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| 07:49 Uhr

Macht die Bertelsmann-Studie Angst?
Alle drei Krankenhäuser in Elbe-Elster sind „versorgungsrelevant“

  Klinikum-Geschäftsführer Michael Neugebauer (l.) und der Ärztliche Direktor, Prof. Dr. Roland Reinehr.
 Klinikum-Geschäftsführer Michael Neugebauer (l.) und der Ärztliche Direktor, Prof. Dr. Roland Reinehr. FOTO: B“ttcher
Der Geschäftsführer des Elbe-Elster-Klinikums fordert die Betrachtung regionaler Gegebenheiten bei der Bewertung der Krankenhauslandschaft ein. Von Frank Claus

Eine Reduzierung der Klinikanzahl würde zu einer besseren medizinischen Versorgung der Patienten in Deutschland führen. Das ist stark verknappt dargestellt die heftig diskutierte Aussage der Bertelsmann-Studie zur Krankenhauslandschaft in Deutschland. Aktuell gibt es knapp 1400. Empfohlen wird eine Reduzierung auf deutlich unter 600 Häuser. Wie findet das Michael Neugebauer, Geschäftsführer des Elbe-Elster-Klinikums mit seinen drei Standorten in Finsterwalde, Herzberg und Elsterwerda? Die RUNDSCHAU hat ihn gefragt.

Wie bewerten Sie die Erkenntnisse der Studie?

Michael Neugebauer: Man muss die Studie differenziert betrachten. Der genaue Titel der Untersuchung lautet: „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung – Eine Simulation und Analyse einer Neustrukturierung der Krankenhausversorgung am Beispiel einer Versorgungsregion in Nordrhein-Westfalen“. Es wird also eine einzelne Versorgungsregion explizit anhand von Simulationen und Annahmen untersucht. Das diese Annahmen 1:1 auf alle anderen Regionen in Deutschland übertragbar sind, habe ich so nicht gelesen. Es sind sicherlich völlig andere Ausgangssituationen in ländlichen Gebieten als in dieser beispielhaft untersuchten Versorgungsregion im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Simuliert werden aber neben den Qualitätsaspekten auch Zugangsmöglichkeiten innerhalb von 30 Minuten zu einem Krankenhaus der Regelversorgung und 60 Minuten zu einem Krankenhaus der Schwerpunkt- oder Maximalversorgung. Allein diese Tatsache zeigt, dass eine Übernahme der in der Studie simulierten Erkenntnisse in den ländlichen Raum nicht möglich ist. Widersprüchlich wäre dies auch zu den Forderungen der Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse überall“.

Alle drei Standorte des Elbe-Elster Klinikums sind außerdem in die Liste der Krankenhäuser gemäß Paragraf 9 Absatz 1a Nr. 6 (Gesetz über die Entgelte für voll- und teilstationäre Krankenhausleistungen; Sicherstellung) aufgenommen worden und werden damit für Brandenburg als „versorgungsrelevant“ angesehen.

 Top 20 Operationen Elbe-Elster-Klinikum
Top 20 Operationen Elbe-Elster-Klinikum FOTO: LR / Katrin Janetzko

Sicherlich enthält diese Studie auch eine Vielzahl von Hinweisen und Erkenntnissen zur künftigen Entwicklung und weiteren Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung, nur pauschal sollte sie nicht angewandt werden.

Wie hoch sind die Fallzahlen von Operationen/medizinischen Eingriffen? Bitte nennen Sie die am häufigsten getätigten Operationen/Eingriffe (mit Zahlen pro Jahr). Wie hoch ist die Zahl der Komplikationen/Todesfälle?

Michael Neugebauer: Die häufigsten im Klinikum durchgeführten Eingriffe/Behandlungen sind als Tabelle beigefügt. Diese Daten finden sich auch im letzten Qualitätsbericht, der unter www.Qualitätsberichte.de veröffentlicht wurde. Sterblichkeit und Komplikationen sind in dieser Form nicht auswertbar und deshalb auch nicht aufgeführt.

 Das Deckblatt der veröffentlichten Bertelsmann-Studie.
Das Deckblatt der veröffentlichten Bertelsmann-Studie. FOTO: Bertelsmann

Teilen Sie die Behauptung aus der Studie: „Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung.“  Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können, heißt es weiter.

Michael Neugebauer: Die Aussage bezieht sich wieder auf die untersuchte und simulierte Studie in Nordrhein-Westfalen. Ich wüsste nicht, was man in der Versorgungsregion Lausitz beispielsweise noch bündeln sollte, wenn man weiterhin eine flächendeckende Versorgung anstrebt.

Natürlich gibt es Notfälle, die an kleinen Krankenhäusern nicht vollständig behandelt werden können. Dann erfolgen boden- oder luftgestützte Verlegungen in entsprechende medizinische Zentren. Aber oftmals ist eine Stabilisierung in den lokalen Krankenhäusern notwendig, um diese Verlegungen überhaupt vornehmen zu können. Dies ist abhängig von verfügbaren Transportmitteln, Länge der Transportwege, Zustand des Patienten und von den Aufnahmekapazitäten in der weiterversorgenden Klinik etc. Diese oben genannten Zusammenhänge müsste man für die Lausitz simulieren und untersuchen.

Im Übrigen gelten die Qualitätsanforderungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für alle Krankenhäuser. Dies zeigt, dass eine ausgewählte Versorgung an kleineren Krankenhäusern ebenso gut erfolgen kann. Zudem gibt es eine Vielzahl von Regelungen des G-BA, die klar definieren, was vorgehalten werden muss, um die Patienten adäquat zu versorgen.

Wichtig ist die Bereitstellung einer bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung für unsere Region, vor allem auch für die Notfallversorgung. Daher sind im Elbe-Elster Klinikum drei rund um die Uhr ärztlich und pflegerisch besetzte Notaufnahmen mit standardisiert ausgestatteten Schockräumen vorhanden. An jedem Standort besteht jederzeit Operationsbereitschaft, wenn erforderlich. Zur Verbesserung der regionalen Notfallversorgung wurden auch am Standort Elsterwerda zehn Betten extra für eine qualitativ hochwertige medizinische Behandlung des Schlaganfalls ausgestattet. Es bestehen seit Jahren teleradiologische Anbindungen an Zentren, die Mitarbeiter des Bereichs Ärztlicher Direktor und des Bereichs Pflegedirektorin sind entsprechend ausgebildet, wenn erforderlich werden Patienten in Zentren verlegt. In Herzberg beispielsweise gibt es eine Herz-Lungen-Maschine, um Patienten mit multiplen Organversagen zu versorgen, bis diese in ein Zentrum verlegt werden können.

Glauben Sie angesichts des Ärztenetzes in der Fläche, dass ambulante Leistungen den Wegfall auch nur eines Standortes kompensieren könnten?

Michael Neugebauer: Siehe Frage eins. Da kann ich mich erst einmal nur wiederholen. Alle drei Standorte des Elbe-Elster-Klinikums sind in die Liste der „versorgungsrelevanten“ Krankenhäuser Brandenburgs aufgenommen worden. Wir bemühen uns in enger Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten um die medizinische Versorgung der Bevölkerung und haben seit Langem erfolgreiche Modelle entwickelt – ob die nun Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), Ärztehaus oder Poliklinik – wie in der Studie für ländliche Gebiete empfohlen, auch heißen. Mitunter sind die Einrichtungen, so wie in Elsterwerda und Finsterwalde, direkt auf den Krankenhausarealen, also zentral unter einem Dach angesiedelt. Wir unterstützen aber auch den Erhalt von Haus- oder  Facharztpraxen auf dem Land wie zum Beispiel in Sallgast, Großthiemig, Grünewalde, Lauchhammer, Dahme und Massen. In Schipkau, Falkenberg und Herzberg wurden kleinere MVZ mit zwei oder mehr Praxen geschaffen.

Mit Michael Neugebauer sprach Frank Claus.

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