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Gepflastert mit Widerständen und Skepsis
Der schwere Weg der Integration

Sie gehören zu den 25 unbegleiteten Flüchtlingen, die in berufsvorbereitenden Kursen im OSZ Elsterwerda fit für die Ausbildung gemacht werden. In der Holzabteilung haben sie diese Blumenkästen gebaut. Die Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft will ihnen Berufe im Handwerk schmackhaft machen.
Sie gehören zu den 25 unbegleiteten Flüchtlingen, die in berufsvorbereitenden Kursen im OSZ Elsterwerda fit für die Ausbildung gemacht werden. In der Holzabteilung haben sie diese Blumenkästen gebaut. Die Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft will ihnen Berufe im Handwerk schmackhaft machen. FOTO: Frank Claus / LR
Elbe-Elster. Erfahrungen der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft und des Oberstufenzentrums. Von Frank Claus

In nahezu allen Bereichen der Wirtschaft und des Handwerks werden Leute gesucht. Am besten gut ausgebildete Fachkräfte. Schon Deutsche sind schwer zu bekommen. Müssten Flüchtlinge da nicht große Chancen haben?

Die Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft hat gemeinsam mit dem Oberstufenzentrum Elbe-Elster einen neuerlichen Versuch gestartet, Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Um es vorwegzunehmen: Es ist ein beschwerlicher Weg. Gepflastert mit Widerständen und Skepsis, teils verbaut von bürokratischen Hürden und mitunter auch gekennzeichnet von offener Ausländerfeindlichkeit.

Kreishandwerksmeister Jürgen Mahl und Ellen Lösche, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, haben trotzdem den Schritt erneut gewagt. Im Landkreis Elbe-Elster gibt es ihren Angaben zufolge gegenwärtig 25 unbegleitete Jugendliche. Sie werden am Oberstufenzentrum Elsterwerda im Rahmen einer zweijährigen Berufsvorbereitung für die spätere Ausbildung fit gemacht. Nach dem Erlernen der deutschen Sprache sollen sie sich bei Praktika in Handwerksbetrieben ein Bild über Berufe in Deutschland machen. Ellen Lösche gesteht: „Allein das ist eine Riesenherausforderung – für die Betriebe und für die Jugendlichen. Da spielen Sitten und Bräuche eine Rolle, die Auffassung zur Arbeit, das Verhalten gegenüber Kunden.“

Der immer wieder gehörte Satz: Wer hier leben will, muss die Normen des Lebens hier akzeptieren, sei eben nicht von heute auf morgen realisierbar. Wer aus anderen Kulturen komme, könne nicht einfach den Hebel umlegen und ein anderer Mensch sein. Junge Flüchtlinge seien in vielen Punkten nicht anders als junge Menschen in Deutschland: Sie wollen sich austesten, Grenzen ausloten, mitunter auch Rebell sein.

Wer nicht sofort einen Praktikumsplatz in einem Handwerksbetrieb gefunden hat, wird zunächst in der Bildungsstätte der Kreishandwerkerschaft und im Oberstufenzentrum auf Berufe vorbereitet – vordergründig im Metall-, Holz- und Malerhandwerk.

Annett Petrich, seit Juni des vergangenen Jahres Willkommenslotsin in der Kreishandwerkerschaft und Ansprechpartnerin für alle Flüchtlinge, die sich für Handwerksberufe interessieren, kennt längst die Tücken der Integration. Sie war zuvor sieben Jahre bei einem Bildungsträger beschäftigt, hat in den vergangenen zwei Jahren in Lübbenau das Projekt „Perspektiven für Flüchtlinge“ auf den Weg gebracht. 120 Namen von Asylbewerbern – sie betreut die Landkreise Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz – hat sie gegenwärtig in ihrer Datei. 28 davon befinden sich in Praktika bei Handwerksunternehmen, zehn sind in der Ausbildung. Elf haben eine feste Arbeit und sieben absolvieren die Einstiegsqualifizierung.

Ihre Erfahrungen? Höchst unterschiedlich. Doch am Ende ist eins der Scharfrichter. Welchen Status haben die Flüchtlinge? Haben sie eine Chance, in Deutschland zu bleiben? Handwerksbetriebe wie Unternehmen, so weiß sie, wollen schnell Sicherheit haben, ob sich der Aufwand, Flüchtlinge auszubilden oder zu qualifizieren auch lohne.

Dabei seien Arbeitgeber wie Bewerber eben höchst unterschiedlich: Manche Firmenchefs wollen Flüchtlingen wenigstens eine Chance geben. Andere lehnen das kategorisch ab, mitunter auch mit klar ausländerfeindlichen Aussagen. Und nicht wenige würden sich hinter ihren Mitarbeitern verstecken, die dem Chef nahelegen, mit einem Flüchtling lieber nicht zusammenarbeiten zu wollen.

Annett Petrich will nicht aufgeben. Auch am Freitag hat sie wieder Gesprächstermine bei Handwerksbetrieben, will über Willkommenskultur in Betrieben reden und sie in Köpfen fördern. Und sich um die Einwände der Arbeitgeber kümmern. Der Führerschein ist so ein Problem. „Handwerker signalisieren, dass sie ja einstellen würden, aber ohne Führerschein keine Chance“, weiß die Willkommenslotsin. Doch da beißt sich die Katze in den Schwanz: Auch Arbeitsagenturen würden Unterstützung meist nur dann gewähren, wenn der Aufenthaltsstatus den Flüchtlingen eine Perspektive verspricht.

Einer könnte sie haben: Edris aus dem Sudan. Er hat Schliebens Malermeisterin Maria Hilbrich als Zeichen des Danks nicht nur ein dreiteiliges, auf Leinwand gemaltes Bild geschenkt. Er hat auch richtig Talent. Die Handwerksmeisterin  erwägt nun, ihn weiter zu fördern.