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Stadtentwicklung
Die eigenen Potenziale erkennen

In der Podiumsdiskussion tauschten sich Prof. Dr. Holger Schmidt, Bürgermeister Thomas Richter, Holger Pietschmann, Susann Kirst, Dr. Jürgen Othmar und Martin Ehring (v.l.) aus.
In der Podiumsdiskussion tauschten sich Prof. Dr. Holger Schmidt, Bürgermeister Thomas Richter, Holger Pietschmann, Susann Kirst, Dr. Jürgen Othmar und Martin Ehring (v.l.) aus. FOTO: Karsten Bär/bae1
Bad Liebenwerda. Stadtentwicklung in Bad Liebenwerda geht nur gemeinsam: Experte plädiert für Bürgerbeteiligung und aktive Eigentümeransprache. Karsten Bär / bae1

Prof. Dr. Holger Schmidt ist überzeugt: "Leuchttürme" - Kleinstädte mit Ausstrahlung also - wird es auch in Zukunft im ländlichen Raum geben. Was Verwaltung und Einwohner dazu beitragen können, ihre Stadt zum "Leuchtturm" zu machen, stand im Mittelpunkt eines Vortrages, den der Stadtentwicklungsexperte von der TU Kaiserslautern gerade im Gemeindezentrum in Bad Liebenwerda hielt. Eingeladen hatten die Stadtverwaltung und die Haus- und Grundbesitzgesellschaft mbH (HGB).

Starke Trends üben derzeit Einfluss auf die Innenstädte aus. Der demografische Wandel etwa, der eine schrumpfende, aber älter werdende Einwohnerschaft mit sich bringt. Oder die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Gruppen mit unterschiedlichsten Lebensstilen, denen man Angebote unterbreiten muss. Nicht zuletzt - und das spürt man in kleinen Städten am schmerzhaftesten - ändern sich im Handel die Strukturen: Er verliert seine Funktion als Leitbranche der Innenstadt; für manche ehemalige Einkaufsstraßen müsse man über Alternativen nachdenken. "Für die Bahnhofstraße in Bad Liebenwerda zum Beispiel", sagte Schmidt, der sich bei einer Führung durch die Kurstadt vor seinem Vortrag ein gutes Bild von den örtlichen Gegebenheiten gemacht hatte.

Die Stadtentwicklung allein den Kräften des Marktes zu überlassen, die "es schon richten" würden, sei unter diesen Bedingungen nicht ratsam. Vielmehr sei das Zusammenspiel von Kommune, Marktakteuren und Bürgern bzw. Zivilgesellschaft gefragt. Bürgerbeteiligung bezeichnete Schmidt als Schlüsselaufgabe - wies aber zugleich auf das "Partizipationsparadoxon" hin: Je weiter ein Projekt fortgeschritten sei, umso mehr steige einerseits das Interesse und das Engagement der Bürger, zugleich sinke aber die Möglichkeit der Einflussnahme. Soll heißen: Um Frustration zu vermeiden, müssen die Bürger so früh wie möglich eingebunden werden.

Intensiv ging der Experte auf die Thematik Gebäudeleerstand ein. Dieser habe über das einzelne Objekt hinaus Auswirkungen und entscheide mit darüber, ob eine Stadt attraktiv sei oder nicht. Um hier gegenzusteuern, müsse man die Eigentumsverhältnisse in ihrem jeweiligen Kontext betrachten. Eine Lösung bringe letztlich nur die direkte Eigentümeransprache an die sich Unterstützungsangebote anschließen können. Die Kommune könne sich durchaus auch selbst am Grundstücksmarkt engagieren und darauf einwirken, Blockaden zu lösen.

Gut anfreunden konnten sich die Teilnehmer einer sich anschließenden Podiumsdiskussion mit den Vorschlägen von Prof. Dr. Holger Schmidt. Die Schwierigkeit, Eigentümer ungenutzter Immobilien zu erreichen, bestätigte HGB-Geschäftsführer Martin Ehring. Stadtentwickler Dr. Jürgen Othmar - aktiv unter anderem im Dichterviertel der Kurstadt - betonte die Notwendigkeit, Rat und Tat der Bürgerschaft mit einzubeziehen. Holger Pietschmann von "Plan und Praxis" sagte, dass sich in den acht Jahren, die er in Bad Liebenwerda zu tun habe, viel in der Stadt bewegt habe und die Kommune inzwischen als eine der Innovativsten Brandenburgs gelte. Susanne Kirst, Leiterin Kurortentwicklung, verwies auf die konsequente Prioritätensetzung der Stadt und die zuverlässige Absicherung des Finanzbedarfs durch die Stadtverordnetenversammlung. Bürgermeister Thomas Richter (CDU) wünschte sich, dass vieles schneller gehen könnte. Auch die Untätigkeit einzelner Gebäudeeigentümer ist ihm ein Dorn im Auge. Zugleich verwies er auf aktives Agieren der Kommune. So habe man über die HGB die seit etlichen Jahren leerstehende ehemalige Brauerei im Südring erworben. Ein großes Lob ging von Richter an die Stadtverordneten. Sie würden sachlich und zum Wohle der Stadt arbeiten.

Aus dem Publikum äußerte Frank Prescher, Stadtverordneter (SPD), man benötige für die Innenstadtentwicklung eine hauptamtliche Kraft, für die man auch Geld in die Hand nehmen müsse. Jürgen Othmar warnte allerdings vor zu großen Erwartungen an eine solche Personalstelle, die nicht alles schaffen, allerdings durchaus Sachen beflügeln könne. Stadtentwicklungsexperte Schmidt empfahl, sich kleine Ziele zu setzen, sich etwa pro Jahr die Revitalisierung zweier Projekte vorzunehmen. "Das sind in zehn Jahren schon 20", so Schmidt.

Bürokratische Hemmnisse wurden in mehreren Wortmeldungen aus dem Publikum beklagt, etwa vom Stadtverordneten Hagen Hentzschel (CDU), der sich zudem auch mehr Bürgerbeteiligung wünscht. Eckhard Lehmann, Geschäftsführer des Bad Liebenwerdaer Planungsbüros WTU, beklagte, dass sich vor rund 15 Jahren im damaligen Stadtmarketingprojekt viele Bürger mit zahlreichen Ideen eingebracht hatten, dann allerdings dem Prozess ein zu enges Korsett angelegt wurde und seither die Ideen ausblieben. Zur Sprache kam darüber hinaus das Thema "ServiceQualität", ein Qualitätssicherungssystem, das Einrichtungen und Geschäften dabei helfen kann, besser zu werden.

Recht pessimistisch klang eine weitere Wortmeldung von Hagen Hentzschel, der kritisierte, man tue zu wenig für die Jugend und verliere sie deshalb. Hierauf gab es Gegenwind aus dem Publikum: Man könne als Kleinstadt nun mal nicht das Flair einer Großstadt bieten, wohl aber für junge Familien attraktiv sein. Auch Prof. Dr. Holger Schmidt betonte in der Podiumsdiskussion: Es komme darauf an, die eigenen Potenziale zu erkennen und zu entwickeln - und nicht nur die Probleme zu sehen.