die Seenkette abgeleitet, kämen in Herzberg etwa 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde weniger an und die Schwarze Elster würde bis Lauchhammer so entlastet, dass nur noch wenig zu befürchten sei. Auch die Überschwemmungsfläche würde durch diesen Schutz wenigstens bis Lauchhammer damit natürlich schrumpfen – die Häuser wären deutlich sicherer, die Einschränkungen für die Besitzer geringer. Das Land Brandenburg spare auch Kosten für das Ertüchtigen der Deiche auf der Strecke.

Im Elbe-Elster-Land freilich bleiben die Dämme eine Großbaustelle. Hier strömen der Schwarzen Elster aus Pulsnitz sowie Kleiner und Großer Röder im Flutfall enorme Wassermassen zu. Zwischen Plessa und Herzberg sind die Elster-Anrainer auf ein Deichsanierungsprogramm angewiesen. Auch Frank Hamann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Elster-Werkstätten in Herzberg. Er hadert derzeit mit den Konsequenzen überbordenden Hochwasserschutzes in Brandenburg. „Wir haben nach den Hochwassern 2010 und 2011 ein erst nach der Wende nahe der Schwarzen Elster gebautes Objekt abgerissen und völlig neu gebaut. Deutlich hochwassersicherer und deutlich teurer, weil die Fundamente höher aus dem Boden heraus mussten und wir umfangreiche Pumptechnik installiert haben.“

Der Standort Blauhaus und Traumhaus, eine gastronomische Einrichtung und eine Herberge vor allem für Menschen mit Behinderungen, brumme: Seit der Eröffnung des Elsterparks im Jahr 2014 sind mehr als 50 000 Gäste hier gewesen. Es ist das touristische Angebot mit den größten Zuwächsen in ganz Elbe-Elster. Nun soll das Areal mit einem Kultur- und Tagungszentrum erweitert werden.

„Der Bedarf ist riesig. Immer mehr werden wir vom benachbarten  Bundeswehr-Standort in Holzdorf angefragt“, sagt der Geschäftsführer. Sein großer Ärger: komplizierte Bauantragsverfahren. „Wir sollen noch mehr Ausgleichsflächen nachweisen, noch weiter aus dem Boden herausgehen. Für eine barrierefrei geplante Einrichtung wird das schwierig. Wir müssten Rampen schaffen, noch mehr Aufzüge integrieren. Das kostet jede Menge Geld.“

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