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| 02:38 Uhr

Der deftige Luther in Saxdorf

Machen mit Musik aus Luthers Zeiten bekannt: Tenor Robert Sellier und die Lautten Compagney.
Machen mit Musik aus Luthers Zeiten bekannt: Tenor Robert Sellier und die Lautten Compagney. FOTO: Frank Claus
Saxdorf. Ausverkauft! Mehr als 130 Zuhörer haben sich Konzert und Lesung über den "wilden Luder" am Sonntag in der Kirche in Saxdorf nicht entgehen lassen. Frank Claus

Freilich, in Saxdorf muss er auch gewesen sein. Bestimmt im Jahr 1544, "als er von Torgau kommend über den alten Feldweg nach Liebenwerda unterwegs war". Jetzt, wo jeder an Martin Luther zerrt, meint Pfarrer Karl-Heinz Zahn mit einem Augenzwinkern zur Begrüßung, könne das Saxdorf auch.

Mit der Lautten Comgagney aus Berlin, Tenor Robert Sellier und dem Sprecher - "in aller Freundschaft, mein Name ist Michael Trischan" - bietet der Landkreis eine weitere hochkarätige Veranstaltung im Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation", so Kulturamtsleiter Andreas Pöschl.

Die Musik und die Texte von damals, sie sind mitunter aktuell wie eh und je - lösen auch Stirnrunzeln aus - besonders, wenn es um die Rolle der Frau geht. Dem weiblichen Geschlecht gegenüber war Luther, wie der Schauspieler und grandiose Sprecher an diesem Nachmittag belegt, äußerst widersprüchlich: Habe er einerseits behauptet "Unkraut wächst schneller, also wachsen Mädchen schneller als Jungen" und "Wir fürchten uns vor dem Eigensinn der Frauen, vorm Geschrei der Kinder und vor schlechten Nachbarn" verehrte er anderseits seine Frau Katharina von Bora, die er ob ihrer Fähigkeiten der Haushaltsorganisation liebevoll "Herr Käthe" nannte. Trocken seine Vorstellung zum Eheverständnis: "In der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr" und gefühlvoll seine Sprache beim Verlust der eigenen Tochter: "Die Glocken klingen, klingen viel anders denn sonst, wenn einer einen Toten weiß, den er lieb hat."

Luthers Worte - sie sind noch heute eine Fundgrube. Michael Trischan über seine Lesung: "Luthers Sprache wimmelt im Original nur so von erfundenen Einhörnern und Hexen, Zoten, Banalitäten und wendigen Klugheiten." Apropos Einhörner und damit zum Titel des vergnüglichen Nachmittags: "Errettet mich von den Einhörnern!" Aus dem Wörterbuch zur Luther-Bibel von 1545 ist zu entnehmen, dass Luther dieses aus dem Hebräischen stammende Wort vermutlich frei übersetzt hat und damit einen Stier meinte. Und so auch die wilden Bornierten geißelte?

Im Zusammenspiel von Musik, ausdrucksstarkem Gesang und sowohl nachdenklich stimmenden, aber vor allem heiteren Texten ist es ein anregender Nachmittag, der allen Akteuren minutenlangen Applaus einbringt.