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| 21:10 Uhr

Vorort-Termin in Hohenleipisch
Es knistert im Asylbewerberheim

 Eigentlich großzügig und idyllisch gelegen: das Asylbewerberheim Hohenleipisch. Die Bewohner fühlen sich isoliert.
Eigentlich großzügig und idyllisch gelegen: das Asylbewerberheim Hohenleipisch. Die Bewohner fühlen sich isoliert. FOTO: LR / Frank Claus
Hohenleipisch. Idyllisch, großzügig, ruhig – das ist die eine Sicht. Langweilig, isoliert, eingesperrt die andere. Zum wiederholten Mal haben sich Bewohner des Asylbewerberheims über die Bedingungen in Hohenleipisch beschwert. Diesmal in einem offenen Brief. Der Tod einer Kenianerin bringt zusätzliche Unruhe. Von Frank Claus

Es ist nicht das erste Mal, dass Bewohner des Asylbewerberheimes in Hohenleipisch öffentlich die Lage und das Leben im Heim kritisieren. Fast schon gebetsmühlen­artig antwortet der Landkreis, der Teile der ehemaligen Russenkaserne bis 2025 von dem indischen Besitzer gemietet hat, dass alle Standards erfüllt seien. 122 Asylbewerber aus 18 Nationen, von weiteren fünf Bewohnern ist die Herkunft ungeklärt, leben gegenwärtig im Heim. Im Auftrag des Landkreises betreibt die Human Care GmbH seit 2013 das Heim bis Ende dieses Jahres. Der Landkreis schreibt gerade für ein Jahr mit Option auf Verlängerung neu aus. Das Unternehmen aus Sottrum (Niedersachsen) hat sich wieder beworben. In einem öffentlichen Brief machen die Bewohner auf ihre Situation in Hohenleipisch aufmerksam. Da ist von Isolierung im Wald die Rede, von Verkehrsmitteln, die nur bis 17.30 Uhr fahren, einem acht Kilometer entfernten Supermarkt, sehr alten Gebäuden. Teils sei es dreckig, gäbe es Insekten, rieche es unangenehm, würden Freizeitmöglichkeiten fehlen. „Das Leben in diesem Heim erinnert an ein Gefängnis (...)“, steht im Brief geschrieben und am Ende sind Fragen formuliert: „Wie können sich Menschen integrieren, wenn sie 24 Stunden am Tag im Wald sind? Wie kann man Deutsch lernen, wenn wir keine Deutschen zu Gesicht bekommen und nicht hören, wie sie sprechen?“

Landrat Christian Heinrich-Jaschinksi beeilt sich am Freitag beim Vorort-Termin, die Schilderungen zu versachlichen. „Im Asylbewerberheim Hohenleipisch lebt ein Klientel von Menschen mit keiner oder sehr geringer Bleibeperspektive.“ In nahezu allen Fällen laufe das Asylverfahren. Da wird der Landrat dann auch sehr kritisch zum Asylrecht in Deutschland: Die Verfahren würden ewig dauern und am Ende auf dem Rücken der Kommunen ausgetragen. 23 Jahre lebt ein Inder bereits in Hohenleipisch. Die durchschnittliche Verweildauer eines Bewohners kann oder will Sahar Hesselbarth von der Geschäftsführung von Human Care nicht sagen, räumt aber ein, dass das oft Jahre seien.

 Im Gespräch mit dem Inder Singh Sukh Dev, der seit 23 Jahren im Heim lebt
Im Gespräch mit dem Inder Singh Sukh Dev, der seit 23 Jahren im Heim lebt FOTO: LR / Frank Claus

Familien mit Kindern haben in Hohenleipisch größere Räume. Die Mehrheit der Zimmer, so zeigen die Beschriftungen auf den Fluren der Baracken, sind zwischen 15 und 20 Quadratmeter groß. „In Hohenleipisch leben die Bewohner großzügig, in Hamburg leben oft drei und mehr in einem Zimmer“, sagt Sahar Hesselbarth.

Auf dem Flur kritisieren Bewohner aus der autonomen Republik Inguschetien (Russland), „dass im Heim immer nur gereinigt wird, wenn Kontrollen kommen.“ Die Geschäftsführerin bestreitet das, verweist auf eine Reinigungskraft, die 40 Stunden in der Woche in den Gemeinschaftsräumen für Ordnung sorge. „Für ihre privaten Zimmer sind die Bewohner selbst zuständig“, sagt Sahar Hesselbarth und weiß, dass es beim Kochen, Lüften und Ordnunghalten immer wieder Probleme gibt. Regelmäßig gäbe es Überprüfungen des Hygienezustandes. Sie zeigt den großen Kinderspielplatz und berichtet von Freizeitangeboten, die allerdings zögerlich angenommen würden. Sozialarbeiter bestätigen, dass es unter Bewohnern mit langer Aufenthaltsdauer durchaus so etwas wie einen Lagerkoller gäbe. Der Landrat würdigt das Engagement der Sozialarbeiter. Der Schlüssel sei in Hohenleipisch von einst 1:80 auf jetzt 1:40 aufgestockt worden.

 Sahar Hesselbarth von der Geschäftsführung der Human-Care GmbH an den Infotafeln.
Sahar Hesselbarth von der Geschäftsführung der Human-Care GmbH an den Infotafeln. FOTO: LR / Frank Claus

Die Geschäftsführerin glaubt, dass die Unzufriedenheit oft daraus resultiere, dass die Bewohner wegen ihres ungeklärten Aufenthaltsstatus meist sehr lange auf eigene Wohnungen warten müssten, die sie zumeist auch immer in Großstädten beziehen möchten. Bevor ihr Status nicht geklärt sei, blieben viele weitere Fragen offen. Sie teilt nicht die vom Flüchtlingsrat geteilte Behauptung, in Hohenleipisch gäbe es ein Klima der Angst. Auch nicht nach dem bislang ungeklärten, gewaltsamen Tod einer 32-jährigen Kenianerin. Die Leichenteile der Mutter zweier kleiner Kinder waren Ende Juni unweit des Heimes gefunden worden. „Das hat uns alle erschüttert. Aber wir wissen nicht, wer der Mörder ist und vertrauen auf die Polizei“, sagt Sahar Hesselbarth. Im offenen Brief heißt es hingegen: „Wir alle haben sehr viel Angst, hier zu leben, da es auch möglich ist, dass ihr Mörder unter uns im Heim lebt.“ Die Organisationen Woman in Exile und der Flüchtlingsrat Brandenburg fordern weiter die Schließung des Asylbewerberheimes.

 Das ist eine von zwei sanierten Unterkunftsbaracken im Asylbewerberheim in Hohenleipisch.
Das ist eine von zwei sanierten Unterkunftsbaracken im Asylbewerberheim in Hohenleipisch. FOTO: LR / Frank Claus
 Sahar Hesselbarth von der Human-Care-Geschäftsführung im  Zimmer einer Familie. „Wir leben mit kulturellen Unterschieden“, sagt sie.
Sahar Hesselbarth von der Human-Care-Geschäftsführung im  Zimmer einer Familie. „Wir leben mit kulturellen Unterschieden“, sagt sie. FOTO: LR / Frank Claus