ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 21:49 Uhr

Das finden Jäger nicht lustig
Brandenburg ist Waschbär-Land

 Niedlich, aber trotzdem ein Räuber: der Waschbär.
Niedlich, aber trotzdem ein Räuber: der Waschbär. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Bad Liebenwerda. Die Spitze des Eisbergs scheint bei der Zahl der Waschbären in Brandenburg längst noch nicht erreicht. Jetzt schlägt der Deutsche Jagdverband Alarm. Von Frank Claus

Nicht Fuchs und Elster sagen sich in Brandenburg gute Nacht, sondern Fuchs und Waschbär! Denn der putzige Geselle, der einst aus Nordamerika nach Deutschland kam, ist längst zu einer Plage geworden. Seit den 1930er-Jahren vermehrt er sich nach Angaben des Naturschutzbundes (NABU) rasant. Er ist in Deutschland auf optimale Lebensräume gestoßen.

Waschbären breiten sich in Brandenburg rasant aus

Angaben des Jagdberichtes des Landes Brandenburg zufolge, der durch das Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) veröffentlicht wird, wurden im Jagdjahr 2014/2015 mehr als 24 000 Tiere geschossen. Im Jagdjahr 2016/17 wurden schon 28 080 Exemplare erlegt. Und die Spitze des Eisbergs scheint immer noch nicht erreicht: Jetzt schlägt der Deutsche Jagdverband Alarm. Im vergangenen Jagdjahr 2017/18 wurden in Brandenburg mehr als 35 000 Waschbären erlegt.

 Beispiel Elbe-Elster: Waschbär auf dem Vormarsch
Beispiel Elbe-Elster: Waschbär auf dem Vormarsch FOTO: LR / Sebastian Lehmann

Zum Vergleich: Etwas mehr als zehn Jahre vorher, so der NABU, waren es im Jagdjahr 2004/2005 nur knapp 4600 Tiere. Dabei stellen die erfassten, erlegten Tiere nur die Dunkelziffer dar. Die Bestände sind weitaus höher. Und das Raubtier rückt immer mehr in Siedlungsgebiete vor.

Verbreitungsgebiet hat sich in Deutschland mehr als verdoppelt

Zusätzlich erobern die Waschbären immer größere Flächen. Im Vergleich zu 2006, so der Deutsche Jagdverband, hat sich das Verbreitungsgebiet bundesweit mehr als verdoppelt: Über 56 Prozent der Jagdreviere meldeten 2017 sein Vorkommen. Besonders häufig ist er demnach im Osten Deutschlands: Jäger aus Sachsen-Anhalt haben ihn in 94 Prozent der Reviere gesichtet, gefolgt von Brandenburg (89 Prozent), Sachsen (76 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (68 Prozent). Sehr häufig ist der Waschbär nach Angaben des Jagdverbandes auch in Hessen (86 Prozent).

Vor allem die Sachsen haben massive Probleme mit der Waschbären-Plage

Besonders drastisch ist die Ausbreitung des Kleinbären in Sachsen: Innerhalb von elf Jahren hat der Waschbär sein Areal bis 2017 um das 4,5-fache (plus 345 Prozent) erweitert. Mecklenburg-Vorpommern folgt mit plus 323 Prozent, dann kommt Sachsen-Anhalt mit einem Plus von 117 Prozent. Insgesamt haben sich am Monitoring, so der Jagdverband, Reviere mit einer Gesamtfläche von knapp 13 Millionen Hektar beteiligt – das entspricht 40 Prozent der gesamten Jagdfläche Deutschlands.

Die deutschlandweiten Entwicklungen kann auch Stefan Lindner von der Unteren Jagdbehörde des Landkreises Elbe-Elster bestätigen. Dort liegen hinsichtlich der erlegten Strecke in der Kategorie „nicht planbares Wild“ Fuchs (1754) und Waschbär (1722) fast gleichauf. Dass der Bestand jemals wieder zurückgedrängt werden kann, glaubt Stefan Lindner nicht. „Ich glaube, diesen Kampf haben wir verloren.“

Menschen tragen eine Mitschuld

Daran werde vermutlich, so seine Überzeugung, auch die jetzt aufgemachte Forderung nach mehr Lebendfallenfang nichts ändern. Wie auch Torsten Spillmann-Freiwald von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Elbe-Elster hält er sie aber dennoch für unumgänglich, um zumindest die Schäden in Siedlungsgebieten nicht noch mehr ausufern zu lassen. Denn der Waschbär futtert eben nicht nur mit Vorliebe Beeren und Nüsse, sondern vertilgt auch Insekten und Weichtiere sowie Amphibien, Fische und Vögel. Er wühlt städtische Rabatten durch und reißt Blumen aus Kübeln und Töpfen. Angelockt wird er zudem vom reichhaltigen Futterangebot, das ihm der Mensch auf Komposthaufen und in Biotonnen liefert.

 Keine seltene Sichtung: Ein Waschbär bedient sich in einer Mülltonne.
Keine seltene Sichtung: Ein Waschbär bedient sich in einer Mülltonne. FOTO: Magalie St-Hilaire poulin/shutterstock

Spektakuläre Vorfälle hat es dabei immer wieder gegeben. In Sachsen hat ein Winzer schließlich „Selbstjustiz“ angewandt, nachdem Waschbären ihm große Teile seines Weinberges leer fraßen und er die in Fallen gefangenen Tiere wenig artgerecht selbst tötete. Der Mann verteidigte sich damals mit hohen Kosten, die das Töten durch einen befähigten Forstwirt verursacht hätte. Von 35 bis 40 Euro pro Tier war die Rede.

Summen, die Stefan Lindner in Elbe-Elster so nicht kenne. Wenn Waschbären in nicht bejagbaren Bezirken (überwiegend Wohngebiete) in Lebendfallen gefangen würden, würde der Preis für die fachgerechte Tötung zumeist zwischen dem Fallenaufsteller und dem befähigten Jäger vereinbart. Aber dennoch: Um die Waschbären-Population nicht noch weiter ausufern zu lassen, sei eine Abschussprämie für Jäger sinnvoll, um höhere Anreize zu schaffen.

Jäger können den Kleinbären nicht zurückdrängen

Wissenschaftler sehen die Bejagung als wenig sinnvoll an. Die Tiere seien sehr anpassungsfähig: Je mehr sie bejagt würden, umso schneller vermehrten sie sich, heißt es in einem Beitrag des rbb. „Bisher hat die Jagd den Waschbär nicht zurückgedrängt. Und wo er gute Lebensbedingungen findet, wird er sich auch weiter ausbreiten“, wird darin die Biologin Berit Michler von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde zitiert. Zudem gäbe es Erkenntnisse, wonach einige Gebiete „waschbär-gesättigt“ seien. Dort würden die Populationen kaum noch wachsen.

Interessant ist auch ein Blick auf die weitere Strecke „nicht planbares Wild“ in Elbe-Elster. Immerhin kommt die Stockente da auf Platz 3 mit 428 erlegten Tieren. „In unserem Kreis gibt es mehrere Teichflächen und einige Jäger, die ab und an gern auf Entenjagd gehen“, begründet Stefan Lindner. Während die Jagd auf Marderhund und Dachs wenig aufsehenerregend scheint, überrascht die auf Graugans und Höckerschwan dann doch. „Graugänse richten unter anderem durch ihren aggressiven Kot große Schäden in der Landwirtschaft an“, so der Jagdexperte. Im Übrigen sei die Jagd auf Graugänse „harte Arbeit“. Da müsse man sich mit viel Geschick heranpirschen, um überhaupt zum Abschuss zu kommen. Und die neun Höckerschwäne seien zumeist bei Teichwirtschaften geschossen worden, um die Fischräuber zu vergrämen.