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Dicke Luft in der Reiss-Grundschule

Architekt Rüdiger Karl (Mitte) führt den Bau- und Sozialausschuss durch die Schule.
Architekt Rüdiger Karl (Mitte) führt den Bau- und Sozialausschuss durch die Schule. FOTO: Frank Claus
Bad Liebenwerda. Der Bau- und Sozialausschuss der Stadtverordnetenversammlung Bad Liebenwerda ist frustriert über die Kostenlawine und gegen den Einbau einer Lüftungsanlage in der Grundschule. Frank Claus

Ist die Sanierung des Grundschulzentrums Robert Reiss in Bad Liebenwerda das viel zitierte Fass ohne Boden? Für den Linke-Abgeordneten Helmut Andrack ist es das scheinbar: "Ich bin erschrocken, womit ich als Abgeordneter immer wieder überrascht werde." Was er meint, sind die Kosten, die die Schaffung zeitgemäßer Unterrichtsbedingungen und die Gewährleistung neuer Sicherheitsstandards heute verschlingen. Obwohl: Erschrocken sein müsste er eigentlich nicht: Denn mit Beschluss vom 8. Juni 2016 haben die Abgeordneten die groben Kosten schon mal abgesegnet. Insgesamt gut zwei Millionen Euro haben sie damals für die nun anstehenden Bauabschnitte zur Kenntnis genommen. Doch bei zumindest einem Vorhaben räumt der Abgeordnete Hubert Blaas (Die Linke) ein, dass man sich damit hätte genauer beschäftigen müssen. Die Rede ist vom sogenannten Kriechkeller. Das ist ein nicht mal mannshoher Keller, der im Südflügel mittig unter den links und rechts darüber liegenden Klassenzimmern verläuft und in dem sich organisches Material befindet, das die Gebäudesubstanz zersetzt. Das muss herausgeräumt werden. Echte Abhilfe schafft nach Ansicht der Experten jedoch nur eine Belüftungsanlage, die dauerhaft Energie- und Wartungsaufwand verschlingt. Nach Ansicht der Abgeordneten sei hier zu wenig geprüft worden, ob das gleiche Ziel mittels Kernbohrungen nach draußen nicht auch durch eine natürliche Belüftung möglich gewesen wäre. Da zum Kriechkeller das Vergabeverfahren bereits läuft und in den Ferien gearbeitet werden soll, sind für Korrekturen alle Messen gesungen.

Was den Einbau einer Belüftungsanlage in das Schulgebäude betrifft, sind die Abgeordneten nun weitaus skeptischer. Während die Fachleute der mit der Untersuchung beauftragten AHS Ingenieurgesellschaft mbH Falkenberg erklärten, dass jeder Schulneubau heute mit einer Lüftungsanlage versehen werde und die Belastungen im Grundschulzentrum nach Messungen in verschiedenen Klassenräumen teils deutlich über den empfohlenen Richtwerten liegen, meinte Eckhard Wagner, sachkundiger Einwohner im Bauausschuss: "Belüftung hatten wir früher auch nicht. Und aus uns ist auch was geworden." Auf den Fachleute-Einwurf, dass Schüler, die ohne mechanische Belüftungsanlage lernen müssen, deutlich schneller zu Konzentrationsmängeln neigen und der Sauerstoffmangel oft auch zu Kopfschmerz führte, meinte Eckhard Wagner: "Ich bin früher auch nicht müde geworden."

Auch der Appell von Schulleiterin Monika Lehmann, die im Sommer von enormen Raumtemperaturen sprach, die immer wieder zum Hitzefrei führten, sowie erklärte, dass das Öffnen der Fenster auf der Hofseite wegen der Hitze und auf der Straßenseite wegen des Lärms nicht die erhofften Effekte bringe, konnte die Mehrheit der Abgeordneten nicht erweichen. Erst recht nicht, als die Fachleute die zwei Varianten zur Diskussion stellten. Die eine sieht den Einbau von Belüftungsrohren vor, die nicht verkleidet werden, die andere schließt die Installation einer Akustikdecke ein, die die Unterrichtsatmosphäre deutlich verbessere. Für den Einbau der Lüftungsrohre müssten 438 000 Euro kalkuliert werden, für die Akustikdecke kämen weitere 270 000 Euro dazu. Auch wenn das mit einer Drittelfinanzierung von Bund, Land und Stadt gestemmt werden könnte, ist das der Mehrheit der Abgeordneten des Bau- und Sozialausschusses, die nach der Besichtigung des Grundschulzentrums vor Ort tagten, zu viel. Helmut Andrack: "Wir haben hier ja keine Gesangsausbildung." Auch wenn die Fachleute die Betriebskosten für Strom und Wartung einer Belüftungsanlage mit 6200 Euro jährlich bezifferten und die Heizkosten von 7600 Euro entgegensetzten, die das Lüften über Fenster im Winter erzeuge, blieb Eckhard Wagner skeptisch: "Eine Belüftungsanlage ist auch kritischer hinsichtlich terroristischer Angriffe." Am Ende gab es drei Ja- und sechs Nein-Stimmen bei drei Enthaltungen. Damit ist die Lüftung samt Akustikdecke erst mal abgelehnt. Das letzte Wort hat die Stadtverordnetenversammlung.