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| 18:55 Uhr

Für Kinder und Senioren auf Achse
Manchmal muss der Osterhase weinen

 Ganz geheuer kommt dem vierjährigen Gino aus Elsterwerda, hier mit seiner Mutti Mandy Schaffer, diese Szene nicht vor. Gleich von zwei überlebensgroßen Osterhasen wird er umzingelt und beschenkt.
Ganz geheuer kommt dem vierjährigen Gino aus Elsterwerda, hier mit seiner Mutti Mandy Schaffer, diese Szene nicht vor. Gleich von zwei überlebensgroßen Osterhasen wird er umzingelt und beschenkt. FOTO: LR / Manfred Feller
Hirschfeld. Was für eine Leistung! Karina Melzer-Wetzig begleitet als Osterhäsin ihren Vater Dieter aus Hirschfeld seit 30 Jahren. Beim Freudeschenken legen beide jedes Jahr zum Fest Hunderte Kilometer zurück. Von Manfred Feller

Als Osterhäsin vom Dienst hat Karina Melzer-Wetzig in den nun genau 30 Jahren an der Seite ihres Osterhasen-Vaters schon so manch eine rührende Szene erlebt: sich unbändig freuende Steppkes in Kitas und herzergreifend umarmende Senioren in einem Altenheim. Doch eines möchte ihr Vater Dieter Melzer, der seit jetzt 51 Jahren in der Woche davor und zu Ostern im schweißtreibenden Fellkostüm steckt, nicht zumuten. Das sind seine Besuche in Kliniken in Cottbus und Dresden mit schwer kranken Kindern, die nicht selten mit dem Tod ringen.

Zu Besuch bei schwer kranken Kindern

„Es ist für mich, der ich selbst Enkel habe, sehr emotional, wenn ich Kinder sehe, die mit Maschinen verkabelt sind. Die hoffenden Eltern sitzen neben dem Bett. Und dann dieser Lebensmut, die Dankbarkeit für meinen Besuch. Da habe ich als Osterhase zum ersten Mal geheult“, gibt der 70-Jährige unumwunden zu. „Nach solchen Erlebnissen habe ich noch Tage danach zu kämpfen.“ Dennoch möchte er diese „schwersten Gänge“ jedes Jahr zu Ostern, für die er sich stets aufs Neue selbst anmeldet, nicht missen. Es gebe nichts Schöneres, als Freude zu schenken.

Die Idee, auch Krankenhäuser zu besuchen, kam den Hirschfeldern, als sie hörten, dass Clowns an Krankenbetten für ein paar Minuten die oft traurige Lebenswirklichkeit vergessen machen.

 Der streichelzahme Osterhase Dieter Melzer zaubert Kindern in der Lauchhammeraner Klinik ein Lächeln ins Gesicht. In anderen Krankenhäusern mit einer Kinderkrebsstation kommen ihm angesichts der schlimmen Schicksale die Tränen. Der aufgesetzte Hasenkopf verbirgt dies.
Der streichelzahme Osterhase Dieter Melzer zaubert Kindern in der Lauchhammeraner Klinik ein Lächeln ins Gesicht. In anderen Krankenhäusern mit einer Kinderkrebsstation kommen ihm angesichts der schlimmen Schicksale die Tränen. Der aufgesetzte Hasenkopf verbirgt dies. FOTO: Klinikum Niederlausitz/Steffen R

Dankbare Senioren

Rührend seien auch die herzlichen Begegnungen mit alten Menschen. „Eine 86-jährige Frau aus Cottbus strahlte vor Freude. ,Ich musste so alt werden, um endlich den Osterhasen zu sehen’, sagte sie“, erinnert sich Karina Melzer-Wetzig. Die Dame begann sofort, Gedichte aus ihrer Kindheit aufzusagen. Die beiden Hasen waren sprachlos.

Das ganze Gegenteil erlebten die Hirschfelder in einem Heim außerhalb von Elbe-Elster. Sie sahen viele gut gelaunte Senioren, aber auch das: „Da liegt ein Häufchen Elend im Bett. Das Zimmer ist dunkel, obwohl es draußen hell ist“, ringt Dieter Melzer nach Worten. „Das war einfach nur schlimm“, ergänzt seine Tochter. Beide erwähnen auch solche traurigen Erlebnisse, weil Ostern wie Weihnachten keineswegs für alle Menschen ein glückliches Familienfest sei.

„Als Osterhase ist man aber auch ein Geheimnisträger“, weiß Dieter Melzer nicht so recht, ob er schmunzeln oder ernst bleiben soll. Fest stehe: Für Kinder seien die Hirschfelder Langohren die absoluten Vertrauenspersonen, denen man alles erzählen kann. „Ein Kind sagte mir mal: ,Wenn Vati getrunken hat, dann darf er nicht zu Mutti ins Bett.’ Ein anderes verriet mir, dass zu Hause ein Baby erwartet wird, von dem im Umfeld noch niemand etwas wusste“, hat Dieter Melzer dieses Geheimnis bis zu diesem Beitrag für sich behalten.

Als Osterhase schon eigene Kinder beschenkt

Auch die 42-jährige Karina Melzer-Wetzig, sie arbeitet als Zahnarzthelferin in Elsterwerda, hat wie ihre Schwester lange an den Osterhasen geglaubt, gibt sie zu. Ihr Vater habe dies auch befördert. Die Geschenke habe er stets im Kostüm überbracht. Damit die Kleinen nicht bemerken, dass er aus dem Haus geht, sei er aus dem Badfenster hinaus- und wieder hineingeklettert.

Dieter Melzer, der selbst mit dem seit 1951 existierenden Hirschfelder Osterhasen aufgewachsen ist und den seine Oma später auf den Hasentrip gebracht hat, hatte sich immer eine eigene Hasenfamilie gewünscht.

Seine Tochter Karina machte vor 30 Jahren den Anfang, ihre Söhne, seine Enkel Lukas (15) und Laurens (11), folgten. Denn immer wieder wurde er zuvor von den Kindern gefragt: „Osterhase, hast du auch Kinder?“ „,Die sind in der Osterhasenschule oder beim Eiermalen’, habe ich mich stets herausgeredet“, erinnert er sich. Auch sonst sei die Familie in das ehrenamtliche und damit defizitäre Ostergeschäft voll eingebunden. Seine Frau kümmere sich um Versorgung und Wäsche, Schwiegersohn Steffen um den Hasenfuhrpark mit dem frühlingsgrünen Berliner Roller samt Anhänger und um die grüne Schwalbe als Ersatzfahrzeug.

Hunderte Kilometer auf Achse

Auch das ist bemerkenswert: Eine Woche vor Ostern nimmt Tochter Karina Urlaub. Dann sind die Hasen bis zu 800 Kilometer auf eigene Kosten unterwegs. „Seit 51 Jahren haben wir mit der Familie nie richtig Ostern gefeiert, weil ich und später wir nur für andere unterwegs sind“, so Dieter Melzer. Alle warten sie – ob im Schradenland oder bei der Tour am Ostersonntag über die Dörfer bis Lampertswalde. Manch einer rufe gar empört an, wenn der Hase ausbleibt, eine Panne hat oder bei Eiseskälte, wie schon geschehen, umkehren muss. „So lange die Gesundheit mitspielt, mache ich weiter“, verspricht der Hirschfelder. Freuen würde sich die Hasenfamilie über mehr süße Sachspenden für ihre Touren. „Eine Rechnung habe ich nie aufgemacht“, wehrt Dieter Melzer ab, wie viel er jedes Jahr selbst dazu gibt, um anderen Menschen eine Freude zu bereiten.