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| 02:41 Uhr

Der ehrliche Finder Mohammed

Mohammed: "An dieser Stelle habe ich das Portemonnaie gefunden."
Mohammed: "An dieser Stelle habe ich das Portemonnaie gefunden." FOTO: Mona Claus/mcl1
Bad Liebenwerda. Verloren, vergessen, verlegt: Der Schreck ist groß, wenn das Portemonnaie plötzlich weg ist. Riesig aber die Freude, wenn es jemand gefunden und abgegeben hat. Erlebt hat das Roland Schneider aus Prettin in Bad Liebenwerda. Der ehrliche Finder ist ein Libanese. Mohammed (22) hofft, in Deutschland Asyl zu bekommen. Mona Claus / mcl1

Seit zwei Jahren ist Roland Schneider aus Prettin Patient im Epikur-Gesundheitszentrum in Bad Liebenwerda. Aus Richtung Jessen kommend, ist es zwar nicht der schnellste Weg zum Arzt, aber Roland Schneider fühlt sich mit seiner Krankheit beim Rheumatologen im Epikur gut betreut. Eine Routineuntersuchung stand in der vergangenen Woche im Kalender des Schwerbehinderten. Gegen 8.30 Uhr parkt Roland Schneider auf dem Parkplatz am Hag. Auf dem Weg zum Epikur, es ist mächtig kalt an diesem Morgen, kramt der 59-jährige Sachsen-Anhaltiner seine Handschuhe aus der mitgeführten Tasche. An der Epikur-Anmeldung nach der Krankenkassenkarte gefragt, stutzt Roland Schneider: Das Portemonnaie ist nicht dort, wo es sein sollte. Noch hofft er, es im Auto vergessen zu haben und eilt zum Parkplatz. Doch Fehlanzeige. Bis zum Gedanken, sich wirklich Sorgen machen zu müssen, weil Papiere neu beantragt werden müssen und das mitgeführte Geld futsch sein könnte, kommt der Mann gar nicht. Noch ruht seine letzte Hoffnung darin, die Geldbörse zu Hause vergessen zu haben. "Dass ich meine Papiere verloren haben könnte, daran habe ich nicht geglaubt", erzählt Roland Schneider im Nachhinein am Telefon von der erlebten Situation in Bad Liebenwerda.

Doch weit gefehlt. Der Libanese Mohammed kreuzt zwischenzeitlich den Weg von Roland Schneider. Mohammed ist an diesem Morgen auf dem Weg ins Grundschulzentrum Robert Reiss, um dort seine kleine Schwester für den Schulbesuch anzumelden. Dem jungen Ausländer fällt die prall gefüllte Geldbörse, die am Parkplatz auf dem Boden liegt, sofort ins Auge. Er nimmt sie an sich und bringt sie zur Grundschulrektorin Monika Lehmann. Keinen Moment hat er daran gedacht, den Inhalt zu behalten. "Der gehört mir doch nicht", erklärt er. In der Schule findet die Rektorin zwar den Ausweis, einen Nothilfepass und etliches Bargeld im Portemonnaie. Aber nirgendwo ist eine brauchbare Telefonnummer notiert, um den Mann vom Verlust schnell informieren zu können. Schulleiterin Monika Lehmann nimmt Portemonnaie und Dokumente an sich, notiert Mohammeds Telefonnummer und informiert die RUNDSCHAU: "Wollt Ihr das nicht mal schreiben? Wo Flüchtlinge in der öffentlichen Diskussion doch oft so schlecht hingestellt werden." Der Libanese macht sich auf den gleichen Weg wie morgens wieder nach Hause.

Der Zufall will es, dass Mohammed sich das Foto und den Namen vom Ausweis gemerkt hat. Mit einem Mal steht auf seinem Rückweg genau dieser Mann vor ihm. Er fragt ihn: "Sind Sie Herr Schneider? Ich habe Ihre Geldbörse gefunden. Kommen Sie bitte ganz schnell mit." Gemeinsam finden sich alle im Rektorenzimmer im Grundschulzentrum wieder. Roland Schneider ist überrascht. Erst da wird ihm bewusst, welche Wege ihm erspart geblieben sind. Zumal ihm das nicht zum ersten Mal passiert sei, erzählt der Anhaltiner. "Ich war so dankbar. Alles war komplett im Portemonnaie. Besonders wichtig waren mir die Kreditkarte und mein Schwerbehindertenausweis. Wie es sich gehört und weil es mir ein Bedürfnis war, mich zu bedanken, wollte ich Mohammed seinen Finderlohn geben", erzählt Roland Schneider. Der allerdings habe sich gesträubt. Rektorin Monika Lehmann griff ein und erklärte dem Libanesen die hiesigen Gegebenheiten.

Mit keinem Gedanken ist dem Sachsen-Anhaltiner bewusst, dass Mohammed ein Ausländer ist. "Ich habe täglich auf der Arbeit mit Ausländern zu tun", sagt der Mitarbeiter aus dem Jobcenter Wittenberg. "Mir ist wirklich egal, welche Hautfarbe die Menschen haben, ob rot, gelb oder grün. Besonders fällt mir auf, dass die Ausländer durchweg in unserer Behörde freundlich grüßen, da haben die Deutschen doch wirklich Nachholbedarf." Er appelliert auch, Vorurteile gegenüber ausländischen Mitbürgern nicht zuzulassen.

"Ich freue mich, auf so einen ehrlichen Menschen gestoßen zu sein", erklärt Roland Schneider und hofft, Mohammed ein weiteres Mal seinen Dank aussprechen zu können. Er möchte ihn gern noch einmal wiedersehen.