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| 16:11 Uhr

Familien- und Namensgeschichte
Einstige Krieger, Vertriebene und Gesegnete in der Kurstadt

Professor Jürgen Udolph (links) ist im Kreismuseum Bad Liebenwerda regionalen Namen auf die Spur gegangen. Fragen dazu gab es einige.
Professor Jürgen Udolph (links) ist im Kreismuseum Bad Liebenwerda regionalen Namen auf die Spur gegangen. Fragen dazu gab es einige. FOTO: Veit Rösler/vrs1 / Veit Rösler
Bad Liebenwerda. In jedem Namen steckt eine spannende, nicht selten sogar amüsante und manchmal auch bewegende Geschichte, weiß der renommierte Namensforscher Prof. Jürgen Udolph. Von Veit Rösler

Luder – Eleutherius – Luther? In seinem interessanten Vortrag hat der renommierte Namensforscher Prof. Jürgen Udolph im Mitteldeutschen Marionettentheatermuseum Bad Liebenwerda vor einigen Tagen detailreich und humorvoll die Familien- und damit die Namensgeschichte Martin Luthers in ihre einzelnen Segmente zerlegt (die RUNDSCHAU berichtete). Im zweiten Teil des Abends entschlüsselt der Wissenschaftler die Bedeutung und Herkunft von bekannten, aber auch unverständlichen Nachnamen im Raum Bad Liebenwerda.

Die Nachnamen, so Udolph, seien in etwa im 11. und 12. Jahrhundert aufgrund des Bevölkerungswachstums entstanden. Komische, unanständig erscheinende Namen werden in der Regel falsch verstanden, während auf den ersten Blick verständliche Namen nicht selten in die Irre führen. Fest steht: In jedem Namen steckt eine spannende, nicht selten sogar amüsante und manchmal auch bewegende Geschichte. Ein Nonnenmacher zum Beispiel war eine Person, die Schweine kastrierte, diese also zur Nonne machte. Und selbst hinter einfachen Namen können unglaubliche Details stecken, die bis weit in das frühe Mittelalter zurückreichen.

„Für die Bildung von Nachnamen gibt es unterschiedlichste Entstehungsvarianten. Sie können zum Beispiel einen Landstrich, eine geografische Besonderheit oder einen Beruf wiedergeben“, erklärte Prof. Jürgen Udolph. War erst einmal ein Name gefunden, kam es auch später noch auf dessen Schreibweise durch den zuständigen Pfarrer im jeweiligen Ort an, der meist als einziger Mensch schreiben konnte.

Manche Namen gleicher Herkunft wurden schon mal in verschiedensten Variationen in Dokumente und Urkunden aufgeschrieben und somit über die Jahrhunderte verfremdet weiter gegeben. Im Gegensatz dazu konnten Adelige ihren Namen selber schreiben und damit auch selber nach ihrem Willen ändern.

Einige Besucher des Abends ließen sich von Prof. Jürgen Udolph die Entstehung ihres Namens erläutern. Manche Namen werden regionenabhängig entrundet und mit unterschiedlichen Buchstaben geschrieben. Für den Namen Günther aus Prestewitz gebe es in westlichen Bundesländern häufig die Variante ohne das „h“.

Viele Familiennamen in Deutschland gehen zurück auf Ortsnamen. Familiennamen sind daher Zeugen die Geschichte von Völkerwanderungen. Die Endung „ ... wersich“ zum Beispiel im Raum Bad Liebenwerda deute auf Flucht und Vertreibung aus deutschen Ostgebieten hin. Dazu kommt es nur sehr selten zu Wiederholungen des gleichen Namens in einem neuen Besiedelungsgebiet. Der in der Region Elbe-Elster häufig vorkommende Name Donath gehe auf lateinische oder biblische Bezeichnungen zurück, so zum Beispiel auf Donatus für „Der (von Gott) Geschenkte“ in Anlehnung an den biblischen Vornamen Nathan. Der in Bad Liebenwerda und Umgebung vorkommende Name Voigt habe eine kriegerische Herkunft aus dem Raum Russland von Woina für Krieg, was auch im ursprünglichen Namen von Papst Johannes Paul II. Wojtyla zu finden sei. Der ebenfalls hierzulande nicht seltene Name Hildebrand oder Hildenbrand sei ein Doppelname. So habe man zum Teil vor weit über tausend Jahren, um einen Unterschied zu generieren, zum Beispiel nur Teile des Namens ausgetauscht. Aus Hadobrand entstand Hildebrand. Für Außenstehende und selbst für die Träger der Namen selber ergebe das heute kaum noch einen Sinn.

Besucher des Vortrages hatten aber auch noch andere Themen als Fragestellung parat. Cornelia Dietze aus Bad Liebenwerda zum Beispiel wollte wissen, ob es denn zu einer Verdrängung unserer heute bekannten deutschen Namen durch die gegenwärtig stattfindende Flüchtlingsbewegung kommen werde. Die Lehrerin stellte dabei die geringen Geburtenzahlen der einheimischen Bevölkerung den meist kinderreichen Familien aus anderen Kulturkreisen gegenüber. Im Moment sei eine Verdrängung deutscher Namen noch nicht zu erkennen, meinte Prof. Jürgen Udolph.

Nachnamen können unter bestimmten Bedingungen auch geändert werden, wenn der Name zum Beispiel für den Träger eine Belastung darstellt, aber auch, wenn es besonders viele gleiche Namen in einer Region gebe, erklärte der renommierte Namensforscher am Endes seines Besuchs.