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Domsdorf/Berlin
Der Rummel um Siedlung „Alwine“ hält an

Ein Blick in das Auditorium in der Friedrichstraße, wo auch die Siedlung „Alwine“ am Sonnabend versteigert wird.
Ein Blick in das Auditorium in der Friedrichstraße, wo auch die Siedlung „Alwine“ am Sonnabend versteigert wird. FOTO: Frank Claus / LR
Domsdorf/Berlin. Für 140 000 Euro erhält ein Berliner den Zuschlag. Er will die Siedlung „zum Wohle der Bürger“ entwickeln.

Gegen 14.45 Uhr ruft das Berliner Auktionshaus Karhausen am Sonnabend die Nummer 58, die Siedlung „Alwine“ auf. Wenig später steht fest: Die ehemalige Bergarbeitersiedlung aus dem Ortsteil Domsdorf der Stadt Uebigau-Wahrenbrück (Elbe-Elster) geht für 140 000 Euro über den Tisch. Nach Aussage eines Sprechers des Auktionshauses bekommt somit ein Anbieter, der bereits im Vorfeld per Fax sein Interesse bekundete, den Zuschlag. Obwohl das Auditorium in der Berliner Friedrichstraße gut gefüllt ist und sich im Vorfeld der Versteigerung mehr als 40 Interessenten beim Auktionshaus nach der „Alwine“ erkundigt haben, bleibt es bei dem einen Bieter.

Gleich nachdem der Hammer fällt, werden Uebigau-Wahrenbrücks Bürgermeister Andreas Claus und Domsdorfs Ortsvorsteher Peter Kroll, die die Auktion verfolgt haben, von Medienleuten aus vielen Teilen der Bundesrepublik umringt. Sie müssen Interviews geben. Eine kurze Pressekonferenz wird angesetzt. Sechs Fernsehstationen haben ihre Kameras aufgebaut und berichten in ihren Abendsendungen von der außergewöhnlichen Versteigerung.

Andreas Claus hat vor dem Aufruf der Nummer 58 von Matthias Knake vom Auktionshaus Karhausen erfahren, dass ein schriftliches Angebot vorliegt. Das sei mit der Angebotssumme von 140 000 Euro und den Worten „zum Wohle der Bürger“ versehen. Die Versteigerung der „Alwine“ hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, nachdem die Bild-Zeitung ganzseitig getitelt hatte: Ein Dorf wird versteigert.

15 Einwohner wohnen noch dort. Erfolgreich versteigert werden am Sonnabend somit fünf Doppelhaushälften, ein Ein- und zwei Mehrfamilienhäuser mit den Hausnummern 100 sowie 102 bis 106. Allesamt sind im „umfassend modernisierungs- und sanierungsbedürftigen Zustand“, heißt es im Katalog für die Winterauktion. Dazu kommen noch zwei große Nebengebäude sowie etwa zehn Schuppen und Garagen. Das Ganze steht auf knapp 17 000 Quadratmeter Fläche. Im Versteigerungs-Katalog, dort wird die „Alwine“ als „Siedlung mit Dorfcharakter“ bezeichnet, sind 125 000 Euro als Mindestgebot angegeben.

Für Bürgermeister Andreas Claus hat die Versteigerung eine beschämende Seite. Im Jahr 2000 hatten zwei Brüder die „Alwine“ für eine symbolische Mark von der Treuhand bekommen. Gekümmert haben sie sich all die Jahre nicht um ihr Eigentum. „Es standen doch bestimmt auch Verpflichtungen im Kaufvertrag. Kontrolliert hat die aber vermutlich nie einer“, glaubt der Bürgermeister. Ortsvorsteher Peter Kroll sieht die menschliche Seite: „Wir stehen kurz vor Weihnachten. Die Bewohner in der Alwine wissen jetzt immer noch nicht, wie es weitergehen wird.“ Andreas Claus hat deshalb gegenüber dem Auktionshaus auch erklärt, dass die Stadt in Zusammenarbeit mit einem Anwalt ein „gemeindliches Vorverkaufsrecht“ prüfe. Ob man es ausüben wolle, hänge davon ab, welche Ergebnisse die Gespräche mit dem erfolgreichen Bieter bringen und wie sich die Stadtverordneten positionieren. „Wir müssen erst einmal wissen, was unter ,zum Wohle der Bürger’ gemeint ist“, sagt Andreas Claus.

Übrigens: Sogar in China hat die außergewöhnliche Versteigerung für Interesse gesorgt. Das bestätigt Lei Zhou, nach eigenen Angaben ein freiberuflicher Journalist, telefonisch gegenüber der RUNDSCHAU. „Viele haben sich gewundert, dass man in Deutschland ein Dorf für so wenig Geld erwerben kann“, sagt er. Er selbst habe keinen Auftrag gehabt, an der Auktion teilzunehmen. Am Rande der Versteigerung wurden Mutmaßungen laut, dass Chinesen die „Alwine“ kaufen und dort einen eigenen Bürgermeister etablieren wollen. „Davon weiß ich nichts“, sagt Lei Zhou.

Der Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück,  Andreas Claus (2.v.l.), dicht umringt von Journalisten unmittelbar nach der Versteigerung der Siedlung „Alwine“ in Berlin.
Der Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück, Andreas Claus (2.v.l.), dicht umringt von Journalisten unmittelbar nach der Versteigerung der Siedlung „Alwine“ in Berlin. FOTO: Peter Kroll
Alwine. Screenshot/ZDF/LR
Alwine. Screenshot/ZDF/LR FOTO: Screenshot/ZDF/LR
In vielen Abendsendungen, hier das „ZDF heute journal“, wird über die außergewöhnliche Versteigerung am Sonnabend berichtet.
In vielen Abendsendungen, hier das „ZDF heute journal“, wird über die außergewöhnliche Versteigerung am Sonnabend berichtet. FOTO: Screenshot/ZDF/LR