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| 14:40 Uhr

Unglaubliche Leistung
Merzdorfer Ultraläufer läuft 161 Kilometer Berliner Mauerweg

 Ultraläufer Peter Oßendorf aus Merzdorf kann mit seinen Sportkollegen immer noch lachen. Und das, obwohl der Weg hinauf zum Heidebergturm bei Gröden zu den härtesten Trainingsstrecken weit und breit gehört.
Ultraläufer Peter Oßendorf aus Merzdorf kann mit seinen Sportkollegen immer noch lachen. Und das, obwohl der Weg hinauf zum Heidebergturm bei Gröden zu den härtesten Trainingsstrecken weit und breit gehört. FOTO: Peter Oßendorf
Merzdorf. Peter Oßendorf aus dem Schradenland läuft am Wochenende vom 17. und 18. August den Berliner Mauerweglauf. Vor dem 161 Kilometer-Lauf, entlang der alten Grenze, spricht der Ultraläufer über die Vorbereitung, Sport und Familie. Von Manfred Feller

Wer 161 Kilometer rund um das ehemalige Westberlin laufen will, der muss schon ein wenig durchgeknallt sein. Oder wie würden Sie es beschreiben?

Peter Oßendorf Ja, man muss schon im positiven Sinne verrückt sein. Aber immer auch wissen, auf was man sich einlässt. Ich mache es für mich und niemand anderen. Meine Devise ist: Egal wie, Hauptsache ankommen, und wenn es auf allen Vieren ist. Aber das gab es noch nicht.

Was reizt Sie an so einer unglaublichen Herausforderung?

Peter Oßendorf Mich einfach dahin zu bringen, wo Schluss ist. Die Grenze setzt der Körper selbst. Wenn unterwegs der Schweinehund kommt, dann muss man ihn eben besiegen. Man arbeitet sich von einem Tief zum nächsten Hoch und von einem Verpflegungspunkt zum nächsten. Wenn ich nicht mehr kann, nehme ich das Tempo heraus und führe dem Körper das zu, was er braucht, wie Salz und Flüssigkeit. Dann geht es wieder. Jeder Körper erholt sich anders. Und ich kenne meinen.

 Für nationale und internationale Trails, die selten flaches Gelände bieten, ist der Höhenzug im Süden von Elbe-Elster ein ideales Trainingsgebiet.
Für nationale und internationale Trails, die selten flaches Gelände bieten, ist der Höhenzug im Süden von Elbe-Elster ein ideales Trainingsgebiet. FOTO: Peter Oßendorf

Zählt allein der sportliche Gedanke oder hat der Mauerweglauf für Sie persönlich auch eine politische Dimension?

Peter Oßendorf Das ist für mich eine Erinnerung an jene Menschen, die dort sinnlos ums Leben gekommen sind. Ich werde mir unterwegs  die Zeit nehmen, um mir Gedenkorte kurz anzusehen.

Welches waren bisher Ihre längsten Läufe?

Peter Oßendorf Die 161 Kilometer von Berlin sind auf jeden Fall die  längste Strecke. Ansonsten war es der Lauf vor mehr als zehn Jahren von Dresden nach Prag über 130 Kilometer. Seit fünf Jahren, jeweils im September, nehme ich an der Ultralauf-Challenge im Lebuser Land über 84 Kilometer teil. Zu erwähnen sind auch die Hochhaus-Weltmeisterschaften 2017 in Hannover, wo ich 56 000 Treppenstufen und etwa 4900 Höhenmeter geschafft hatte. Das waren 29 Kilometer. Im Februar findet stets auch der Leichhardt-Trail um Cottbus über 55 Kilometer statt. Allein in diesem Jahr bin ich bereits sechs Ultras zwischen 50 und 80 Kilometern gelaufen.

 Die Schradenlandberge bieten Steigungen und breite Waldwege, aber auch solche Pfade. Dieses Trainingsgebiet wird in der Laufszene immer bekannter.
Die Schradenlandberge bieten Steigungen und breite Waldwege, aber auch solche Pfade. Dieses Trainingsgebiet wird in der Laufszene immer bekannter. FOTO: Peter Oßendorf

Sie sind jetzt 47 Jahre alt. Welche Rolle spielt das Alter, wenn man von Körper und Geist Höchstleistungen abverlangt?

Peter Oßendorf Das Wichtigste sind die Erfahrungen, die ich über den eigenen Körper im Laufe der Sportjahre gesammelt habe. Diese sind fast noch wichtiger als das eigentliche Training. Der versierte Sportler weiß, wann Schluss ist, also wie viel Training man sich zumuten darf und wann Ruhephasen folgen müssen. Wer Fehler macht, die Latte gleich am Anfang zu hoch legt und mit zu viel Ehrgeiz herangeht, der schadet seinem Körper. Ultraläufer wollen nicht unbedingt schneller werden, sondern lange Distanzen laufen. Mit den Jahren wird man zwar langsamer, aber die Ausdauer hält.

 Trainingspause auf dem Heidebergturm bei Gröden. Zeit für Fotos haben die Ausdauerläufer immer.
Trainingspause auf dem Heidebergturm bei Gröden. Zeit für Fotos haben die Ausdauerläufer immer. FOTO: Peter Oßendorf

Ihr familiäres, Freunde- und Kollegenumfeld weiß, was Sie in Berlin vorhaben. Wie waren die Reaktionen?

Peter Oßendorf Meine Lebensgefährtin Nicole steht voll hinter mir, auch unsere beiden Kinder. Die Familie muss manchmal schon große Opfer bringen. Nicole ist auch beim Mauerweglauf mit der Verpflegung dabei. Meine Lauffreunde sagen, dass das nicht mehr normal ist, was ich mache. „Du bist bekloppt“, sagen die Kollegen. Und mein Chef denkt nicht anders. Einen Kollegen habe ich aber zum Laufen überzeugen können.

Wie haben Sie sich auf diese Ultradistanz vorbereitet?

Peter Oßendorf Seit der Anmeldung am 9. November 2018, dem Erinnerungstag an den Mauerfall, bereite ich mich auf diesen Lauf vor. Weil um Berlin nur auf Beton- und Asphaltwegen gelaufen wird, habe ich auch entsprechend trainiert. Das heißt zum Beispiel, Training um den Grödener Turm. Eine Strecke hinauf und hinab sind insgesamt sechs Kilometer. Eine der Trainingseinheiten umfasste neun Mal diesen Weg, also zusammen 54 Kilometer an einem Tag. Die folgenden Einheiten dort waren kürzer. Mein Trainingspartner dabei ist David Döring aus Elsterwerda. Zur Vorbereitung gehören viele andere kurze und lange Läufe. Dabei habe ich stets jene Laufgeschwindigkeit gewählt, mit der ich den Mauerlauf absolvieren will. Das sind sechs Minuten für einen Kilometer. Neben dem Laufen betreibe ich auch noch Ausgleichssport, wie längere Radtouren bis zu 200 Kilometer im Lausitzer Seenland mit meinem Trainingspartner Ronny Wachsmann aus Elsterwerda und das Schwimmen im Merzdorfer Freibad. Das geschieht alles neben der Arbeit als Elektromonteur auf Montage.

Jedes Gramm weniger Körpergewicht zählt. Haben Sie auch darauf hingearbeitet?

Peter Oßendorf Ich bin kein Profisportler, also achte ich auch nicht so extrem auf die Ernährung. Ich esse im Prinzip alles, höchstens weniger Fleisch, dafür mehr Fisch und Gemüse sowie reichlich Kohlenhydrate. Also ganz normal. Mein Gewicht liegt bei einer Körpergröße von 1,86 fast konstant bei etwa 80 Kilogramm. Ich brauche nicht auf das Gewicht zu achten, dass sollte man auch nicht. Der Körper muss im Vorfeld einer Belastung sehr gut versorgt werden.

Wie ernähren Sie sich während eines mehrstündigen Ultralaufes?

Peter Oßendorf In Berlin habe ich eine Fahrradbegleitung. Das ist der Triathlet Maik Eisleben aus ­Großkmehlen. Er hat zum Beispiel schon den KnappenMan-Triathlon bei Hoyerswerda und die Langdistanz des Schloss-Triathlons Moritzburg gewonnen. Beim Lauf versorgt er mich mit Isodrinks und Obstmus aus dem Quetschi, wie ihn Kinder gern essen. Alle fünf bis sechs Kilometer gibt es zudem einen offiziellen Verpflegungspunkt. Dort werde ich vor allem viel Cola wegen des Zuckerbedarfs trinken und alles essen, was angeboten ist, vom Obst bis zur Schokoladenschnitte, sowie reichlich süße Gummitiere.

 Nicht nur hügelig, es geht auch flach. Naturfreunde und Ausdauersportler finden im brandenburgisch-sächsischen Grenzgebiet herrliche Landschaften vor.
Nicht nur hügelig, es geht auch flach. Naturfreunde und Ausdauersportler finden im brandenburgisch-sächsischen Grenzgebiet herrliche Landschaften vor. FOTO: Privat

Wie sehen die Tage vor dem Berliner Mauerweglauf aus?

Peter Oßendorf Der letzte Trainingslauf über 17 Kilometer auf Asphalt war am vorigen Donnerstag. Seitdem gibt es nur noch Sauna, Schwimmen und Physiotherapie.

Am Sonnabend um 6 Uhr werden die Einzelläufer im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark auf die Strecke geschickt. Die beste Frau brauchte im vorigen Jahr 15 Stunden und 29 Minuten, der beste Mann 13 Stunden und 17 Minuten. Das Zeitlimit liegt bei 30 Stunden. Wann werden Sie im Ziel sein? Wahrscheinlich erst am Sonntag?

Peter Oßendorf Wenn ich es schaffe, dann möchte ich unter 24 Stunden bleiben. Das ist machbar. Dies sagen auch meine Lauffreunde deutschlandweit, die bereits den Mauerlauf geschafft haben. Falls ich durchkomme, dann bin ich der Erste aus Merzdorf, dem Schradenland und wohl auch aus Elbe-Elster, der es gepackt hat.

Wie lange brauchen Sie zur Regeneration? Wird das Gehen am Folgetag überhaupt möglich sein?

Peter Oßendorf Am Tag nach dem Lauf werde ich die Beine hochlegen und mich so wenig wie möglich bewegen. Für die Regeneration habe ich maximal zwei Wochen Zeit, weil dann die Ultra-Challenge über 84 Kilometer in Lebus folgt.

Wie viele Läufe wollen Sie in diesem Jahr noch bestreiten?

Peter Oßendorf Es stehen noch drei Ultras zwischen 50 und 90 Kilometer auf dem Programm. Am Jahresende werden es dann etwa 3500 Trainings- und Laufkilometer sein. Im vorigen Jahr waren es außerdem noch mehr als 10 000 Höhenmeter.