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Der Zwiespalt der Geschichte

Am Denkmal auf dem Soldatenfriedhof in Neuburxdorf legten auch ehemalige Insassen des sowjetischen Speziallagers Kränze nieder.Zum 15. Gedenktreffen der Initiativgruppe Lager Mühlberg versammelten sich viele ehemalige Insassen und deren Angehörige.
Am Denkmal auf dem Soldatenfriedhof in Neuburxdorf legten auch ehemalige Insassen des sowjetischen Speziallagers Kränze nieder.Zum 15. Gedenktreffen der Initiativgruppe Lager Mühlberg versammelten sich viele ehemalige Insassen und deren Angehörige. FOTO: Fotos: kb
Neuburxdorf.. 60 Jahre ist es her, dass mit dem Krieg auch das Leid vieler Millionen Menschen beendet wurde. Doch für andere begann damit neues Leiden. „Diese Ambivalenz der Geschichte lässt sich nicht auflösen“ , sagte Pfarrer Matthias Taatz am Sonnabend während des 15. Gedenktreffens der Initiativgruppe Lager Mühlberg. „Sie muss ertragen werden.“ Über Gräbern der Opfer reichten sich ehemalige Kriegsgefangene wie Insassen des späteren sowjetischen Speziallagers Mühlberg die Hände. Von Karsten Bär

Eberhard Hoffmann war 17, als er in das Speziallager Mühlberg gebracht wurde. Der Vorwurf: Er soll als so genannter „Werwolf“ gegen die sowjetischen Truppen vorgegangen sein. „Eine allgemeine Beschuldigung gegenüber Jugendlichen in der damaligen Zeit“ , so Hoffmann. Rund 15 000 Jugendliche seien in Ostdeutschland auf diese Weise in Lager verbracht worden. „Der Jüngste von uns war zwölf.“ Viereinhalb Jahre blieb Hoffmann inhaftiert, zuerst in Mühlberg und später im Speziallager Buchenwald.
Den Kontakt zu seinen Leidensgenossen hat der heute 77-Jährige aus der Nähe von Chemnitz nie abreißen lassen. Doch an ein würdiges Gedenken war über Jahrzehnte nicht zu denken. Erst mit der Wende kam diese Chance. 1990 fand das erste Gedenktreffen in Neuburxdorf statt. Seit sich 1991 die Initiativgruppe gründete, engagiert sich Hoff mann im Vorstand.
Mitte der 1990er-Jahre begannen ehemalige Insassen des Kriegsgefangenenlagers Stalag IVb, das Lager wieder zu besuchen, seither bekamen die Gedenktreffen der Initiativgruppe eine neue Dimension. „Aus diesem Grund nennen wir uns bewusst Lager Mühlberg und nicht Speziallager“ , erklärt Eberhard Hoffmann. „Wir wollen diesen Zeitabschnitt nicht ausklammern, Geschichte kann man nicht trennen.“ Die Gedenkveranstaltungen umfassen daher nicht nur eine Ehrung der Opfer des Speziallagers, sondern auch der des Kriegsgefangenenlagers, die auf dem Soldatenfriedhof Neuburxdorf begraben sind. „Dieser Teil wird mehr und mehr auch von den Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Speziallagers angenommen“ , hat Pfarrer Taatz, der die Initiativgruppe mitbegründete, festgestellt. Allerdings besucht nicht in jedem Jahr eine so große Gruppe ehemaliger Kriegsgefangener die Gedenkveranstaltung: Britische und niederländische Veteranen und deren Angehörige legten dieses Mal Kränze nieder und gedachten ihrer in Gefangenschaft umgekommenen Kameraden. Dass dies in Neuburxdorf in einer gemeinsamen Veranstaltung geschieht, bewerteten viele Redner am Sonnabend als ein Zeichen der Verständigung und Versöhnung.
Für das Kriegsgefangenenlager Stalag IVb gilt der 23. April 1945 als Tag der Befreiung. „Aber nur für die westlichen Gefangenen“ , wie Eberhard Hoffman betont. „Die sowjetischen Gefangenen wurden von Stalin als Verräter betrachtet und umgehend in sibirische Arbeitslager gebracht.“ Auch das ist es, was Pfarrer Matthias Taatz meint, wenn er von „Ambivalenz der Geschichte“ spricht.

Hintergrund Lager Mühlberg
 In der Nähe von Mühlberg wurde 1939/40 auf Neuburxdorfer Flur das Kriegsgefangenenlager „Stammlager (Stalag) IVb“ eingerichtet. Es diente als Durchgangs- und Sammellager für gefangene Soldaten aus fast allen Krieg führenden Nationen. Rund 3000 Soldaten überlebten die Zeit der Gefangenschaft nicht.
Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde es zunächst als Lager für die gefangenen sowjetischen Soldaten der Wlassow-Armee genutzt, bevor es im September 1945 vom sowjetischen NKWD übernommen wurde. Bis 1948 wurden hier 22 000 Menschen interniert. Ihnen wurde Spionage und ähnliche Vergehen vorgeworfen, ohne dass die Schuldfrage geklärt wurde. 7000 Lagerinsassen überlebten nicht.