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| 13:41 Uhr

Elbe-Elster trocknet aus
So eine Dürre: Hilfe - wir trocknen aus!

Kennen Sie das russische Märchen von der Rübe, wo der Großvater die Großmutter, seine Enkelin, Hund, Katze und Mäuschen ruft, um die Rübe zu ziehen? Bei Martinskirchen sind die Mühlberger Bauern davon weit entfernt. Dort werden die ersten Rüben gelb, sterben ab. In der unteren Bildmitte ist so ein „Kümmerling“ zu sehen.
Kennen Sie das russische Märchen von der Rübe, wo der Großvater die Großmutter, seine Enkelin, Hund, Katze und Mäuschen ruft, um die Rübe zu ziehen? Bei Martinskirchen sind die Mühlberger Bauern davon weit entfernt. Dort werden die ersten Rüben gelb, sterben ab. In der unteren Bildmitte ist so ein „Kümmerling“ zu sehen. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda/Mühlberg. Extreme Lage: In der Region fallen Gräben trocken. Bäume werfen ihre Blätter ab. Felder und Wiesen verdorren. Von Frank Claus

Die Hitzewelle hat kein Ende. Meteorologen prophezeien für die Wochenmitte in Elbe-Elster Temperaturen, die an der 40-Grad-Marke kratzen könnten. Die ohnehin extreme Situation scheint noch schlimmer zu werden als im Hitzejahr 2003.

Dieter Brosig aus Bad Liebenwerda kann es nicht fassen: „Ich bin jetzt 54 Jahre alt, aber das habe ich noch nie erlebt. Der Mühlgraben ist ausgetrocknet. Als Kinder haben wir am Wehr darin gebadet und locker bis zu den Schultern im Wasser gestanden.“ Dort, wo sich noch vor Jahren Hecht, Plötze, Wels und Stichling tummelten, reißt der Boden des Flussbettes auf, wuchert Grün alles zu.

Wann gab es das schon mal? In Bad Liebenwerda ist der Mühlgraben an der Dresdner Straße ausgetrocknet.
Wann gab es das schon mal? In Bad Liebenwerda ist der Mühlgraben an der Dresdner Straße ausgetrocknet. FOTO: LR / Frank Claus

Anders sieht es bei Oschätzchen auch nicht aus. Der rotbraune Boden der Kleinen Röder erinnert an Bilder aus Afrika. Tiefe Risse im Bett. Vereinzelt künden Spuren davon, dass sich jetzt Wildtiere über den neu gewonnenen Überweg freuen. Auf der Radtour vorbei am Burgwall in Kosilenzien fallen die vielen Bäume auf, die schon ihr Laub abwerfen. Mitten im Sommer. Kann der Bauhof sie noch retten?

Am Weg im ehemaligen Lager Mühlberg verdursten die ersten neu gepflanzten Bäume. Entlang der Straße von Altenau nach Mühlberg bieten die Apfelbäume am Straßenrand einen jämmerlichen Eindruck. Mickrige Früchte, viele davon liegen schon am Boden. Die Vorfreude des Frühjahrs auf ein reiches Apfeljahr und gute Mengen für die Lohnmost- annahme bei Bauer Fruchtsaft hat längst einen gehörigen Dämpfer bekommen.

Ein erbärmliches Bild: In der Kleinen Röder bei Oschätzchen reißt das Flussbett auf.
Ein erbärmliches Bild: In der Kleinen Röder bei Oschätzchen reißt das Flussbett auf. FOTO: LR / Frank Claus

Der alte Elbarm bei Mühlberg ist ebenfalls ausgetrocknet. Zwei Rehe äsen vom dort noch verbliebenen Grün. Auf den zeitig wie nie notgedroschenen Feldern  stehen die Stoppeln, selbst der Mais wird schon gehäckselt, damit wenigstens noch etwas Silage zusammenkommt.

Mühlberg: Der alte Elbearm ist trocken. Beim Hochwasser werden hier Sandsäcke gestapelt.
Mühlberg: Der alte Elbearm ist trocken. Beim Hochwasser werden hier Sandsäcke gestapelt. FOTO: LR / Frank Claus

Siegfried Lange von der Mühlberger Agrar GmbH klingt niedergeschlagen. „Nach der miesen Getreideernte haben wir kein Geld verdient. Was jetzt aber kommt, ist noch schlimmer. Wir verfüttern die Restbestände. Noch so ein Jahr verkraften wir nicht.“

Nicht nur wie hier bei Martinskirchen: „Bunte Blätter fallen...“ – Herbst mitten im Hochsommer.
Nicht nur wie hier bei Martinskirchen: „Bunte Blätter fallen...“ – Herbst mitten im Hochsommer. FOTO: LR / Frank Claus

Vor allem die Mutterkuh-Herden mit ihren Kälbern können einem leid tun. Sie „grasen“ auf von der Sonne verbrannten Wiesen. Ohne Zufüttern geht es nicht. Und hatte sich der Chef der Agrar GmbH, Uve Gliemann, vor drei Wochen noch optimistisch gezeigt – „unseren Zuckerrüben macht das noch nichts aus“ – muss er sich nun vermutlich bald revidieren. Auf einem Schlag bei Martinskirchen sind die ersten Rüben gelb. Nichts da mit dem Märchen von der Rübe, die so groß gewachsen ist, dass der Großvater zur Ernte Großmutter, Enkelin, Hund, Katze und Maus rufen muss, um diese herauszuziehen! In Martinskirchen werden es, sollte es so bleiben, maximal Rübchen werden.

Ein Eindruck, den Werner Stohr von der Zuckerfabrik Brottewitz nach einer ersten Proberodung Anfang des Monats bestätigt. Die Prognosen gehen jetzt schon von einem Minderertrag von etwa 15 Prozent im Vergleich zur Durchschnittserntemenge in den vergangenen fünf Jahren aus. Und, wenn nicht endlich Regen kommt, wird es noch schlimmer. Im vergangenen Jahr hat die Kampagne Anfang September begonnen. In diesem Jahr, das ist schon sicher, erst Mitte des neunten Monats.

Am einstigen Elbe-Rübenverladeplatz der Zuckerfabrik Brottewitz: Die Elbe gibt die Buhnen preis. Die Schifffahrt ist in großen Teilen des Flusses nicht mehr möglich. Nur Angler können für sich neue Stellen entdecken.
Am einstigen Elbe-Rübenverladeplatz der Zuckerfabrik Brottewitz: Die Elbe gibt die Buhnen preis. Die Schifffahrt ist in großen Teilen des Flusses nicht mehr möglich. Nur Angler können für sich neue Stellen entdecken. FOTO: LR / Frank Claus

In Koßdorf gibt es ihn, den einen Optimisten. Dieser hat sogar die Papiertonne an das Fallrohr „angeschlossen“, um Regen auffangen zu können. Welchen Regen?

Bei Lausitz ist der Rödergraben ausgetrocknet. Teile des Mühlgrabens bei Dobra führen kein Wasser mehr. Wie lang wird diese Liste der ausgetrockneten Gräben und verdorrten Flächen in diesem Jahr noch werden?

Optimist! In Koßdorf glaubt einer an Regen und hat vorsichtshalber die Papiertonne „angeschlossen“.
Optimist! In Koßdorf glaubt einer an Regen und hat vorsichtshalber die Papiertonne „angeschlossen“. FOTO: LR / Frank Claus