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Drogenfreigabe wird abgelehnt
Suchtberater in Elbe-Elster warnen vor Cannabis

Eine Tüte zur Entspannung gegen den Alltagsstress. Doch dabei bleibt es nach Ansicht der Suchtberater oft nicht.
Eine Tüte zur Entspannung gegen den Alltagsstress. Doch dabei bleibt es nach Ansicht der Suchtberater oft nicht. FOTO: Oliver Berg / dpa
Bad Liebenwerda. Für die Fachleute in Elbe-Elster ist nach Alkohol der Joint der Einstieg in die harten illegalen Drogen. Von Manfred Feller

Die Polizei in Elbe-Elster lehnt die Freigabe von Cannabis ab. Sie hat nach eigenen Angaben bereits genug zu tun mit den ihr namentlich bekannten 650 bis 700 Drogenkonsumenten im Landkreis (die RUNDSCHAU berichtete). Auf der anderen Seite würden viele kleine Drogenstraftaten aus der Statistik fallen und müssten nicht vor Gericht verhandelt werden.

Selbst mit dieser Begründung halten auch die Suchtberater der Ausweg gGmbH mit Beratungsstellen in Bad Liebenwerda, Finsterwalde, Herzberg und Elsterwerda rein gar nichts von dem freien Verkauf dieser Einstiegsdroge. „Als Beratungs- und Behandlungsstelle sind wir klar gegen die Legalisierung“, sagt Geschäftsführerin Ilona Jänisch.

Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen müssen es wissen. Beinahe täglich spielen sich vor ihren Augen Dramen ab. In nicht wenigen Fällen haben legale und illegale Drogen Menschen zu psychischen und physischen Wracks gemacht, die allein nichts auf die Reihe bekommen.

Für Beratung und Behandlung stehen lediglich 2,8 Vollzeitstellen zur Verfügung. Dahinter stehen Diplom-Sozialpädagogen mit suchttherapeutischer Zusatzausbildung. 2017 wurde um 0,8 Stellen aufgestockt, um den wachsenden Beratungsbedarf der Crystal-Meth-Konsumenten abzufangen. Land und Kreis haben die Finanzierung bis einschließlich 2018 gesichert. „Dies muss weitergeführt werden“, appelliert Ilona Jänisch an die Geldgeber.

Der Joint zum Feierabend ist schnell gedreht. Nicht jeder hat seinen Cannabiskonsum unter Kontrolle.
Der Joint zum Feierabend ist schnell gedreht. Nicht jeder hat seinen Cannabiskonsum unter Kontrolle. FOTO: Britta Pedersen / dpa

Mehr als 100 Personen würden jedes Jahr Hilfe suchen. Tendenz steigend. „Nicht wenige kommen aus eigenem Antrieb, weil sie die ständige Jagd nach Geld für ihre Drogen nicht mehr aushalten“, beschreibt die Geschäftsführerin den Leidensdruck. „Oder wenn Konsequenzen wie der Führerscheinentzug drohen“, ergänzt Suchtberaterin Janine Dietrich. Aber auch Familie, Freunde und Arbeitgeber drängen die Betroffenen in die Beratung, wenn sich Konflikte häufen. Den Weg dorthin müssen sie selber finden.

Die meisten Rat Suchenden seien nach wir vor Alkoholabhängige. Sie machen etwa 50 Prozent aus. „Zugenommen hat die Glücksspielsucht, bei der Geld eingesetzt wird, und besonders der Konsum illegaler Drogen“, weiß Ilona Jänisch aus dem Alltag der Suchtberater. Daneben habe man durchaus auch mit PC-Spiel- und der Internetsucht zu tun.

Der Alkoholmissbrauch betreffe alle Altersgruppen. Cannabis, Haschisch, Methamphetamine und Co nehmen vor allem die bis zu 40-Jährigen. „Bei jeder Droge finden sich Menschen aus allen sozialen Schichten. Zu uns kommen mehr Männer als Frauen, die ebenfalls konsumieren. Es gibt Konsumenten, die bereits mit 20 Jahren alkoholabhängig sind“, so Ilona Jänisch. Andere bräuchten bei ähnlichen Mengen oder je nach Drogenkombination länger, ehe nichts mehr geht. „Jemand ist süchtig, wenn er eine Droge regelmäßig nimmt und diese eine bestimmte Funktion in seinem Leben erfüllt“, so die Fachfrau. Ständiger Alkoholgenuss in gewissen Mengen eingeschlossen.

Beim Blick auf das Einstiegsalter von Konsumenten verbietet sich aus Sicht der Suchtberater jeder Gedanke in Richtung der Cannabisfreigabe. Mit Nikotin und Alkohol kämen vielfach bereits 13-Jährige in Kontakt, weiß Janine Dietrich, Suchtberaterin bei der Ausweg gGmbH. Das sind Schüler der 6. und 7. Klassenstufe. Zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr folge der erste Kontakt mit Cannabis - also der Joint nach der Schule. Dies sei für den erwarteten, noch größeren Kick der Einstieg zum Beispiel in Amphetamine und die noch gefährlicheren Methamphetamine. Konsumiert werde oft unter Gleichaltigen, zumeist männlichen Jugendlichen.

„Was man will, erhält man auch“, bekommen die Suchtberater immer wieder zu hören. Das heißt nichts anderes, als dass es auch illegale Drogen überall im Landkreis zu kaufen gibt.

Die Suchtberater begleiten und unterstützen die Betreffenden, vermitteln Kontakte, benennen Kliniken und helfen, die raren Plätze in Therapieeinrichtungen zu bekommen. „Die Entgiftung sollte nahtlos in die Therapie übergehen. Doch das dauert bis zu drei Monate“, bedauert Janine Dietrich. Die Gefahr sei groß, dass die Klienten rückfällig werden. Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit werden zum Beispiel in Bad Liebenwerda therapiert, die Abhängigkeit von illegalen Drogen in Weinböhla und Mittenwalde. Ideal sei zwischen Entgiftung und Therapie die neue angeleitete Klinikgruppe in Finsterwalde oder für Angehörige die Selbsthilfegruppe in der Sängerstadt. Rückmeldungen von ehemaligen Klienten seien leider selten.