Auf den ersten Blick erweckt die gut einen Meter große Figur, mit einer Halterung an der Südseite des Gotteshauses angebracht, einen traurigen Eindruck. Dem mit viel Liebe fürs Detail aus einem Stück Holz ge- fertigten Torso sind über die vielen Generationen auf Dachböden und in Museumslagern beide Arme abhanden gekommen. Verschwunden ist auch das Taufbecken, das der Engel einst an einem Seil "schwebend" in den Händen hielt. Anders als die vor Monaten noch lädierte Kniescheibe und der gewaltige Trockenriss, die dank der Spende einer ehemaligen Bürgerin von Elsterwerda unlängst restauriert werden konnten, ist ein Fuß noch stark beschädigt.

"Wir sind trotzdem froh und glücklich, dass wir unseren Taufengel wieder bei uns haben. Ein Schmuckstück mehr, das unsere Kirche bereichert", sagt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Klaus Schmidtchen. Der 70-jährige, rührige Elsterwerdaer Uhrmachermeister verbindet wichtige Etappen seines Lebens mit St. Katharina im historischen Stadtkern seiner Heimatstadt. Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Ort des jahrzehntelangen, ehrenamtlichen Wirkens - das Gotteshaus als als Mittelpunkt.

Ältester Teil ist die SakristeiEine Kirche, da sind sich Stadthistoriker einig, muss es schon zu Zeiten der Ersterwähnung des beschaulichen Städtchens an der Schwarzen Elster gegeben haben. So ist in der ersten bekannten Urkunde von 1211 von einem "Rudolfus, Priester von Elsterwerden" die Rede. Eine Pfarrkirche wird erstmals 1311 erwähnt. Etwa aus dieser Zeit, eventuell einige Jahrzehnte später, stammt auch die Sakristei samt ansehnlichem Kreuzgewölbe, die auf der Nordseite bis heute erhalten geblieben sind. Die Kirche, wie sie sich heute ihrem Be- trachter zeigt, wurde in der Zeit zwi- schen 1708 und 1718 neu errichtet, nachdem sie 1694 bei einem verheerenden Stadtfeuer (nicht zum ersten Male) weitgehend niederbrannte. "Wie 1594 ist auch dieser Brand von meinem heutigen Geschäftshaus ausgegangen. Die Magd soll mit offenem Feuer ins Stroh gegangen sein", lässt Klaus Schmidtchen mit verschmitztem Lächeln durchblicken. Glücklicherweise werde in der traditionsreichen Uhrmacherwerkstatt an der Ecke Wiesenstraße/Engels-Straße nicht mit offenem Feuer gearbeitet.

Offenbar nicht lange im Einsatz Die Ankunft des hölzernen Taufengels, der bei Bedarf mit Seil und Winde durch ein Loch im Hauptbalken des Dachstuhls von der Decke gelassen werden konnte, wird laut Archiv auf den Zeitpunkt der Kirchweihe im Jahr 1718 beziffert. Über eine lange Zeit scheint er jedoch nicht zu den Täuflingen herabgeschwebt zu sein. Als Gutsherr Freiherr von Löwendahl in den 1720er-Jahren die Restaurierung des Kircheninneren anging, wich mit dem damals dreiflügligen, hölzernen Altar (der noch heute in Tröbitz steht) auch der Taufengel. "Mit unserem spätbarocken, großen Kanzelaltar passte das nicht mehr zusammen. Also verschwand der Taufengel wohl erst für viele, viele Jahre auf dem Kirchenboden und später auf dem des Museums in Bad Liebenwerda", so Klaus Schmidtchen, der erst vor wenigen Jahren durch eine Ausstellung in Magdeburg auf die Figur aufmerksam geworden war. In der Vorbereitung einer Taufmesse in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt erinnerte man sich im Kurstädter Museum des verstaubten und mächtig lädierten Engels und schickte ihn auf Reisen.

Als sich ihm nach der Ausstellung eine Buchhändlerin annahm und mit Spendengeldern Erhaltungsarbeiten vornehmen ließ, war der Weg für eine Rückkehr nach Elsterwerda geebnet. Auf Initiative einer großzügigen Spenderin, die sich während des Gottesdienstes zu ihrer Goldenen Konfirmation in den Torso "verguckte", folgten in diesem Jahr weiterführende Reparaturen. Seit einigen Wochen nun beobachtet der Taufengel von St. Katharina Gottesdienste und Konzerte von seinem neuen Platz links neben dem Betstübchen aus der Erbauerzeit der Kirche.

Auf die Frage nach den verloren gegangenen Armen und Händen, die einst ein Becken unbekannten Materials festhielten, macht der Gemeindekirchenratsvorsitzende wenig Hoffnung, dass sich der Urzustand jemals wieder herstellen lassen wird.

"Wir wissen schlicht nicht, wie der Engel komplett ausgesehen hat und verzichten deshalb auf neue Arme", erklärt Schmidtchen, der sich einen chirurgischen Eingriff lediglich noch am "verletzten Fuß" vorstellen kann. Dazu wäre es aber eine weitere Spende nötig. Vielleicht verguckt sich ja noch mal jemand in den heimgekehrten Elsterwerdaer Taufengel. Am heutigen Heiligen Abend gibt's gleich dreimal die Möglichkeit dazu. Um 16 Uhr (mit Krippenspiel), 20 Uhr (Christvesper) und 22 Uhr (Christnacht) gibt es ganz besinnliche Gelegenheiten dazu.