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Eine Stele, die Einzelschicksalen gewidmet ist

Petra Falkenberg aus Berlin (l.) und Doris Korb aus Neuburxdorf, Verwandte ehemaliger Häftlinge, enthüllten Stele Nummer 18 am Informationspfad im Lager Mühlberg. Foto: Frank Claus
Petra Falkenberg aus Berlin (l.) und Doris Korb aus Neuburxdorf, Verwandte ehemaliger Häftlinge, enthüllten Stele Nummer 18 am Informationspfad im Lager Mühlberg. Foto: Frank Claus FOTO: Frank Claus
Mühlberg. Der Heimatverein Neuburxdorf hat am vergangenen Sonnabend den 17 vorhandenen Stelen am Infopfad im ehemaligen Kriegsgefangenen- und späteren Internierungslager in Mühlberg eine 18. hinzugefügt. In seiner gefühlvollen Rede, die hier in weiten Teilen wiedergegeben wird, sagt Heimatvereinsvorsitzender Thomas Böhm, warum die Einheimischen so darum gekämpft haben. red/fc

Das Sonnenlicht schillert durch bunt gefärbte Blätter der Bäume in einem malerischen Waldstück. Der Herbst hat ganze Arbeit geleistet und taucht die Landschaft in ein zauberhaftes Licht. Dieses bricht sich in einer Stele. 17 Stück davon sind bereits im Wald zu finden. Wendet man ihnen seine Aufmerksamkeit zu, scheinen die Farben nicht mehr so hell und bunt zu sein.

Die Stelen zeugen von der traurigen Vergangenheit des Waldstückes. Einst, als die Bäume fast alle noch nicht da waren, wurden an diesem Ort Menschen eingesperrt und mussten unter unwürdigen Bedingungen leben oder besser gesagt dahin vegetieren.

Während des Zweiten Weltkrieges errichtet, diente dieses Lager zunächst als Kriegsgefangenenlager. Soldaten vieler Nationen mussten hier auf das Ende eines grausamen Krieges warten, und nicht alle sollten ihre Heimat wiedersehen. Die Bedingungen im Lager waren katastrophal, und besonders schlecht traf es die sowjetischen Kriegsgefangenen. Auf dem nahe gelegenen Soldatenfriedhof in Neuburxdorf sind die Namen all derer verzeichnet, die nie wieder die Sonne in ihrer Heimat sahen.

Nach 1945 sollten die Grausamkeiten kein Ende nehmen. Unter der Obrigkeit des sowjetischen NKWD wurde das Lager zur Internierung deutscher Zivilisten genutzt. Meist ohne Gerichtsurteil und willkürlich verhaftet, fristeten sie ein menschenunwürdiges Dasein und auch hier starben etwa 7000 Gefangene. Sie verhungerten oder starben an ihren Krankheiten oder an den desolaten hygienischen Bedingungen. Auch ihre Namen sind inzwischen auf dem Weg zum Hochkreuz verzeichnet.

Die 17 Stelen geben einen Abriss der Geschichte des Lagers vor und nach 1945 wieder. Sie zeigen anschaulich wie zwei Zeiten, zwei Regime, die unterschiedlicher nicht sein konnten und doch beide für den einzelnen Menschen grausam waren, an einem Ort aufeinander treffen und gemeinsam verarbeitet werden müssen. Sie schreiben ein Stück der dunkelsten Geschichte in unserer Heimat nieder und sie bewahren das Gedenken an die Leiden derer, die hier eingesperrt waren. Dieser Ort mit seinem Informationspfad, der seine Weiterführung im Heimatmuseum Mühlberg findet, soll uns und die kommenden Generationen mahnen, welches Leid Menschen einander angetan haben. Es ist ein Ort wider des Vergessens. (…)

Der Neuburxdorfer Heimatverein hat sich einigen dieser Einzelschicksale verschrieben und möchte ihnen diese 18. Stele widmen. Da ist zum Beispiel der russische Kriegsgefangene Michail Wasilewitsch Schidkow. Er war als Landarbeiter bei der Familie Kanitz in Neuburxdorf in Stellung. Im September 1944 gelang ihm mit einem Mitgefangenen die Flucht. Sie wurden getrennt und Schidkow traf nach Monaten entbehrungsreicher Flucht Mitte Januar 1945 in der Gegend von Lodz, schwer verletzt, auf russische Einheiten. Michail Schidkow studierte nach Kriegsende in seiner Heimat Medizin und wurde später Chefarzt in einer Lipezker Klinik. In einem Brief an Familie Kanitz schreibt er: "Ich erinnere mich der Güte, die sie und ihre Familie für mich und andere aufbrachten." In seinem Brief schreibt er ebenfalls von Familie Schneiderhan, zu der er geschickt wurde. Nachkommen der Familie sind heute zugegen. Leider verstarb Michail Schidkow im Jahr 2002. "Wir haben jedoch über Bernd-Jürgen Fritsch Kontakt zu seiner Tochter. Sie möchte uns mit ihrem Mann im Juni 2013 besuchen", so Thomas Böhm vom Heimatverein. Oder das Schicksal des Langenriether Lehrers Walter Mühle. Er kam im Sommer 1945 im Alter von 54 Jahren ins damalige Internierungslager des NKWD. Er konnte den Kirchturm seines Heimatdorfes sehen und hörte jeden Tag die Glocken läuten. Er war seiner Familie so nah und sollte sie doch nie wieder sehen. Walter Mühle starb am 2. Juli 1948 hier im Lager.

Eng verbunden mit dem Internierungslager ist auch die Geschichte der Neuburxdorfer Gastwirtin Senta Bruder. Als 1990 das erste Lagertreffen stattfand, war ihr Name in vieler Munde. "Leider war sie inzwischen verstorben und konnte von der Achtung, die man ihr entgegen gebrachte, nichts mehr vernehmen. Wir freuen uns, dass wir mit Frau Falkenberg aus Berlin, Frau Korb aus Neuburxdorf sowie Frau Röck aus Neuburxdorf nahe Verwandte von ihr begrüßen dürfen. Frau Bruder ist es zu verdanken, dass zahlreiche daheim Wartende von ihren im Lager internierten Angehörigen Nachrichten bekamen. Über sowjetische Offiziere gelangten Kassiber zu ihr und Frau Bruder leitete die Nachrichten an die Angehörigen weiter. In der damaligen Zeit eine nicht ganz ungefährliche Tätigkeit. Konnte sie sich sicher sein, dass ihr nicht eine Falle gestellt wurde und sie selbst ins Lager gebracht worden wäre? Zum Glück ist dies alles gut gegangen und sie konnte vielen Menschen mit ihren Nachrichten etwas Hoffnung bringen", so Thomas Böhm weiter.

Nachrichten weitergeleitet hat ebenso Ida Manig aus Mühlberg. Böhm in seiner Rede: "(…) inzwischen sind 64 Jahre vergangen seit der letzte Gefangene aus dem Lager Mühlberg in Freiheit entlassen wurde. Das ehemalige Lager hat jedoch als Gedenkstätte nicht an Aktualität verloren. Regelmäßig sind im Lager Angehörige von ehemaligen Kriegsgefangenen und Internierten anzutreffen, teilweise noch in Begleitung von ehemaligen Gefangenen. Sie versuchen hier Spuren ihrer Geschichte zu finden. Sie wollen ihr Leben beziehungsweise das ihrer Angehörigen aufarbeiten, sie wollen verstehen, was damals geschah und warum es so geschah. (…) Der Wald mit seinen Stelen macht uns nachdenklich und er mahnt uns. Wir wollen die Vergangenheit nicht vergessen. Das, was damals in beiden Regimen geschah, darf keine Wiederholung finden. Wir wollen für unsere Kinder und Enkel eine frohe Zukunft bauen. Ich glaube, nun scheint die Sonne schon wieder ein wenig heller durch das bunte Blätterdach."