Von Manfred Feller

Wenn mitten in der Nacht die Hunde des Schäfers durch lautes Bellen hellhörige Hohenleipischer aus dem Schlaf reißen, dann sucht höchstwahrscheinlich wieder der Wolf nach einer leichten Beute abseits der Wildbestände. Ziegen und Schafe auf den derzeit saftigen Wiesen sind jedoch keine so leichte Mahlzeit mehr, seitdem die Tiere bewacht werden. Also zieht Isegrim hungrig weiter zur nächsten Weide.

Fronten prallen aufeinander

Dass neugierige, unerfahrene, weil junge Wölfe auf der Suche nach einem eigenen Revier auch durch dunkle Dorfstraßen streifen, hält ein erfahrener Jäger aus der Naturparkregion nicht für ausgeschlossen. Seinen Namen möchte er öffentlich nicht nennen. Er hat keine Lust darauf, zwischen die Fronten von absoluten Wolfsbefürwortern und Kritikern der zunehmenden Raubtierpopulation zu geraten. „Ich bin für den Wolf, aber der Bestand muss angesichts der wachsenden Anzahl von vielleicht 30 Prozent in jedem Jahr reguliert werden“, ist der jahrzehntelange Jagdmann überzeugt.

Zu dem kursierenden Wolfsfoto aus der Straße Reesberg in Hohenleipisch hat er eine klare Meinung: „Ohne DNA-Test sage ich nichts.“ Es habe schon zu viele vorschnelle Urteile gegeben.

Für einige Hohenleipischer scheint jedoch festzustehen, dass dies ein wildes Raubtier ist, das in einer Wohngegend nichts zu suchen hat. Eine Mutter, die das Foto vom Reesberg zugeschickt bekam, macht sich Sorgen: „In der näheren Umgebung wohnen 19 Kinder.“

Mehrere Merkmale für Identifizierung notwendig

Wie der Jäger, so will sich auch Uwe Lewandowski, Leiter der Oberförsterei Hohenleipisch, nicht aufs Glatteis begeben und rät zu einem Experten. Er habe aus der Entfernung bereits den einen oder anderen Wolf gesehen. „Ein junger Wolf ist nicht auszuschließen“, bemerkt er beim Blick auf das qualitativ schlechte Foto. „Am besten identifizierbar ist ein Tier, wenn mehrere Merkmale gleichzeitig vorliegen“, sagt er. Ein solches wäre die „geschnurte Spur“ des Wolfes. Das heißt, diese bildet eine Linie, während die des Hundes verschränkt sei.

Die Suche nach dem vermeintlichen Wolf in Hohenleipisch führt an viele Haustüren rund um den Reesberg. Könnte es auch ein ähnlich aussehender Hund sein? Ein junges Paar will ein wolfsähnliches Tier gesehen haben. „Aus der Ferne könnte es aber auch ein Husky gewesen sein“, heißt es.

Ihre Konsequenzen aus den realen und vermuteten Wolfssichtungen um Hohenleipisch hat eine Frau aus einem der Eigenheime am Rande des Dorfes gezogen: „Abends gehe ich nicht mehr raus.“

Angstfrei ist dagegen Rentner Otto Förster. Er war nach eigenen Angaben etwa 60 Jahre Jäger. „Aus Richtung der Grube Gotthold, wo ein Rudel sein soll, habe ich vor längerer Zeit ein Tier auf die Siedlung zukommen sehen“, erinnert er sich. Und vor zwei Jahren habe er am Pfaffenberg ein totes Reh ohne Kopf entdeckt. „So was macht nur der Wolf“, ist er überzeugt und bittet später wiederzukommen, weil er die Lösung für den angeblichen Wolf am Reesberg kennt.

Hunde halten Abstand zu Fremden

Bald darauf hat sein Sohn Heiko Förster Feierabend und ist zu Hause. Mit Ankündigung lässt er seine beiden Hunde auf den Hof. Werden sie den fremden Gast sofort umrennen? Doch Heiko Förster behält recht: „Die junge Hündin hält Abstand zu unbekannten Menschen.“ Für beide Tiere ist der Ankömmling scheinbar Luft. Erst nach ein paar freudig gelaufenen Hofrunden kommt die zehnjährige Belgische Schäferhündin Joyce, ein stattliches Exemplar, nur kurz schnuppern.

Die andere Hündin ist Freya – ein Tschechoslowakischer Wolfhund und fast sechs Monate jung. Die Zeichnung auf dem Fell stimmt mit dem Foto überein. Dieses verspielte Tier, das bald ausgebildet werden soll, ist also der gesichtete Wolf. „Freya ist auf Menschen bezogen, treu und scheu“, beschreibt sie Heiko Förster und tollt mit beiden herum. Das kursierende Bild sei wohl entstanden, als Freya eines späten Abends kurz ausgebüchst sei.

Der viel herumkommende Jäger, der bei der Identifizierung von Wölfen den DNA-Test sehen will, versichert, nie davon gehört zu haben, dass ein Wolf in Hohenleipisch oder einem Nachbarort je in einer Wohnsiedlung gesehen worden sein soll. Selbst wenn, sieht er absolut keine Gefahr, auch nicht für Kinder: „Der Wolf geht Menschen immer aus dem Weg. Er greift nur an, wenn er in die Enge trieben wird und keine Fluchtmöglichkeit hat.“ In diesem Sinne sollte keine Stimmung gegen dieses Raubtier gemacht werden

Noch sei genügend Wild für den Wolf da. „Trotzdem sucht er immer wieder Nutztiere, weil sie eine leichte Beute sind“, sagt er und fragt sich, wie Schäfer angesichts der lediglich anteiligen Hilfe des Staates auf Dauer überleben werden können.

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